Düsseldorfer Handwerksbetriebe schicken ihre Azubis für drei Wochen ins Ausland. Die lernen dort Techniken und Geschmäcker kennen.

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Konditoren-Lehrling Jaqueline Hitschke (re.) hat in Frankreich besonders süße Kuchen kennengelernt. Jetzt schickt ihr Meister Georg Maushagen die Azubi-Kollegin Julia Kaulertz (li.) nach Österreich zum Speiseeisspezialisten. (Fotos (2): Bernd Schaller)

Konditoren-Lehrling Jaqueline Hitschke (re.) hat in Frankreich besonders süße Kuchen kennengelernt. Jetzt schickt ihr Meister Georg Maushagen die Azubi-Kollegin Julia Kaulertz (li.) nach Österreich zum Speiseeisspezialisten. (Fotos (2): Bernd Schaller)

Konditoren-Lehrling Jaqueline Hitschke (re.) hat in Frankreich besonders süße Kuchen kennengelernt. Jetzt schickt ihr Meister Georg Maushagen die Azubi-Kollegin Julia Kaulertz (li.) nach Österreich zum Speiseeisspezialisten. (Fotos (2): Bernd Schaller)

Düsseldorf. "Das Wandern ist des Müllers Lust" ist ein altes Volkslied und beschreibt nicht etwa einen Vorläufer des Volkssports "Walking", sondern die Wanderjahre eines Handwerksgesellen. Nun sind Handwerker schon lange nicht mehr verpflichtet, auf die Walz zu gehen, wie die Wanderjahre genannt werden. Dass aber Auslandserfahrung keineswegs schaden kann, hat sich inzwischen herumgesprochen und wird von der Handwerkskammer und europäischen Förderprogrammen unterstützt. Dabei tun sich vor allem die Lebensmittel-Handwerker und die Schreiner hervor: Sie schicken ihre Azubis nach Frankreich und nehmen im Gegenzug Franzosen auf.

Jaqueline Hitschke ist im dritten Lehrjahr zur Konditorin beim Zuckerbäcker Georg Maushagen, war drei Wochen in Tours und am Ende überrascht, wie süß die Franzosen backen: "Das Törtchen heißt Coeur de France, Herz von Frankreich, und sieht wirklich harmlos aus. Man könnte es mit einem Sacherschnittchen verwechseln. Doch es besteht aus einer Marzipan-Buttercreme, darauf kommen eingelegte Kirschen, darüber Mousse au Chocolat, alles verdeckt durch Schokoguss."

Eine Schwarzwälder Kirschtorte ist Franzosen nicht süß genug

Ihr Meister Maushagen sieht in diesem zuckrigen Kulturschock einen Sinn des Austausches: "Sie lernen besondere Produkte und neue Techniken kennen." Darüber hinaus erwerben die Azubis allerlei Wissen über andere Besonderheiten bei den Kollegen im Ausland. Hitschke sagt: "In Frankreich gibt es keine 26-Zentimeter-Durchmesser Aufschnitt-Torten wie bei uns. Es gibt nur kleine Törtchen für eine Person oder etwas größere für vier. Aber eine richtige Schwarzwälder Kirsch wäre den Franzosen ohnehin nicht süß genug."

Der 21-jährige Schreiner-Lehrling René Becker war drei Wochen in LaRochelle: "Ich hatte zwar Französisch in der Schule und vor der Reise noch einen Kurs. Trotzdem musste ich mich öfter mit Händen und Füßen verständigen." Dennoch fand er es spannend, dass die Franzosen viel mehr mit Massivholz arbeiten. Sein Meister Armin Händeler, einer von zwei Geschäftsführern der Paul Schmidt GmbH, beschreibt seinen Azubi als "leicht gereift".

Die Handwerkskammer berät austauschwillige Azubis

Nina Jansen informiert als Mobilitätsberaterin der Düsseldorfer Handwerkskammer (HWK) Austauschwillige. Sie sagt: "Viele, vor allem jüngere Teilnehmer gewinnen in den drei Wochen stark an Selbstbewusstsein und kehren motivierter und mit neuen Ideen in den Ausbildungsbetrieb zurück."

Der Frankreich-Austausch der Lebensmittel Handwerker nach Tours wurde 2009 seit vielen Jahren wieder aufgenommen. Die Tischler besuchen seit dem Jahr 2000 regelmäßig die Kollegen in LaRochelle. Laut der HWK-Mobilitätsberaterin Nina Jansen sind in den vergangenen neun Jahren rund 110 Auszubildende aus Düsseldorf und Umgebung nach Frankreich gefahren und haben ebenso viele Gäste aus dem Nachbarland beherbergt.

Den Frankreich-Austausch bezahlen das "Deutsch-Französische Sekretariat", ein Förderprogramm und die Handwerkskammer.

Die Mobilitätsberaterin Jansen bekommt oft Anfragen nach Auslandspraktika in England: "Dort ist die Sprachbarriere niedriger. Dafür ist es schwieriger, Partnerbetriebe zu finden." Einzelne Gewerke haben Favoriten: "Frisöre und Steinmetze zieht es nach Italien, Tischler eher nach Skandinavien und Frankreich, weil dort viel mit Massivholz gearbeitet wird", sagt Jansen.

Das Austauschland sollte ebenfalls über ein duales Ausbildungssystem - Ausbildung sowohl im Betrieb als auch in der Schule - verfügen. Infos unter:

Neue Ideen möchte der Konditormeister Maushagen auch aus dem deutschsprachigen Raum importieren. Er sorgt sich um die Zukunft seines Gewerks. Deswegen hat er mit seinem Kärntener Freund und Kollegen Erich Semmelrock einen deutsch-österreichischen Zuckerbäcker-Austausch auf die Beine gestellt, den die Handwerkskammern unterstützen. Er sagt: "Wir wollen das Konditorenhandwerk wieder attraktiv machen und unseren Lehrlingen im dritten Lehrjahr die Möglichkeit geben, andere qualifizierte Betriebe im deutschsprachigen Raum kennenzulernen."

Die 20-jährige Julia Kaulertz ist gerade nach Kärnten gefahren. Sie lernt nicht nur die leichten Mehlspeisen kennen, für welche die österreichische Küche berühmt ist. Sie wird einen ausgewiesenen Spezialisten für Speiseeis kennenlernen. "Er stellt Eis traditionell und ohne Fertigprodukte her. Das möchte ich auf jeden Fall lernen", sagt die junge Frau.

Maushagen und Semmelrock wollen den deutsch-österreichischen Austausch in den kommenden Jahren erweitern und ihre Azubis zumindest für drei Wochen in die weite Welt schicken.

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