Aus verwahrlosten Ecken werden blühende Oasen. Die WZ macht sich auf die Spuren der „illegalen“ Pflanzer.

Düsseldorf. Schon morgens stieg ihm der Gestank in die Nase. "Ein Hundeklo direkt vor der Haustüre. Furchtbar", sagt Kioskbesitzer Chasakis Lampros. Und der Anblick sei auch nicht besser gewesen: Matsch, Wurzeln, dazwischen leere Flaschen, Plastiktüten und jede Menge Zigarettenstummel. Bis zum Sommer war das zwei mal zwei Meter große Fleckchen Erde um einen von der Stadt gepflanzten Baum ein schauriger Anblick. Dann fasste Chasakis einen Entschluss: "Ich pflanze an, mach’ etwas Schönes daraus."

Mitten im Oktober blüht und gedeiht es vor Lampros Büdchen in Flingern. Herbstastern und Anemonen, dazwischen Grünes, eingerahmt von Holzpflöcken, die optisch den "Gartenzaun-Charakter" wiedergeben sollen. "Es ist wunderbar, morgens zum Laden zu gehen und die Blumen zu sehen", sagt der Kioskbesitzer.

Auch bei den Kunden kommt der Mini-Garten an. "Sie trinken ihren Kaffee vor der Tür, auch wenn es schon mal frisch werden kann." Lampros weiß: Eigentlich ist das Beet gar nicht erlaubt. "Aber ich hab’s trotzdem gemacht, ist doch viel schöner so."

Der Trend stammt aus dem New York der 70er Jahre

"Guerilla-Gardening" nennt man das unerlaubte Bepflanzen städtischen Gebiets; Verkehrsinseln, Baumscheiben (Bereiche rund um den Baumstamm), brachliegende Flächen. Der Trend, der in den 70ern in New York unter dem Motto "Holt die Natur in die Stadt" begann, setzt sich mittlerweile in allen großen Städten fort. Die Spuren der Pflanz-Aktivisten sind mal unauffällig, mal wuchernd, mal geordnet. Immer mehr karge Flecken verwandeln sich auch in Düsseldorf über Nacht in bunte, blühende Oasen.

Am Hermannplatz war ebenfalls ein Hobbygärtner am Werk. "Ein älterer Herr, er ist Mieter in unserem Haus", berichtet Bioladenbesitzerin Ingrid Bettinger. Voller Inbrunst habe er im Sommer das drei Quadratmeter große Ödland bearbeitet und ihm ein neues Gesicht gegeben, "eine bunte Pracht", wie sie findet. Größter Nutznießer allerdings sei sie selbst: Das Beet liegt direkt an der Eingangstüre ihres Geschäfts. "Von Kunden werde ich auf die schönen Blumen angesprochen."

Der Begriff wurde in den 70er Jahren in New York erfunden. Auch im Berlin der 80er Jahre wurden unter diesem Motto Brachen begrünt. Um 2000 gibt es in London eine Renaissance. Der Engländer Richard Reynolds gilt heute als führender Garden-Guerilla in Europa.

Leider könne der Mieter nicht immer selbst Hand anlegen, die Gartenarbeit sei zu beschwerlich geworden. "Aber die restlichen Mieter, meine Tochter Judith und ich halten die Arbeit aufrecht." Eines findet die Ladenbesitzerin allerdings schade: Eine Eckpflanze hängt schlaff und blätterlos am Boden. "Dort verrichten die Hunde ihre Notdurft", sagt sie. Einen Vorwurf mache sie den Haltern.

Gruppen verabreden sich im Internet zum gemeinschaftlichen Pflanzen

Da kann auch Antonius Bagias mitreden. Eine Straße weiter hat Bagias vor seinem Büdchen einen Zaun um sein gepflanztes Bäumchen gezogen. "Ich hatte den Ärger mit den Hundebesitzern satt." Dennoch ist für manche selbst ein Zaun kein Hindernis. "Jemand hat die zweite Pflanze einfach herausgerissen." Er verstehe das nicht. "Es ist doch toll, wenn’s mal blüht in unseren Straßen."

Aber nicht nur den Anwohnern scheinen die Landkultivierungen zu gefallen. Ganze Gruppen verabreden sich zum gemeinschaftlichen Pflanzen in Düsseldorf. Alexandra Walter hat eine Gruppe im Internet gegründet, in der sie unter anderem zum Guerilla-Gardening aufruft. Ihr Plan: Jeden Monat ist ein anderer Stadtteil dran. Bilk und Flingern haben die Aktivisten bereits bearbeitet. "Im November folgt der nächste Streich."

Allerdings klinge "Guerilla" ein wenig übertrieben, erklärt die Düsseldorferin. "Wir ziehen nachmittags los und trinken danach gemütlich zusammen Kaffee. Mit paramilitärischem Vorgehen hat das also wenig zu tun." Erwischt worden seien sie noch nicht. "Warum auch? Von den Anwohnern bekämen sie ausschließlich positive Resonanz. "Es ist nichts schlimmes, gemeinsam an der frischen Luft zu sein und gleichzeitig etwas für Düsseldorf zu tun."

Die Stadt zeigt sich kulant: "Illegale Pflanzer, davon wissen wir nichts", sagt Gartenamtsleiter Manfred Krick. Bereits im Juni brachte die Stadt Flyer heraus: "Gärtnern vor der eigenen Haustüre". Da heißt es: "Möchten Sie Straßengrün in Ihrer Nähe pflegen? Nur zu." Eine Baumpatenschaft ist die Lösung. "Das ist gut zu wissen", bemerkt Lampros, im Glauben, er hätte nun die offizielle Erlaubnis für sein Beet.

Doch er irrt, denn es gibt Regeln: Das Bepflanzen ist nur an Baumscheiben erlaubt. Zäune und Erdaufschüttungen sind verboten. Krick rät, sich erst zu erkundigen, nicht einfach drauf los zu pflanzen. 56 000 Bäume stünden an Düsseldorfs Straßen. Etwa 6000 Baumpaten gebe es. "Da sind noch eine Menge Bäume übrig."

Übrigens hat das wilde Pflanzen in Deutschland eine noch ältere Tradition: Schon Goethe "verschönerte" Weimar mit seinen "zufällig aus den Taschen gefallenen" Veilchensamen.

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