Es fällt immer häufiger ins Auge: Viele Menschen suchen im Müll nach Pfandflaschen, um ihr Einkommen aufzustocken.

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Birgit Eschweiler sucht im Müll nach Pfandflaschen – fünf Euro Zubrot am Tag sind drin.

Birgit Eschweiler sucht im Müll nach Pfandflaschen – fünf Euro Zubrot am Tag sind drin.

Stefan Arend

Birgit Eschweiler sucht im Müll nach Pfandflaschen – fünf Euro Zubrot am Tag sind drin.

Düsseldorf. Wolfgang Zenz (62) war früher als Architekt bei einer großen Düsseldorfer Firma beschäftigt. Doch ein langer Krankenhausaufenthalt bedeutete die Kündigung, eine neue Beschäftigung fand er nicht. Mit gerade mal Anfang 50 erklärte man ihn für zu alt. Zenz nahm das Geld aus seiner Abfindung, löste ein paar Versicherungen auf, machte sich selbstständig - und ging pleite.

Heute lebt er von 351 Euro Sozialhilfe, die Miete zahlt ebenfalls das Amt für ihn. Zenz sammelt gelegentlich Flaschen, um mit dem Pfand seinen Lebensstandard ein wenig aufzubessern. Viel kommt zwar nicht dabei herum, aber immerhin etwas. An richtig guten Tagen sind bis zu zehn Euro drin. Am begehrtesten sind die seltenen Plastikflaschen, die 25 Cent einbringen. Bierflaschen sind dagegen nur acht Cent wert und auch noch schwer zu schleppen. Ein weiteres Problem für ihn: Die Konkurrenz wird immer größer.

Das Phänomen ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Auffällig viele Menschen sammeln Flaschen, das Phänomen ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Bruder Klaus-Dieter vom Franziskaner-Kloster: "Die Klientel nicht nur bei uns hat sich verändert. Immer mehr Menschen aus der so genannten Mitte der Gesellschaft können mit ihrem Geld keinen ganzen Monat mehr bestreiten." Das Vorurteil, dass dieses Schicksal nur Obdachlose ereilen kann, gilt schon lange nicht mehr.

Zenz ist Akademiker, beim kostenlosen Mittagessen im Franziskaner-Kloster liest er die Financial Times: "Man muss ja deswegen nicht auch noch verdummen", sagt er lakonisch und fügt hinzu, dass er täglich mehrere Zeitungen liest. Unglücklich wirkt er nicht: "Als ich noch Geld hatte, ging es mir seelisch nicht gut, jetzt hat der Druck nachgelassen. Man muss das alles gelassen sehen, was soll ich mich aufregen? Gewisse Dinge kann ich mir nicht mehr leisten. Ab und zu ins Kino zu gehen, das fehlt mir schon."

Auch Birgit Eschweiler (32) sammelt Flaschen und verdient sich auf diese Weise im Schnitt etwa fünf Euro am Tag dazu. Sie findet manchmal sogar volle Säcke, die wohl meinende anonyme Spender am Container hinterlassen. Das können dann auch schonmal drei Euro auf einen Schlag sein. "Ich will unbedingt bald wieder eine richtige Arbeit finden", sagt die junge Frau, die keinen Schulabschluss hat und lange Zeit obdachlos war.

Das Flaschensammeln ist fast schon ein Berufszweig geworden

"Professionelle" Sammler haben die Stadt regelrecht in Reviere aufgeteilt. Sehr lukrativ sind große Sportveranstaltungen - zu solchen Anlässen verteilen sie sich vor den Stadien. Im Sommer ist die Altstadt eine hervorragende Einnahmequelle. Dann trinken die Leute vielfach auf der Straße und lassen die leeren Flaschen zurück. Daher ist der Winter aus Sicht derer, die auf dieses Zubrot angewiesen sind, eine schlechte Jahreszeit. "Ich freue mich schon auf den Sommer", sagt auch Birgit Eschweiler. "Wenn es warm ist, macht es auch mehr Spaß."

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