Rüdiger Hahn (31) ist für seine Doktorarbeit in der Betriebswirtschafts- lehre über Armut ausgezeichnet worden.

Düsseldorf. Der 31-jährige Rüdiger Hahn hat an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Heine-Uni seine Doktorarbeit über Armut geschrieben. Statt sich um seinen persönlichen Profit zu kümmern, hat er das Wohl der Ärmsten der Armen im Blick.

Herr Hahn, Sie haben sich für Ihre Dissertation die Ärmsten der Armen ausgesucht. Warum?

Hahn: Schon während meines Studiums in Düsseldorf fand ich Vorlesungen zu Unternehmensverantwortung und nachhaltiger Entwicklung besonders spannend. Während meines Studiums habe ich daher auch ein mehrmonatiges Praktikum bei einer Nicht-Regierungsorganisation in Neu-Delhi in Indien absolviert. Dort habe ich hautnah mitbekommen, was es heißt, wirklich arm zu sein. Das war für mich eine sehr prägende Zeit.

Und nach dem Studium?

Hahn: Danach wollte ich unbedingt beim Thema bleiben. Im Rahmen der Suche nach einem Dissertationsprojekt sah ich die Möglichkeit, mit diesem Bereich wissenschaftliches Neuland zu betreten, da das Thema "Geschäftsmodelle für die und mit den Ärmsten der Armen" bisher wenig Beachtung gefunden hatte.

Rüdiger Hahn wurde 1978 in Düsseldorf geboren. Nach Abitur Ausbildung zum Werbekaufmann bei Grey. 2000 das Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Heine-Uni, das er vor vier Jahren mit einem ausgezeichneten Examen zum Diplom-Kaufmann abschloss. Promotionsstudium, im März 2009 mit der Note Summa cum laude abgeschlossen. Gegenwärtig arbeitet er als Habilitand am Lehrstuhl für Produktionswirtschaft und Umweltökonomie.

Von welchen und wie vielen Menschen reden wir überhaupt?

Hahn: Die "Base of the Pyramid" beschreibt den Teil der Bevölkerung, der am unteren Ende der Einkommenspyramide lebt. Nimmt man die Armutsgrenze der Weltbank von 2,5 US-Dollar Einkommen pro Tag als Messlatte, so umfasst dieses Segment weltweit fast vier Milliarden Menschen und damit mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Ungefähr 1,5 Milliarden von ihnen leben sogar in so genannter "extremer Armut", das heißt, sie müssen regelmäßig Hunger leiden und haben oft kein Dach über dem Kopf.

Sie haben in Ihrer Arbeit verschiedene Ansätze untersucht, die diese Menschen in Lohn und Brot bringen sollen. Wie soll das gehen?

Hahn: Grundgedanke aller "Base of the Pyramid"-Initiativen ist es, die Armen umfassend - zum Beispiel als Kunden oder Lieferanten - in die unternehmerische Wertschöpfung einzubeziehen. Die Unternehmen können dadurch zum Beispiel neue Absatzmärkte erschließen, ihre Beschaffungsmöglichkeiten ausbauen, lokales Wissen und lokale Fähigkeiten in zukünftigen Wachstumsmärkten nutzen oder Risikostreuung vornehmen. Die Armen profitieren hingegen direkt von neuen Arbeitsplätzen und Einkommensmöglichkeiten.

Und wo liegen die Risiken?

Hahn: Der Lebensstil in den Industrieländern übernutzt die zur Verfügung stehenden ökologischen Ressourcen der Erde bei weitem und ist daher weltweit nicht tragbar. Eine Anpassung großer Teile der Weltbevölkerung an diesen Lebensstil kann also den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlage für künftige Generationen gefährden. Es stellt sich also die Frage, auf welche Weise eine Überwindung des häufig angenommenen Zusammenhangs "Mehr Wohlstand = höherer Ressourcenverbrauch" möglich ist.

Wo liegen die Vorteile?

Hahn: Es zeigt sich auch, dass Armut häufig die Ursache gewisser Umweltbelastungen ist. Oft sind gerade arme Bevölkerungsteile durch den schieren Drang zum Überleben zu umweltschädigenden Handlungen gezwungen. Zum Beispiel führt die Notwendigkeit des Ausbaus landwirtschaftlicher Nutzflächen häufig zu Entwaldung, Verschlechterung der Böden und Wasserknappheit.

Was werden Sie mit Ihrem Wissen über arme Menschen machen?

Hahn: Zurzeit sind es häufig noch Unwissenheit oder Fehleinschätzungen, die Unternehmen davon abhalten, sich stärker im Segment der armen Weltbevölkerung in Entwicklungsländern zu engagieren. Der Ansatz "Base of the Pyramid" zielt darauf ab, solche Hemmnisse zu überwinden und realistische Möglichkeiten für erfolgreiche, armutslindernde Geschäftstätigkeiten aufzuzeigen.

Und was bedeutet das für Ihre Arbeit an der Uni?

Hahn: Ich sehe meine Aufgabe nun auch darin, unter anderem unseren Studenten die Möglichkeiten einer unternehmerischen Armutsbekämpfung, aber auch die Möglichkeiten - wenn nicht gar die unternehmerische Notwendigkeit - nachhaltiger Wirtschaftsweisen näherzubringen. Die Weitergabe dieses Wissens schafft hoffentlich einige "Aha"-Effekte.

BWL-Studenten werden gern in den Zusammenhang mit "Durchstarten" und "Geld machen" gebracht. Ist Ihnen das nicht wichtig?

Hahn: Viele Absolventen der Betriebswirtschaftslehre haben sicherlich die Möglichkeit, nach ihrem Studium durchzustarten. Aspekte einer nachhaltigen Entwicklung oder verantwortlichen Handelns sprechen dem aber nicht entgegen - ich würde sogar sagen: im Gegenteil. Verantwortliches Handeln ist auch gutes betriebswirtschaftliches Handeln.

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