Ronald Reschke hat mit „Fashionette“ eine 40-Millionen-Umsatz-Firma gegründet. Aber er erhält den Start-up-Geist – und ist damit ein Prototyp des Unternehmers von morgen.

Ronald Reschke hat mit „Fashionette“ eine 40-Millionen-Umsatz-Firma gegründet. Aber er erhält den Start-up-Geist – und ist damit ein Prototyp des Unternehmers von morgen.
Auf Anzüge, sagt Ronald Reschke (39), hat er keinen Bock mehr – nur noch zu Hochzeiten.

Auf Anzüge, sagt Ronald Reschke (39), hat er keinen Bock mehr – nur noch zu Hochzeiten.

Auf Anzüge, sagt Ronald Reschke (39), hat er keinen Bock mehr – nur noch zu Hochzeiten.

Melanie Zanin, Bild 1 von 2

Auf Anzüge, sagt Ronald Reschke (39), hat er keinen Bock mehr – nur noch zu Hochzeiten.

Düsseldorf. In der Mitte des weißen Konferenztisches, auf den Fensterbänken – überall stehen Handtaschen. Vor Kopf des Tisches hängt ein überdimensionierter Jesus an der Wand. Ganz klein stehen rund um seinen Kopf Schriftzüge: „Ich bin Moslem“ oder „I’m Buddha“. „Das gibt hier im Team heftigste Kontroversen“, sagt Ronald Reschke. „Aber hoffentlich tut es, was Kunst tun soll: Man denkt drüber nach.“ Der 39-Jährige lächelt. Einmal in der Woche kommt ein Künstler aus Flingern und hängt Bilder in den beiden obersten Etagen des Bürohauses „Global Gate“ an der Grafenberger Allee auf, ab oder um. Das Gebäude ist ein Klotz, in den unteren Etagen residiert eine Versicherung. Trotzdem soll durch die Flure hier oben noch frischer Start-up-Geist wehen.

Seit einem Jahr ist „Fashionette“ am Standort. Das Online-Versandhaus, das Reschke und zwei Kumpels 2009 als kleinen Verleih von Designertaschen gründeten, hat sich zu einem Unternehmen mit einem Bruttoumsatz von 42 Millionen Euro (2015, nach Retouren) gemausert. Davon sieht man bei Ronald Reschke auf den ersten Blick nicht viel: Lacoste-Hemd, beige Hose, Brille. „Ich habe keinen Bock mehr auf Anzüge. Nur zu Hochzeiten.“ Auch seinem „Chefbüro“ sieht man’s nicht an: Er teilt es mit einer jungen Kollegin, zwei weiße Schreibtische, Papierkram, Laptop. Ein Stück weiter den Flur hinunter befindet sich die „Auszeit“: ein großer Raum mit Holzboden, Küche, Tischen, jeder Menge großen Pflanzen. Vor der Glastür zur Dachterrasse steht ein Kickertisch – quasi Möbel-gewordener Start-up-Geist. Im Kühlschrank liegt Gratis-Eis, es gibt Gratis-Müsli-Becherchen in einer hübschen Regalwand und zwei Kühlschränke mit Gratis-Drinks – auch Alt, Pils, Weizen und Wein. „Wie viel kostet mich das pro Mitarbeiter im Monat? 20 Euro?“, fragt Reschke. „Aber es wirkt doch viel netter, als würde ich ihnen 20 Euro aufs Gehalt draufschlagen.“

Und netter, das will er sein. Netter als der „Standardkonzern“. Vielleicht auch als die Unternehmensberatung, für die er früher arbeitete, bevor er mit seinen Freunden – mit einem hatte er Abi gemacht, mit dem anderen studiert – den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. „Ich hatte keine Rücklagen – es war also schon ein schwerer Schritt für mich“, erinnert sich Reschke. „Aber etwas Eigenes aufzubauen, das reizte mich einfach.“

„Wenn ich alle Anteile verliere, hatte ich sieben Top-Jahre“

Den Anstoß zur Geschäftsidee brachte der Film „Sex and the City“, in dem eine junge Frau sich Designertaschen mietet, die sie sich nicht leisten kann. Das wollten die drei jungen Männer, die glaubten, Frauen vollends zu verstehen, auch machen. „Wir haben nur völlig unterschätzt, dass Frauen eine richtige Beziehung zu ihrer Tasche haben“, sagt Reschke heute schmunzelnd. Immer wieder kamen traurige Nachrichten von Mieterinnen, die ihr geliebtes Stück nicht mehr hergeben wollten. Also sattelte „Fashionette“ um auf Verkauf, bietet heute das wohl breiteste Sortiment an hochwertigen Handtaschenlabels im deutschsprachigen Raum. Aber mit Ratenzahlung.

Das Unternehmen wuchs von den drei Mann, die ihre Finanzierung mit 15 Power-Point-Folien an Land gezogen hatten, auf inzwischen 100 Mitarbeiter. Auch weil Ronald Reschke und seine Partner zwar den Spirit der Jung-Firma pflegen, aber mit überkandidelten Eskapaden anderer Start-ups, die bisweilen mit der ganzen Belegschaft auf Malle abfeiern, nichts zu tun haben wollen. Solide soll es sein. Reschke und seine inzwischen drei Mit-Geschäftsführer – ein IT-Mann kam noch hinzu – beziehen ganz normale Gehälter. Gewinne fließen zurück in die Firma. „Wir ziehen hier kein Cash raus“, erklärt der 39-Jährige.

Gemeinsames Frühstück, Partys – alle im Team duzen sich

Ronald Reschke von Fashionette ist einer von zahlreichen Unternehmern in Düsseldorf, die sich bei der Entrepreneurs’ Organization (EO) zusammengeschlossen haben. Ein Netzwerk, das zu jungen Gründern wie Reschke passt. „Es geht um Gefühle und Gedanken von Unternehmern“, erklärt er. Dabei lerne man aus den Erfahrungen der anderen – ohne das kluge Ratschläge gegeben werden, die sind nämlich streng tabu. Eben so wie Klüngel untereinander: Geschäfte dürfen unter Mitgliedern nur in strengen Grenzen stattfinden. Es gehe eher darum, Ängste etwa vor zu schnellem Wachstum zu teilen, oder auch familiäre Belange mit Gleichgesinnten zu thematisieren.

In Düsseldorf sind viele Unternehmer nach dem Schnittmuster von Ronald Reschke dabei. Unter anderem Trivago-Gründer Rolf Schrömgens, alle drei Gründer des Düsseldorfer Start-ups „Just Spices“, die App-Macher von „Toralarm“ oder Kaasa Health, die digital Therapien entwickeln.

„Die meisten Gründer wollen nicht reich werden. Wenn ich jetzt alle meine Anteile verliere, habe ich immer noch sieben Top-Jahre gehabt. Und ich würde nichts bereuen.“ Gerade hat er eine Wohnung in Pempelfort gekauft. Ansonsten gibt er Geld nur für Kurzreisen aus – je nachdem, für welches Ziel es Angebote gibt. „Ich bin so ein Pfennigfuchser. . .“

Er habe nicht den Anspruch, die Welt zu verändern. Aber doch, etwas Nachhaltiges zu schaffen. „Und dass die Leute hier einen coolen Job haben.“ Ein Mal im Monat gibt es ein gemeinsames Frühstück mit allen Mitarbeitern vom Manager bis zum Lageristen, regelmäßige Partys, im Sommer wird auf der Dachterrasse gegrillt. Alle duzen sich. Das Team ist Reschke und seinen Mitgründern wichtig. „Wenn ich jeden Tag mit Leuten arbeiten muss, die ich nicht leiden kann – so viel Geld kann man gar nicht bezahlen!“ Er ist sicher: In diesem Punkt müssen Unternehmer umdenken. Geld sei nur ein Aspekt für die Zufriedenheit im Beruf. „Ich muss schauen, dass ich für mich als Mensch einen Mehrwert schaffe.“ Und das sollte die Chefetage begreifen, meint Ronald Reschke. Denn: „Gute Leute können sich die Jobs heute aussuchen.“

© WhatsBroadcast

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