Statt 79 Wagen und Gruppen ist am Rosenmontag nur ein einzelner Eisbär die Zugstrecke komplett abgelaufen: Ein WZ-Reporter auf der Suche nach Karneval.

Altstadt/carlstadt/Bilk
Der Eisbär: WZ-Reporter René Schleucher ist am Rosenmontag als Ein-Mann-Zoch die ganze Wegstrecke bis Bilk abgelaufen.

Der Eisbär: WZ-Reporter René Schleucher ist am Rosenmontag als Ein-Mann-Zoch die ganze Wegstrecke bis Bilk abgelaufen.

Familie Conzen (in der Mitte Bürgermeister Friedrich Conzen) feierte mit 130 Gästen an der Bilker Straße. Beim Nachholtermin soll es auch wieder eine Party geben.

Kornelia Engels (vorne links) und ihre Gäste halten auf der Hohe Straße die Stellung: Hier wird auch ohne Zoch gefeiert. Fotos (2): Judith Michaelis/RS

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Der Eisbär: WZ-Reporter René Schleucher ist am Rosenmontag als Ein-Mann-Zoch die ganze Wegstrecke bis Bilk abgelaufen.

Düsseldorf. Traurig sieht es am Rosenmontag mittags auf der Rathaustribüne aus: Einzelne Jecken sitzen auf den Bänken und schauen etwas trübsinnig vor sich hin. Normalerweise würden sie jetzt hier den Höhepunkt des Zochs sehen. Es ist kurz nach 14 Uhr, die ARD würde live senden, Wahrscheinlich würde gerade der Prinzenwagen mit lautem Helau um die Ecke biegen. Als Nummer laufende Nummer 33 von 79. Stattdessen: Nichts. Kein Wagen, keine Tanzgruppe, keine Kamelle. Traurig!

Ich stelle mir vor, wie auf dem ganzen Zugweg bis nach Bilk enttäuschte Jecken am Straßenrand stehen. Bereit zu einem lauten Helau – aber niemand kommt, um es zu hören. Ich fasse einen Beschluss: Ich, Eisbär, werde jetzt die ganze Zugstrecke ablaufen. Als Ein-Mann-Zoch. Bis nach Bilk. Mal sehen, wer unterwegs feiert – und mein Helau erwidert.

Ein einsamer Radler ruft auf der Bilker Straße: „Dä Zoch kütt“

Auf geht’s über die Berger Straße Richtung Carlsplatz. Dort ist nichts mehr zu hören, was nach Karneval klingt. Ein älterer Herr radelt durch die ansonsten verwaiste Straße, sieht den Eisbär und ruft: „Kamelle, dä Zoch kütt“ – womit er sich selber meint. Er bekommt ein fröhliches „Helau“ als Antwort. Dann wird es wieder still.

Ganz still? Nein, da ist doch Musik zu hören. Sie dringt aus dem Obergeschoss eines Hauses an der Bilker Straße. Die Hoftür ist offen, der Eisbär willkommen. Es feiert Familie Conzen ihre traditionelle Zoch-Party. Angeführt von Bürgermeister Friedrich Conzen feiern 130 Gäste – Freunde und Familie – mit Alt und Grünkohl. Die Stimmung ist ausgelassen, im Innenhof toben die Kinder. „Schade, dass sie nichts zu sammeln haben“, sagt Cecilie Kaimer-Conzen. „Aber dafür feiern wir hier nochmal, wenn der Zoch nachgeholt wird.“

Weiter geht’s über die Bilker Straße. In drei oder vier Wohnungen gibt es offenbar Privatparties. Aus einem Fenster im Haus Nummer 34 dringt Nebel, vermutlich mit Tockeneis hergestellt. Ein verkleideter Mann guckt heraus, ruft „Helau“ – und wirft eine Tüte Gummibärchen auf die Straße. Ansonsten: tote Hose in der Carlstadt. In der Hohe Straße hat Bäcker Hinkel sogar seine traditionelle Zoch-Party noch abgesagt. Von seinem Laden aus werden die Narren sonst mit lauter Musik beschallt – und der Zoch kommentiert.

Die Stellung hält eine bunte Gesellschaft vor „Engels BilderService“. Rund 50 große und kleine Narren feiern hier, als würde der Zoch gleich doch noch kommen. Es gibt Musik, dazu wird getanzt und helaut. Die Kinder fragen die Autofahrer nach Narrenzoll. „Wir lassen uns die Stimmung nicht vermiesen“, sagt Chefin Kornelia Engels. „Wir feiern seit zwölf Jahren immer hier, haben Gäste aus Stuttgart und Belgien.“ Schade findet sie nur, dass auf der Straße „sonst nichts los ist“. In der Tat: Laut gefeiert wird nur noch bei den den Blumenbrüdern aus Holland, ansonsten wirkt die Szenerie wie sonntags.

Bei der Unlicht-Party ist schwer zu sagen, wer kostümiert ist

In der Benrather Straße steht derweil eine gut 20-köpfige bunt kostümierte Narrengruppe unschlüssig herum. Der Ein-Mann-Zoch folgt seinem Weg – und trifft die Gruppe eine Viertelstunde später auf der Kö wieder. Immer noch herrscht Ratlosigkeit unter den Jecken. „Wo ist denn hier was los?“, wird der Eisbär gefragt. Die Truppe hat viele Kinder im Schlepptau und will feiern. „Dann gehen wir mal auf der Ratinger Straße gucken.“

Inzwischen ist es kurz nach drei. Bisher war von Sturm nicht viel zu sehen. Aber jetzt: Ein kräftiger Schauer scheucht eine fünfköpfige Reisegruppe aus China in den trockenen Durchgang des Telekom-Gebäudes am Südende der Kö. Anführer (weil des Englischen mächtig) ist „Mister Lee“ aus Shenzhen, der mit Mutter und drei Freunden den Karneval sucht. Doch hier kann der Besuch aus Fernost noch lange suchen, der Eisbär schickt die Gruppe Richtung Altstadt.

Der Ein-Mann-Zoch erreicht die Friedrichstraße. Hier gibt’s erstmal kaum Helau: Bei Roland-Schuhe hat man die Party wegen des Regens nach drinnen verlegt. Ein bisschen Karneval gibt’s immerhin an der Kneipe Schlösser-Treff: Alle Kostümierten, die dort vorbei kommen, werden mit einem lauten „Helau“ begrüßt.

Kurz hinter der Ecke Herzogstraße rufen zwei Männer aus dem ersten Stock: „Eisbär – ein dreifach Düsseldorf-Helau!“ und werfen Konfetti herunter. Fast wie Karneval! Aber das war es dann auch schon: Es gibt noch ein jecke Party bei Optik Diermann – und dann lange nichts. Vor der „Blende“ an der Bilker Allee stehen ein paar Kostümierte. Und dann gibt’s noch eine Feier im Grufti-Laden „Unlicht“. Zu sehen sind Gäste in schwarzen Gewändern oder Mittelalter-Kostümen. Schwer zu sagen, wer hier kostümiert ist.

Gegen vier Uhr erreicht der Ein-Mann-Zoch den Bilker Bahnhof. Hier wäre das Ende des großen Umzugs – es ist auch das Ende jeder Karnevalslaune. Real hat offen, die Arcaden ebenso. Der Verkehr rauscht, die Menschen hasten wie immer. Es gibt nicht einen Hauch von Karneval. Nur einer steht an der Straßenecke, als würde er auf den Zoch warten: ein Flaschensammler, der mit einem extra großen Einkaufswagen unterwegs ist – es passen noch viele Flaschen rein.

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