Alkoholsucht im Alter ist laut Experten ein unterschätztes Problem. Die Caritas stellt 20 Wohnplätze zur Verfügung und einen Sozialarbeiter.

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Ältere trinken weniger in der Öffentlichkeit, deshalb fällt der Konsum oft nicht auf.

Ältere trinken weniger in der Öffentlichkeit, deshalb fällt der Konsum oft nicht auf.

Judith Michaelis

Ältere trinken weniger in der Öffentlichkeit, deshalb fällt der Konsum oft nicht auf.

Düsseldorf. Reinhold Winkels (Name geändert) war beruflich erfolgreich und hatte nie Alkoholprobleme. Doch als er in Rente ging, fehlten ihm Aufgabe und Bestätigung, immer öfter genehmigte er sich einen Brandy. Dann hörte er manchmal nicht mehr auf zu reden, auch bei Familienfeiern fiel er auf. Als Winkels (70) bei Sozialarbeiter Trudpert Schoner in der Suchtberatung auftauchte, hatte seine Frau ihm ein Ultimatum gestellt: Entzug oder Trennung.

Das Thema Trinken im Alter wird laut Schoner in unserer Gesellschaft stark unterschätzt. Darauf hat die Caritas reagiert und vor anderthalb Jahren einen Wohnbereich für ältere Menschen mit Alkoholproblemen eingerichtet. Laut Caritas-Sprecherin Cordula Spangenberg sind die 20 Plätze ein Pilotprojekt: "Es zeigt sich, dass die Überwindung der psychischen Abhängigkeit in diesem Alter sehr schwierig ist."

Die Einstellung "Gönn ihm das doch" kann fatale Folgen haben

Untersuchungen zum Thema kommen zu alarmierenden Zahlen: Zum Beispiel schreibt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, dass fast 27 Prozent der Männer über 60 Jahre Alkohol in gesundheitsgefährdenden Mengen konsumieren. Laut einer Studie, die das Düsseldorfer Gesundheitsamt vor kurzem veröffentlichte, sagen über 60 Prozent der Mitarbeiter stationärer Einrichtungen für ältere Menschen, dass sie regelmäßig mit dem Thema Sucht zu hätten.

Einsamkeit ist oft ein wesentlicher Grund fürs Trinken. Viele kommen auch nicht mit dem Ende des Arbeitslebens zurecht, mit dem Verlust eines Partners oder schlicht mit dem Altwerden.

Die Stadt sieht trotzdem weniger beim Thema Alkohol Handlungsbedarf als bei Medikamentenmissbrauch. Auch Bürgermeisterin Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP) wiegelte bei einer Diskussion im Gesundheitsausschuss ab: Das Hauptaugenmerk müsse sich auf Kinder und Jugendliche richten. Genau diese Einstellung findet aber Trudpert Schoner problematisch.

Experten unterscheiden zwischen harmlosem sozialen Trinken, das aber geringe Mengen nicht übersteigt (0,25 Liter Bier/Tag bei einem Mann), und Missbrauch, der beginnt, wo die Gesundheit leidet. Von Sucht spricht man bei Kontrollverlust. Betroffene können dann etwa unerwünschte Folgen nicht vermeiden wie Verlust von Führerschein oder sozialem Prestige.

Mit zunehmendem Alter verträgt der Mensch weniger Alkohol. Typischerweise trinken ältere Menschen unauffälliger. Viele verteilen ihren Konsum in jeweils kleinen Mengen über den ganzen Tag.

Nach Angaben von Kliniken ist die Zahl der Patienten über 65 mit psychischen Störungen durch Alkohol zwischen 2003 und 2008 in Nordrhein-Westfalen von 4110 auf 5015 angestiegen, in Düsseldorf von 108 auf 139. Köln meldet für 2008 255 Fälle, Dortmund 225, der Kreis Mettmann 182.

Bei Verdacht auf Missbrauch in der Familie rät Trudpert Schoner, die Person darauf anzusprechen, aber nicht unbedingt direkt. Ein Einstieg könnte lauten: "Du wirkst in letzter Zeit angespannt, was ist los?"

Selbsthilfegruppen bieten zum Beispiel der Kreuzbund, Tel. 17939481, das Blaue Kreuz, Tel. 4910978 oder die Anonymen Alkoholiker, Tel. 19295. Die Suchtberatung der Caritas erreicht man unter Tel. 1602-2131.

Er warnt davor, die gesundheitlichen Folgen zu unterschätzen: "Zu viel Alkohol im Alter beschleunigt die Anfälligkeit für Krankheiten, Demenz oder Stürze, von denen sich Senioren oft nur sehr langsam erholen." Im Vergleich zu früher könnten viele Senioren heute eine viel längere Phase genießen, in der sie aktiv am Leben teilnehmen - Alkoholmissbrauch gefährde das.

Die Leiterin des Wohnbereichs, Claudia Lukas, hat beobachtet, dass der Alkoholmissbrauch im Alter die Selbstständigkeit der Menschen einschränkt: "Demenz wird beschleunigt, sie können sich dann nicht mehr allein waschen oder anziehen."

Die Gefahr ist der Verlust der Eigenständigkeit im Alter

Deshalb warnt Trudpert Schoner vor der weit verbreiteten Einstellung, den Alten ihre Bierchen oder Likörchen am Nachmittag zu gönnen. Zudem würden die Symptome für Trunkenheit bei Senioren oft nicht erkannt, weil sie als altersbedingt eingestuft würden.

Die Frage ist immer, wann die kritische Grenze überschritten ist. Gesundheitsamtsleiter Heiko Schneitler will den Senioren ein, zwei Bierchen am Abend nicht absprechen, das sei auch die Meinung vieler Pfleger: "Besser als Schlaftabletten." Trotzdem rät er zu einem wachen Auge. Menschen mit Alkoholproblemen würden das Thema in den seltensten Fällen selber ansprechen.

Im Caritas-Wohnbereich für Alkoholabhängige wohnen überwiegend Menschen, die nicht aus anderen Einrichtungen kommen, sondern zu Hause gelebt haben. Meist habe die Sucht sie in die Verwahrlosung geführt.

Dieses Schicksal erlebte ein Mann Anfang 60, der eines Tages nicht mehr in der Lage war, allein zu leben. Im Wohnbereich habe sich sein Konsum deutlich verringert, sagt Cordula Spangenberg. Das liege aber weniger daran, dass er eine rigide Entzugskur hinter sich habe: "Er hat hier Kontakte und fühlt sich nicht mehr so einsam wie früher."

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