Bürgerbühne begeistert das Publikum mit „Das kalte Herz“ als Millionenspiel-Show.

Bürgerbühne begeistert das Publikum mit „Das kalte Herz“ als Millionenspiel-Show.
Zweieinhalb Tonnen Geldmünzen werden auf dem Bühnenboden im Central verteilt.

Zweieinhalb Tonnen Geldmünzen werden auf dem Bühnenboden im Central verteilt.

Thomas Rabsch

Zweieinhalb Tonnen Geldmünzen werden auf dem Bühnenboden im Central verteilt.

Über Geld spricht man für gewöhnlich nicht. Die acht Darsteller der neuen Bürgerbühnen-Produktion tun es trotzdem. Sie berichten schonungslos und bemerkenswert offen von finanziellen Nöten, Privatinsolvenz und der Schwierigkeit, sich mit 100 Euro im Monat durchschlagen zu müssen. Zwischendurch machen sie sich im Rahmen einer fiktiven Spielshow gehörig zum Affen und werden von dem schlagfertigen Moderatorenteam genüsslich aufs Korn genommen.

Die einzelnen Spiele in „Das kalte Herz“ basieren auf dem gleichnamigen Schwarzwald-Märchen von Wilhelm Hauff aus dem Jahre 1828. Wer kann und will das meiste Geld in eine Schubkarre scheffeln, wer hat die besten Wünsche beim Glasmännlein und wer kann so schnell Bäume fällen wie der Holländer Michel? Auch einen Schwarzwälder-Brunfttanz sollen die Kandidaten in albernen Kostümen aufführen. Schließlich geht es um eine Million als Hauptgewinn.

Auch die eigenen Erfahrungen der Darsteller fließen mit ein

Gleichzeitig werden die Kandidaten mit der Frage konfrontiert, wie viel von Peter Munk, der Hauptfigur des Märchens, in ihnen persönlich steckt. Der junge Kohlenbrenner leidet in „Das kalte Herz“ unter der fortschreitenden Industrialisierung und fürchtet um seine Existenz. 200 Jahre später produzieren Digitalisierung und Globalisierung in ähnlicher Weise Gewinner und Verlierer. Bei der Spielshow treffen beide Gruppen aufeinander.

Seinen besonderen Reiz erhält die Bürgerbühnen-Produktion, die am Sonntag im Central Premiere feierte, durch den Umstand, dass die erwachsenen Spielshow-Teilnehmer auf das Kommando von zwei jugendlichen Moderatoren hören müssen. Philine Berges (13) und Pablo Vuleti (12) machen einen hervorragenden Job und erobern das Publikum trotz manch gemeiner Kommentare über die Showkandidaten im Sturm.

Gleich zu Beginn entscheiden die beiden Moderatoren über das jeweilige Startkapital der Kandidaten. „Hochverschuldet, aber innen reich“, befinden die beiden über Kandidatin Annett Frauendorf (40). „Aber für ihre DDR-Vergangenheit gibt es Punktabzug“.

Geld ist dabei nicht nur als Gesprächsthema allgegenwärtig, sondern auch in Form von zweieinhalb Tonnen Geldmünzen, die auf dem Bühnenboden verteilt liegen. Abgesehen davon stellen Bühnenbild und die musikalischen Einlagen von Komponist Bojan Vuleti reichliche Bezüge zum Schwarzwald her.

Abseits des schrillen Spielshow-Geschehens lässt die Inszenierung von Christof Seeger-Zürmühlen den Protagonisten genug Raum, um ihre eigenen Erfahrungen mit dem lieben Geld zu teilen. Dabei geht es um persönliche Auf- und Abstiege, Träume, Hoffnungen und Ängste. Sandy Gleißner (25) zum Beispiel wurde kurz vor dem Abitur von ihren Eltern rausgeworfen. Ihre Mutter weigerte sich, den Bafög-Vertrag zu unterschreiben, den sie zur Studienfinanzierung brauchte. „Ich wollte nie so werden wie sie“, sagt die Düsseldorferin ganz offen.

Auch Jörg Uwe Gerhartz (51) hat harte Zeiten hinter sich. Einige Jahre lebte er in einem Tunnel unter dem Wehrhahn. Seit einem Jahr hat er wieder einen festen Wohnsitz und eine Arbeit. Angelika Heints gehörte als Unternehmensberaterin lange zu den „Gutverdienern“, geriet durch ihren Ex-Mann aber in eine Schuldenkrise. Drei Millionen Miese zwangen sie in die Privatinsolvenz. Aber auch die, die bisher nie in finanziellen Schwierigkeiten steckten, kommen zu Wort.Bankkaufmann Benjamin Kieselbach (36) zum Beispiel spielt genüsslich mit den Klischees, die über seinen Berufsstand verbreitet werden.

Unterm Strich findet die neue Bürgerbühnen-Produktion so die Balance zwischen lauten und leisen, lustigen und ernsten Tönen zu einem Thema, dass jeden von uns angeht. Vom Premierenpublikum gab es minutenlangen Beifall für die engagierte Schauspielleistung der Laiendarsteller.

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