wza_1262x1500_773721.jpeg
Luzia Kleene von der Frauenberatungsstelle: „Das Thema hat eine neue Ernsthaftigkeit bekommen.“ Archivfoto: JM

Luzia Kleene von der Frauenberatungsstelle: „Das Thema hat eine neue Ernsthaftigkeit bekommen.“ Archivfoto: JM

JM

Luzia Kleene von der Frauenberatungsstelle: „Das Thema hat eine neue Ernsthaftigkeit bekommen.“ Archivfoto: JM

Düsseldorf. Luzia Kleene ist Mitarbeiterin der Frauenberatungsstelle

Frau Kleene, wie bewerten Sie die Vorkommnisse in der Silvesternacht in Düsseldorf, Köln und anderen Städten?

Luzia Kleene: Das Besondere an dieser Nacht ist ja die hohe Zahl der Täter an einer Stelle, aber in mehreren Städten. Die Idee drängt sich auf, dass es gelenkt war – wie auch immer. Aber ich glaube, dass diese Nacht in ihrer Massivität ein Zeichen setzt für das, was auch vorher schon in anderem Maßstab passiert ist in der Altstadt – was aber nie bei der Polizei gelandet ist.
 
Schon die Dunkelziffer bei Vergewaltigungen ist hoch – ist das bei sexueller Nötigung und Belästigung ein noch größeres Problem?

Kleene: Ja, auf jeden Fall. Belästigung ist ein Bagatelldelikt – so nach dem Motto: Es ist ja noch nichts passiert. Selbst bei uns in der Beratungsstelle melden sich die Opfer im Prinzip nur, wenn sie Angst haben, dass aus der Belästigung mehr werden könnte – sie etwa im Bus immer wieder von demselben Mann angefasst werden. Jetzt wird das Thema nach außen getragen – und mit einer klaren Haltung: So geht das nicht. Das ist gut. Das Thema hat eine neue Ernsthaftigkeit bekommen.

Kommen deshalb die Anzeigen in Düsseldorf seit der Silvesternacht nach und nach herein?

Kleene: Diese Anzeigen rücken vermutlich ein gesellschaftliches Bild gerade, weil die Frauen wissen, dass sie jetzt ernst genommen werden. Ohne den quasi öffentlichen Aufruf wäre es wohl bei einzelnen Anzeigen geblieben.
 
Sie glauben also nicht, dass Übergriffe auf Frauen ein aktuelles Phänomen sind?

Kleene: Wie gesagt: Diese strategischen Übergriffe sind neu. Aber sexualisierte Angriffe – und ich arbeite hier seit 30 Jahren – gab es immer. Es ist auch schon in einer Silvesternacht eine Frau am Burgplatz in der Menge vergewaltigt worden. Schwere sexualisierte Gewalt erlebt laut Studien jede siebte Frau in Deutschland. Sexuelle Respektlosigkeit – ich würde sagen, die erlebt jede Frau.
 
Diese Silvesternacht hat auch eine Integrationsdebatte ausgelöst. Zu Recht?

Kleene: Ich glaube schon, dass wir darüber nachdenken müssen, wie wir den vielen Menschen, die zu uns fliehen müssen, unsere Gesellschaftsordnung vermitteln. Aber eine Rassismus- statt einer Sexismusdebatte kommt an das Thema nicht heran. Solche Belästigung ist ein Zeichen für patriarchalische Strukturen, traditionelle Mann-Frau-Bilder – und die gibt es leider in allen Gesellschaften.
 

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer