Prios, der schnelle Eingreiftrupp der Polizei, kämpft in Hassels-Nord gegen Brandstifter und Räuber. Das Ziel: Kriminelle Gruppen von Jugendlichen früh zerschlagen.

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Der 15-Jährige wollte vor der Polizei flüchten – und zieht den Kürzeren. Für Prios ein Erfolg im Kampf um Respekt auf der Straße.

Der 15-Jährige wollte vor der Polizei flüchten – und zieht den Kürzeren. Für Prios ein Erfolg im Kampf um Respekt auf der Straße.

Der 15-Jährige wollte vor der Polizei flüchten – und zieht den Kürzeren. Für Prios ein Erfolg im Kampf um Respekt auf der Straße.

Düsseldorf. Langsam rollt der grün-weiße Bulli am Karolingerplatz von hinten an drei Jungs heran. "Guck mal", sagt einer der Polizisten. "Das könnte doch unsere Klientel sein." Das Auto hält, die Schiebetür schwenkt auf. "Hey Jungs, wartet mal kurz." Die Köpfe des Trios schießen herum, für einen kurzen Augenblick blinzeln die Jugendlichen verwirrt in das Licht der Taschenlampe.

Dann sprinten zwei von ihnen los, die Polizisten hinterher. Eine kurze Hatz durchs Viertel beginnt. Zwei Minuten später stehen die Jungen in Handschellen mit dem Gesicht vor der Hauswand. "Und?", fragt Polizist Tim Redepenning den 15-Jährigen, der bereits wegen Drogenkonsums bekannt ist. "Müssen wir mit deiner Mutter reden oder hast du heute was gelernt?" "Ich hab’ was gelernt", gibt der kleinlaut zurück.

Eine Stunde zuvor, 18 Uhr, in der Polizeiinspektion Süd. Klaus Welzel hat den Eingreiftrupp Prios (Präsenz und Intervention an offenen Szenen und Brennpunkten) für diese Nacht angefordert. Es ist der 59. Sondereinsatz im Düsseldorfer Süden in diesem Jahr. "Wir brauchen die Kräfte ganz dringend", sagt Welzel. Vor allem die Serie von Brandstiftungen in Hassels mit weit über 50 Feuern in diesem Jahr und Raubüberfälle in Benrath bereiten ihm zurzeit Sorge.

"Bis Baujahr 1984. Aber es sind auch Zwölfjährige darunter. Die meisten kenne ich von kleinauf."

Klaus Welzel über die polizeiproblematischen Jugendlichen

Von Klaus Welzel bekommt jeder der neun Polizisten eine Mappe mit Fotos und Namen. Polizeiproblematische Jugendliche. "Bis Baujahr 1984", sagt Welzel. "Aber es sind auch Zwölfjährige darunter. Die meisten kenne ich von kleinauf." Gesichter, die sich die Männer und Frauen von Prios merken sollten.

Welzel spricht von zwei fusionierten Gruppen: "Ihr müsst aufmerksam sein - die sind enorm in Bewegung." Von jungen Fahrraddieben: "Wenn ihr den seht, könnt ihr mal nachgucken, ob er was Gefährliches dabei hat. Vorsicht: Er ist sehr polizeierfahren."

Der ehemalige Polizeipräsident Michael Dybowski hatte eine Umfrage in Auftrag gegeben, was sich Düsseldorfer von der Polizei wünschen. Ergebnis: mehr Präsenz. Daraufhin wurde Prios vor fünf Jahren gegründet.

37 Prios-Beamte gab es 2004, inzwischen schrumpft der Trupp beachtlich. Nur noch 28Polizisten zählt er derzeit.

In den fünf Jahren war Prios 168.477 Stunden im Einsatz und überprüfte 52.267 Personen.

Von einigen Jugendlichen, die immer wieder in Kellern in Hassels gesehen wurden: "Die Jungs haben wenig Respekt vor Polizei. Passt auf eure Karren auf." Mehrfach wurden in der Vergangenheit bei Einsätzen im Süden Streifenwagen beschädigt, Scheiben eingeworfen, Leuchten geklaut.

"Wir haben ein relativ gutes Bild, wer sich wo bewegt", sagt Welzel. In Düsseldorf gibt es keine rigiden Banden, die einzelne Stadtteile terrorisieren. Die Gruppen sind mobil im ganzen Stadtgebiet und in ihrer Zusammensetzung durchlässig. Mal machen sie Ärger in Hassels, tauchen dann am Wochenende in der Altstadt auf. "Bisher haben wir aber noch jede Gruppe gesprengt bekommen", sagt Welzel.

Meist, indem die führenden Köpfe in den Knast wanderten. Ein Spiel ohne Ende. Denn die Gruppe der polizeiproblematischen Jugendlichen wächst ständig, ihre Bilder füllen eine Schrankwand mit Ordnern in Welzels Büro. Auch Ingbert Köhler, Leiter von Prios, kennt das Problem: "Immer, wenn wir eine Ecke befriedet haben, geht es woanders wieder los."

Heute Nacht also wollen sie Hassels befrieden. Nachdem sie schon auf dem Weg dorthin eine Runde durch den Florapark gedreht haben, in dem 2008 ein brutaler Mord geschehen ist, und sich mit den jungen Kiffern eine Verfolgungsjagd durch Bilk geliefert haben. Durch die Scheiben eines Polizei-Bullis sieht das feine Düsseldorf anders aus.

Das Karree aus Potsdamer, Fürstenberger und Further Straße in Hassels ist ein Labyrinth aus Gebüsch, dunklen Hauseingängen, Unterführungen. Jugendliche, die hier wohnen, treffen sich mit denen, die nur kommen, weil sie sich in der Umgebung sicher fühlen. Unbeobachtet.

Langsam rollt der Bulli um eine Ecke. "Da vorn stehen welche." Polizistin Annett Wollenweber deutet auf eine Markise hinter einem Kiosk. Fünf dunkle Gestalten stehen rauchend zusammen. Die Beamten steigen aus, von zwei Seiten nähern sie sich dem Grüppchen. Erschrocken wirken diese Jungs nicht. Genervtes Lachen, demonstratives Gähnen - einer will sich der Anordnung, an der Mauer stehen zu bleiben, nicht fügen.

Nach zwei Schritten hat ihn einer der Prios-Beamten am Kragen, schiebt ihn zurück. Die beiden Männer stieren sich grimmig an. Einen aufgeladenen Moment lang ist unklar, was passieren wird. Dann besinnt sich der Junge, kehrt an seinen Platz zwischen den Kumpels zurück - die Arme lässig verschränkt.

"Immer, wenn wir eine Ecke befriedet haben, geht es woanders wieder los."

Ingbert Köhler, Leiter von Prios, über Prävention in Düsseldorf

Minutenlang stehen drei Polizisten im Halbkreis um die fünf Jungs herum, die Taschenlampe auf sie gerichtet, im Regen. Eine gespannte Ewigkeit. Dann kehrt Annett Wollenweber mit den kontrollierten Ausweisen vom Wagen zurück.

Die Jungs müssen ihre Taschen leeren. "Das Übliche", raunt einer von ihnen. Dann geht es für die Beamten zurück in den Bulli. "Zwei von denen waren tatsächlich negativ", sagt Annett Wollenweber verwundert. Die anderen drei haben bereits Einträge.

Gefunden haben die Polizisten bei der Gruppe nichts. Keine Drogen, keine Waffen. Dennoch wird es einen Bericht über die Begegnung geben. Einen Buf - kurz für "Beobachtungs- und Feststellungsbericht". Prios füttert Klaus Welzel mit neuem Wissen. Wer ist wann mit wem gesehen worden. Wo formieren sich neue Gruppen. Eine Arbeit, die normale Streifen zwischen 110-Einsätzen kaum leisten können.

Mosaiksteinchen sammeln, nennt Ingbert Köhler das. Und: Stärke zeigen. "Die Leute sollen sehen, dass wir da sind", sagt Köhler. Es macht ihn nicht unzufrieden, dass er heute ohne eine einzige Festnahme zur Wache zurückfährt. "Was man verhindert, ist eben nicht messbar", sagt er. In dieser Nacht brennt es nicht in Hassels.

© WhatsBroadcast

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