Insgesamt geht die Zahl der Intensivtäter zurück. Doch manche wie Jan S. sind beratungsresistent.

Jugendliche Straftäter beschäftigen die Polizei – in Düsseldorf ist die Zahl der Intensivtäter dank Einzelfallbetreuung rückläufig.
Jugendliche Straftäter beschäftigen die Polizei – in Düsseldorf ist die Zahl der Intensivtäter dank Einzelfallbetreuung rückläufig.

Jugendliche Straftäter beschäftigen die Polizei – in Düsseldorf ist die Zahl der Intensivtäter dank Einzelfallbetreuung rückläufig.

Wolfgang Wierich leitet das Jugendkommissariat.

dpa, Bild 1 von 2

Jugendliche Straftäter beschäftigen die Polizei – in Düsseldorf ist die Zahl der Intensivtäter dank Einzelfallbetreuung rückläufig.

Düsseldorf. In Düsseldorf wachsen immer weniger schwere Kriminelle nach. Die Zahl der Düsseldorfer Intensivtäter, die in einem Jahr mindestens fünf Straftaten – darunter mindestens eine Gewalttat – begangen haben, ist auf einem historischen Tiefstand: 2004, als die spezialisierte Jugendsachbearbeitung eingeführt wurde, waren es mal 304, jetzt ist ihre Zahl auf 71 gesunken. Auch die Zahl der Mehrfachtatverdächtigen (mindestens fünf Straftaten, keine Gewalttat) ist rückläufig: 2008 waren es 219, im vergangenen Jahr noch 109.

Das Düsseldorfer System mit Gelber Karte als Warnschuss nach den ersten Vergehen und der Fallkonferenz als Einzelfallbetreuung für Intensivtäter gilt als Erfolgsrezept. Besonders die „vertrauensvolle Kooperation“ aller Partner von Jugendamt über Polizei bis Jugendstaatsanwalt sieht Wolfgang Wierich, der Leiter des Jugendkommissariats, als wichtig an. Und sie soll noch enger werden, wenn alle Partner gemeinsam in einem „Haus des Jugendrechts“ zusammensitzen – die WZ berichtete. Das Problem: Bislang wird ohne Erfolg nach einer Immobilie gesucht. Wie wichtig es ist, dicht an jungen Straftätern dranzubleiben, zeigt ein herausragendes Beispiel aus Wierichs Kommissariat.

Mit 14 wird Jan S. Mal auffällig: Er verprügelt einen Jungen

Jan S. fällt im Februar 2013 zum ersten Mal auf. Er verprügelt einen Jungen aus der Schule immer wieder. „Da war er gerade 14“, berichtet Wierich. Nur vier Wochen später, Anfang März, wird der Fall bei der Gelben Karte behandelt, bekommt der Junge 30 Arbeitsstunden aufgebrummt. Doch der Warnschuss wird verhallen. „Es ist ein Beispiel, das für mich heraussticht“, sagt der Kommissariatsleiter.

Auch weil Jan S. aus ordentlichen Verhältnissen kommt. Geld zumindest ist kein Problem. Er geht auf die Realschule. Doch dann trennen sich seine Eltern, der Vater hält wenig Kontakt. „Jan fehlt eindeutig die Vorbildfunktion“, glaubt Wierich. Und Grenzen. Als die Gelbe Karte ihm jetzt eine setzt, scheint es schon zu spät zu sein. Nur wenig später im Oktober begeht Jan seinen ersten Einbruch – in ein Bürogebäude, er stiehlt Bohrmaschinen und Winkelschleifer. Dinge, die er überhaupt nicht braucht oder will.

Der Jugendliche hängt im Umfeld der Wohnung seines Vaters herum und sucht sich dort Kumpels, die allesamt schon eine Polizeiakte haben. Wierich: „Er ist keine Kante. Aber er hat ein unglaubliches Auftreten.“ Gemeinsam ziehen sie los und begehen Raubüberfälle. Zeitgleich geht Jan von der Real- auf die Hauptschule, dann von der Haupt- auf die Förderschule.

Die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 ist im vergangenen Jahr gestiegen: von 5111 auf 5922. Laut Wolfgang Wierich liegt das aber an der großen Zahl junger Flüchtlinge; Verstöße im Rahmen des Aufenthalts- und Asylgesetzes seien in der Zahl enthalten.

Die Zahl der Intensivtäter ging fast kontinuierlich zurück, seit es die spezielle Jugendsachbearbeitung und ein eigenes Kommissariat sowie den Einsatztrupp Jugend gibt. 2004 waren es 304 Intensivtäter, 2008 184, 2013 111. Von 2014 auf 2015 ging die Zahl noch einmal zurück von 87 auf zuletzt 71.

Ihre Zahl stieg zwischenzeitlich kurz von 219 im Jahr 2008 auf 229 2009. 2015 lag die Zahl bei 109.

2014 steht der Einsatztrupp Jugend vor der Tür der Familie und eröffnet, dass der Junge jetzt offiziell als Intensivtäter geführt, fast ständig beobachtet wird. „Die Mutter war völlig hilflos“, sagt Wierich. Ihren Sohn hingegen scheint das noch anzuspornen. Im Mai wird er zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt – mit der Auflage, zur Schule zu gehen –, muss Wochenend-Arrest und 100 Arbeitsstunden ableisten. Nichts hilft.

Im Sommer lädt Wolfgang Wierich ihn zu einer Gefährderansprache vor. „Als ich ihn hier sitzen hatte, habe ich mit den Ohren geschlackert!“ S. sagt, als Erwachsener werde er zu den Hells Angels gehen – dann könne ihm niemand etwas. Auf den Fotos seiner erkennungsdienstlichen Behandlung lehnt er mit verschränkten Armen an der Wand, das Kinn hochgereckt Richtung Kamera.

Heute ist S. 17 und sitzt wegen Schlägereien im Knast

Seine Gang ist bereits seine Ersatzfamilie geworden, die kriminelle Karriere alles, was er erreichen will. „Überall versagt er – aber in der Kriminalität hat er seine Bühne.“ Wierich macht ihm klar, dass er kurz vor dem Gefängnis stehe. „Er sagte, ein bisschen Knast schade ihm nicht.“

Als er mit einer anderen Gang Stress anzettelt, man mit Baseballschlägern aufeinander losgeht, ist es so weit: Jan S. wandert in Sicherungshaft, wird dann verurteilt. Er sitzt in Heinsberg in der JVA. Eigentlich sollte der heute 17-Jährige im Herbst rauskommen. Doch inzwischen wird ihm schon wieder schwere Körperverletzung vorgeworfen – nach einer Schlägerei im Gefängnis.

Das Düsseldorfer System aus letzten Chancen und Warnschüssen soll jugendliche Straftäter von der Spirale abhalten, die immer weiter auf die schiefe Bahn führt. Doch auch wenn es an Jan S. abgeprallt sind, sagt Wolfgang Wierich: „Für uns ist der Fall trotzdem auch ein Erfolg.“

Denn sie konnten ihm rasch viele Taten nachweisen, eine harte Strafe erwirken und die Menschen vor ihm schützen. Seine Gang gibt es nicht mehr. „Die meisten haben wir weggesperrt. Seither ist es ruhiger geworden in Düsseldorf.“

Aber Wierich weiß auch: „Wenn er rauskommt, müssen wir uns gleich wieder um ihn kümmern. Er kann nichts, außer Straftaten zu begehen.“ Der Einsatztrupp Jugend wird sofort bei S. auf der Matte stehen und ihn warnen, dass er nicht aus dem Blickfeld verschwunden ist. Im Gegenteil. „Das ist das Gute bei unserem Job im Jugendkommissariat“, sagt Wierich: „Wir wissen immer, was aus den Tätern wird.“

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer