Vom rosa Kaninchen zur Emanzipation auf Rheinisch: Inga aus Moskau erzählt, wie sie Altweiber erlebt.

Erfahrungen
Die Schornsteinfeger tragen gar kein Kostüm, die sind echt, merkt Inga.

Die Schornsteinfeger tragen gar kein Kostüm, die sind echt, merkt Inga.

Echt sind auch die Franzosen vom Institut Francais.

Sergej Lepke, Bild 1 von 2

Die Schornsteinfeger tragen gar kein Kostüm, die sind echt, merkt Inga.

Düsseldorf. Die Wahrheit ist bitter. Nicht nur, dass viele Moskauer bis heute keine Ahnung davon haben, dass Düsseldorf ihre Partnerstadt ist. Was die Menschen am Rhein zurzeit mächtig umtriebig macht, ist an der Moskwa völlig unbekannt – der Karneval. Die Vorstellung, dass sich erwachsene Menschen in Kostüme stecken und tagelang nicht an ihrem Arbeitsplatz zu sehen sind, mag so gar nicht zu dem Bild passen, was Russen von Deutschen haben.

Aber der Rheinländer ist eben anders und wer mit einem Düsseldorfer sein Leben teilen will, der muss da durch - von Altweiber bis Rosenmontag. Inga aus Moskau stellt sich dem Härtetest, seit Donnerstag steckt die 47-Jährige mittendrin in der unbekannten Welt des Winterbrauchtums. „Karneval? Das ist doch, wenn Mädchen in Bikinis auf der Straße tanzen, oder?“, erinnert sich Inga an Fotos aus Brasilien. Ganz nah dran: In Düsseldorf ist Karneval, wenn schon an der Bushaltestelle in Angermund das erste rosa Kaninchen steht.

Und in der U-Bahn nimmt eine lächelnde Frosch-Königin neben Inga Platz. Damit könnte man in Moskau für einiges Aufsehen sorgen. Aber mit zunehmender Kostüm-Dichte in Richtung Rathaus gewöhnt man sich auch an Cowboys, Gardisten oder Hexen. Eins fällt Inga sofort beim Sturm der Möhne auf: „Das sind ja Menschen aus vielen verschiedenen Generationen, die alle gemeinsam feiern. Das muss sehr gut für die Gesellschaft sein.“

Inga staunt über die Feiernden, die keine Sorgen zu kennen scheinen

Ein Aspekt, der wohl viel zu wenig berücksichtigt wird. Was einfache Fragen anbelangt, ist man natürlich bestens vorbereitet. Zum Beispiel, dass der Altweiber-Brauch auf die Waschweiber in Bonn-Beuel im Jahr 1824 zurückgeht, die ihrer närrischen Leidenschaft freien Lauf ließen. Aber warum die genau um 11.11 Uhr zum Sturm auf das Rathaus ansetzen? Gute Frage, Inga...

Ein Riesenspaß hat die Moskauerin an den vielen Kostümen, von denen zumindest 16 gar keine sind – denn die Schornsteinfeger sind in ihrer Arbeitskluft unterwegs. Aber sie schenken Inga einen Mini-Glücksbringer aus Plastik, da kann für die restlichen Tage nichts mehr schief gehen. Ein bisschen nachdenklich beobachtet sie die vielen ausgelassen feiernden Narren: „Die Menschen wirken so, als ob sie keine großen Sorgen haben.“

Doch auch die Schwächen des Winterbrauchtums bleiben Inga nicht verborgen. Spätestens auf dem Damen-Klo, wo sich überall lange Schlangen bilden, stößt der Spaß an seine Grenzen. Findig sind übrigens die Möhne im Rathaus, die einfach die Herren-Toilette mit in Beschlag nehmen. „Heute haben wir das Sagen“, kommentiert eine Dame ihr resolutes Vorgehen. Emanzipation auf Rheinisch - Inga staunt. Und freut sich auf die nächsten Abenteuer im Karneval.

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