Viele junge Flüchtlinge kommen traumatisiert hier an. Ihre Geschichten kommen meist erst an den Schulen ans Licht.

Viele junge Flüchtlinge kommen traumatisiert hier an. Ihre Geschichten kommen meist erst an den Schulen ans Licht.
Kinder aus Kriegsgebieten haben oft Gewalt und Tod erlebt, sie kommen oft traumatisiert in Düsseldorf an.

Kinder aus Kriegsgebieten haben oft Gewalt und Tod erlebt, sie kommen oft traumatisiert in Düsseldorf an.

Arne Dedert/dpa

Kinder aus Kriegsgebieten haben oft Gewalt und Tod erlebt, sie kommen oft traumatisiert in Düsseldorf an.

Düsseldorf. Es war vor einigen Tagen, Marzena Nawrat arbeitete gerade mit einer Schülergruppe. Plötzlich begann ein stadtweiter Probealarm, Sirenen heulten auf. Mehrere Kinder rissen die Augen auf, einige wollten sofort die Fenster schließen, andere suchten Schutz unter Tischen.

Diese Kinder haben mit Sirenen ganz andere Erfahrungen gemacht als einen Probealarm in Düsseldorf. Sie kommen aus Gegenden, in denen Krieg herrscht, sie haben Angst erlebt, manche Gewalt, Verlust und Tod. Die Erinnerungen haben sie mitgebracht, viele sind traumatisiert.

Marzena Nawrat ist Sozialarbeiterin an der Dumont-Lindemann-Hauptschule in Friedrichstadt. Dort werden seit Jahren Kinder ohne Deutschkenntnisse aufgenommen. Nawrats Kollege Philipp Norbisrath erläutert: Mehr als die Hälfte dieser Kinder und Jugendlichen kämen aus akuten Krisengebieten. Wie viele genau von ihnen traumatische Erfahrungen gemacht haben, könne niemand sagen. Doch es sind nicht wenige.

Es sind Länder wie Syrien, Irak, Afghanistan oder Eritrea, aus denen in den vergangenen Monaten viele junge Menschen in Düsseldorf angekommen sind. Viele haben auch auf der Flucht hierher schlimme Erfahrungen gemacht, wurden plötzlich von ihren Eltern getrennt. Nach einigen Wochen kommen sie in der Regel in ihrer neuen Schule an, doch ihre Vorgeschichte ist Lehrern und Sozialarbeitern erstmal weitestgehend unbekannt (siehe Artikel unten).

Meist offenbaren die Kinder sich schnell – es muss einfach raus

Marzena Nawrat hat aber die Erfahrung gemacht, dass sich das oft schnell ändert: „Die schlimmen Geschichten erreichen mich schnell, das muss raus.“ Sie erzählt von einem Jungen aus dem Irak, der ein Bild malte von Menschen mit Maschinengewehren, ein anderer schlägt mit einem Schwert auf eine Frau ein. Es sind IS-Kämpfer, sie haben fast die komplette Familie des Jungen umgebracht.

Für die Lehrer ist es nicht einfach, Verhaltensweisen ihrer neuen Schüler einzuschätzen. „Nicht jedes zurückgezogene Verhalten spricht schon für ernste psychische Probleme“, sagt Stefan Drewes. Fehlende Sprachkenntnisse, die Sorge um Familienmitglieder und die Lebensumstände seien oft die Gründe für Unsicherheiten bei den Kindern. Nicht immer sei eine Psychotherapie gleich angeraten. Wichtig sei dagegen, die Kinder in der Schule normal einzubinden, Bewegung zu ermöglichen.

In Düsseldorf wird eine Broschüre mit Informationen und Tipps für Lehrer aufgelegt. Darin wird zum Beispiel dargelegt, wie unterschiedlich junge Menschen auf Krisen reagieren: Manche schlüpfen in der Not in die Rolle von Erwachsenen, wirken ungewöhnlich reif, andere fallen zurück „in frühere Entwicklungsstufen“.

„Ich bin kein Therapeut“, sagt Philipp Norbisrath. Aber die Kinder suchten oft den Kontakt zu den Sozialarbeitern, deren Aufgabe sei es, den Kindern zu zeigen, dass sie willkommen sind, ihnen jemand zuhört, sie annimmt, wie sie sind. „Das heißt aber nicht, dass wir ihnen nicht auch Regeln vermitteln.“ Ist ein Kind wirklich schwer traumatisiert, stellen die Sozialarbeiter Kontakt zu professioneller Hilfe her.

Doch jedes Kind ist anders. Manche behalten ihre Geschichte – zumindest anfangs – für sich. Doch oft fallen sie auf, erläutert Marzena Nawrat: „Manche haben Konzentrationsschwierigkeiten, andere sind sehr in sich gekehrt, dann wieder äußerst reizbar.“

Nach außen zeigt der Junge Stärke, unter vier Augen weint er los