In Boston spricht OB Geisel über seine Zeit an der Harvard-Uni, dünnen Kaffee und die Zuwanderungsdebatte.

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Thomas Geisel am Samstag in Boston mit Isabel Schayani, Ska Keller und Doug Hauer (v.l.).

Thomas Geisel am Samstag in Boston mit Isabel Schayani, Ska Keller und Doug Hauer (v.l.).

Elisa von Hof

Thomas Geisel am Samstag in Boston mit Isabel Schayani, Ska Keller und Doug Hauer (v.l.).

Boston. Samstag hin, Sonntag zurück. Oberbürgermeister Thomas Geisel hat am Wochenende in der Harvard-Universität in Boston an der „German-American-Conference“ teilgenommen. Zu der von Studierenden organisierten Konferenz waren weitere deutsche und amerikanische Experten wie Ex-NSA-Chef Michael Hayden und Thomas Gottschalk eingeladen worden, um über die transatlantische Beziehung zu diskutieren. Der OB reiste privat an und sprach im Forum über die Herausforderungen von Migration und Einwanderung.

Die WZ traf Geisel nach der Podiumsdiskussion in einer Bostoner Kneipe. Wir sprachen mit ihm über sein Verhältnis zu den USA, seine Studienerfahrungen in Harvard und was Deutschland von Amerika als traditionellem Einwanderungsland lernen kann.

Sie sind Samstag hergeflogen, tags drauf geht es schon wieder zurück. Ganz schön anstrengend, oder?

Thomas Geisel: Mir war es das wert. Mich verbindet viel mit Harvard, ich habe ja hier meinen Master gemacht und als ich eingeladen wurde, konnte ich einfach nicht ’nein’ sagen. Es ist immer wieder schön, an die alte „Alma Mater“ zurückzukehren.

Wie war es denn, an der Elite-Uni Harvard in den USA zu studieren?

KONFERENZ Die „German American Conference“ behandelt diverse Herausforderungen der transatlantischen Partnerschaft. Themen sind Innovationen, Entertainment, Energiepolitik, Datenschutz und Migration. Die Konferenz fand in diesem Jahr zum achten Mal statt.

ORGANISATION Die Veranstaltung wird von Studenten der Harvard-Universität organisiert. Als Redner nahmen in diesem Jahr unter anderem teil: Thomas Gottschalk, Ranga Yogeshwar, Ingo Zamperoni, Michael V. Hayden, Peter Schaar, Ska Keller, Frank Mattern, Miriam Meckel und Robert Zoellick.

Geisel: Ich habe es sehr genossen. Ich hatte ein Stipendium, meine Eltern hätten sich das nicht leisten können. Als ich das erste Mal 1987 in den USA studiert habe, hatte ich als – vor dem Hintergrund der damaligen Friedensbewegung – links-sozialisierter Sozialdemokrat jede Menge Vorbehalte und Vorurteile gegenüber Amerika. Da war es beliebt, über die Oberflächlichkeit der Amerikaner herzuziehen oder ihren schlechten Kaffee.

Wurden die Vorurteile bestätigt?

Geisel: Als ich damals aus Amerika zurückkam, musste ich feststellen: Praktisch alle Vorurteile stimmen, aber das Leben macht dort trotzdem unglaublich viel Spaß. Ich bin zum Beispiel ein völlig ungenierter Liebhaber dieses weitgehend geschmacksbereinigten, dünnen, amerikanischen Kaffees, den man in Halbliter-Styropor-Bechern zu sich nimmt.

Gibt es sonst ein besonderes Erlebnis?

Geisel: Am Ende meines Studiums in Georgetown, Washington, war ich Security-Helfer beim Nominierungsparteitag der Demokratischen Partei für die Präsidentschaftswahlen 1988 in Atlanta. Meine damalige Freundin war Mitarbeiterin bei einem demokratischen Senator aus Florida und der suchte noch Helfer. Da habe ich dem damaligen Präsidentschaftskandidaten Michael Dukakis und dem Bürgerrechtler Jesse Jackson auf der Bühne die Hand geschüttelt. Heute wäre es, nach dem 11. September, undenkbar, dass ausgerechnet ein Ausländer bei so einem Ereignis als Sicherheitsbediensteter beschäftigt wird - heute gibt es Sicherheitskontrollen ohne Ende.

Gibt es auch etwas, dass sie an Amerika nervt?

Geisel: Ich finde alarmierend, dass Amerika parteipolitisch so gespalten ist. 1990 habe ich ein Praktikum bei Ted Kennedy gemacht. Der galt als linker Demokrat. Und trotzdem fand es jeder ganz normal, dass er eine gemeinsame Gesetzesinitiative mit Dan Quayle, einem sehr konservativen Republikaner, eingebracht hat. Heute wäre so eine Zusammenarbeit kaum denkbar. Wenn ich mir manchen republikanischen Präsidentschaftskandidaten ansehe, der würde bei uns in Deutschland völlig zu Recht vom Verfassungsschutz beobachtet.

Worauf haben Sie sich denn bei der German American Conference besonders gefreut? Haben Sie Gottschalk getroffen?

Geisel: Ich freue mich, dass ich beispielsweise Ranga Yogeshwar kennengelernt habe. Thomas Gottschalk war schon weg. Und dann habe ich mich gefreut, viele aktuelle Stipendiaten des Programms zu sehen, an dem ich vor 25 Jahren als Student selbst teilgenommen habe.

Was konnten Sie denn von der Konferenz mitnehmen für Ihre Arbeit als OB in Düsseldorf?

Geisel: Ich habe vorhin im Panel gesagt, dass ich stolz bin auf die Bürgerinnen und Bürger von Düsseldorf. Wie wir die Flüchtlinge empfangen haben, hat dazu beigetragen, wie sich das Bild von Deutschland in Amerika gewandelt hat. Viele Düsseldorfer haben nach dem alten Kennedy-Motto gehandelt – in abgewandelter Form: „Frage nicht, was deine Stadt für Dich tun kann, sondern was Du für deine Stadt tun kannst.“ Das finde ich großartig.

Dennoch keine leichte Aufgabe . . .

Geisel: Es ist zweifellos die größte kommunalpolitische Herausforderung, vor der wir stehen.

Was kann Deutschland generell von Amerika als traditionellem Land der Migration lernen?

Geisel: Wir haben früher gedacht, wir haben Gastarbeiter in das Land geholt, die irgendwann mal wieder gehen. Aber wie Max Frisch es formulierte: „Man hat Arbeitskräfte gerufen und es kommen Menschen.“ Menschen, die man als Gäste begreift, die wieder gehen, werden nicht integriert und wir fördern so Parallelgesellschaften. Wenn wir aber von vornherein sagen: Wir sind ein Einwanderungsland, dann kann man natürlich auch größere Erwartungen an die Einwanderer stellen.

Welche Erwartungen denn?

Geisel: Ich denke, die Menschen kommen in unser Land, weil sie es attraktiv finden. Deswegen können wir verlangen, dass die grundlegenden Werte und Verhaltensweisen, die unser Land so attraktiv machen, auch von allen befolgt werden. In unserem Land leben viele Menschen unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Lebensentwürfen zusammen. Dies funktioniert nur, wenn wir diese Vielfalt als Einheit begreifen. Voraussetzung dafür ist der gegenseitige Respekt. Wenn man den Begriff Leitkultur verwenden möchte, dann würde ich genau das darunter verstehen. Fundamentalistische Strömungen, die anderen ihre Daseinsberechtigung absprechen, können wir nicht dulden.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?

Geisel: Ich bin bekennender Christ und glaube, dass meine Religion die richtige ist. Trotzdem achte und respektiere ich auch andere Glaubensrichtungen. Als Oberbürgermeister gehe ich selbstverständlich zur St.-Martins-Feier, aber auch beispielsweise zum Chanukka-Fest der Juden und zum Ramadan der Moslems. Mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen verhält es sich ähnlich. Ich bin ein traditioneller Familienmensch. Trotzdem finde ich es völlig normal, dass neben uns ein schwules Paar wohnt. Diese Art von Respekt und Toleranz müssen wir von allen verlangen.

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