Gleichstellungsbeauftragte Elisabeth Wilfart über Frauen im Sport und im Job, über die Jonges und benachteiligte Männer.

Interview
Elisabeth Wilfart ist seit 2012 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Düsseldorf. Archiv

Elisabeth Wilfart ist seit 2012 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Düsseldorf. Archiv

Melanie Zanin

Elisabeth Wilfart ist seit 2012 Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Düsseldorf. Archiv

Düsseldorf. Seit 2012 ist Elisabeth Wilfart Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Düsseldorf. Warum ihr Job auch heute noch gebraucht wird und was sich noch ändern muss, erklärt die Rathaus-Mitarbeiterin im Interview.

Sind Sie eine „Emanze“?

Elisabeth Wilfart: Ich bin eine Feministin aus Überzeugung. Geschlechtergerechtigkeit wird mich ein Leben lang begleiten. Der Begriff „Emanze“ wird oft negativ benutzt, aber es stört mich nicht, wenn mich jemand so nennt.

Wir haben eine Bundeskanzlerin und Frauen-Fußball ist auch keine Randsportart mehr. Brauchen wir wirklich noch eine Gleichstellungsbeauftragte?

Wilfart: Ich wäre gerne überflüssig. Aber ich glaube, das passiert so schnell nicht. Ich denke da nur an die Meldung zur Lohngleichheit. Da verdient der männliche Chefmoderator bei der BBC viermal so viel wie seine weibliche Kollegin, unglaublich, oder?!

Sie arbeiten seit fünf Jahren als Gleichstellungsbeauftragte in Düsseldorf, wie sieht Ihre Arbeit heute aus?

Wilfart: Es geht ganz viel um Aufklärung und Information und darum, Netzwerke aufzubauen. Mein Ziel ist, das Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit zu schärfen. Und es geht leider auch noch immer um die großen Themen: Gewalt gegen Frauen, ungleiche Bezahlung und Frauen in Führungspositionen.

Wo steht die Stadt heute beim Thema Gleichstellung?

Wilfart: Innerhalb der Stadtverwaltung hat sich eine Menge getan in den letzten Jahren. Der Anteil der weiblichen Führungskräfte, also der Anteil der Amtsleiterinnen, liegt mittlerweile bei 33 Prozent. Und im bundesdeutschen Vergleich mit 73 weiteren Großstädten des deutschen Genderrankings liegt Düsseldorf auf Platz 20, 2013 hatten wir noch Rang 36 belegt.

Was sagen Sie zur Frauenquote bei den politischen Vertretern im Rathaus?

Wilfart: Da ist noch Handlungsbedarf, vor allem in der CDU ist der Frauenanteil gering. Sie hat die wenigsten weiblichen Vertreter, von 31 Ratsleuten sind nur sechs weiblich. Bei den übrigen Parteien liegen beide Geschlechter etwa gleichauf.

Wie steht es außerhalb der Verwaltung mit der Gleichberechtigung in Düsseldorf?

Wilfart: Mich hat vor einiger Zeit eine Ärztin angerufen, die an einem Krankenhaus arbeitet. Sie beklagte sich darüber, dass sie weniger verdiene als ihr Kollege, obwohl sie denselben Job mache. Solche Hilferufe erreichen mich immer wieder. Da muss sich noch viel tun, vor allem in den Köpfen. Und Frauen sind in höheren Stellen immer noch unterrepräsentiert. Unterm Strich herrscht immer noch das alte Rollenmodell von der Frau, die sich um die Kinder kümmert und dem Mann, der die Familie ernährt.

Elisabeth Wilfart, Gleichstellungsbeauftragte

Viele Mütter wollen gerne zuhause bleiben und sich um die Kinder kümmern, können Sie das verstehen?

Wilfart: Ja, ich kann es gut verstehen. Aber die Frauen müssen sich darüber im Klaren sein, dass diese Entscheidung Konsequenzen für ihre Rente hat. Den gewohnten Lebensstandard im Alter zu halten, kann dann schwierig werden und führt viele Frauen in die Altersarmut. Ich habe immer gerne gearbeitet, auch als ich zwei kleine Kinder hatte, aber es war oft sehr stressig.

Beschränkt sich Ihre Arbeit auf die Gleichstellung der Frau oder helfen Sie auch Männern?

Wilfart: Geschlechtergerechtigkeit gilt für beide. Männer achten etwa weniger auf ihre Gesundheit als Frauen, das haben wir im Blick. Und viele Männer würden gerne mehr Zeit mit der Familie verbringen. Wir fördern das Vatersein mit entsprechenden Angeboten. Männer nehmen durchschnittlich nur 3,5 Monate Elternzeit, Frauen zwischen einem und zwei Jahren. Wir ermutigen die Männer, auch ihre andere Seite zu zeigen, um Beruf und Familie besser in Einklang zu bekommen.

In der Schule haben Mädchen mittlerweile die Nase vorn, ist das ungerecht?

Wilfart: Bis 1972 hatten die Jungen die besseren Abschlüsse, seither hat sich das Verhältnis gedreht. Am Beispiel des Jahrgangs 1992: hier erlangten 51 Prozent der Mädchen die Hochschulreife und nur 41 Prozent der Jungen. Jungen bekommen schon eine schlechtere Übergangsempfehlung nach der Grundschule. Das ist ungerecht. Untersuchungen haben ergeben, dass Mädchen die Schule positiver erleben und motivierter sind zu lernen. Wir brauchen hier unbedingt eine geschlechtsspezifische Förderung für Jungen.

...und endlich mehr Männer, die als Erzieher in Kindergärten und als Grundschullehrer arbeiten?

Wilfart: Es ist fraglich, ob sich das Problem alleine durch mehr männliche Lehrkräfte kompensieren lässt. Hier geht es vor allem um Qualität beim Ausbau geschlechtsspezifischer Pädagogik. Jungen müssen anders motiviert werden und ihr Bewegungsdrang muss Berücksichtigung finden.

Wo hakt es noch, welche Themen liegen Ihnen am Herzen?

Wilfart: Gleichstellung muss einfach selbstverständlicher werden. Feministinnen sind nicht bedrohlich und „Emanze“ kein Schimpfwort. Streit-Themen wie eine Mädchenmannschaft bei Fortuna Düsseldorf oder der Heimatverein Düsseldorfer Jonges, der keine Frauen will, sind nicht mehr zeitgemäß. Das dürfte es eigentlich gar nicht mehr geben.

Was ist Ihr Credo?

Wilfart: Alleine stemmt man (und Frau) gar nichts. Ich kann nur etwas erreichen im Dialog und Miteinander - ohne mein Ziel dabei aus den Augen zu verlieren.

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