„Paradies“ erzählt von Hamid, der sich radikalisiert. Das Ende bleibt jedoch offen.

Zwischen radikalem Glauben und Spaß mit seinen Freunden steht Hamid (Paul Jumin Hoffmann).
Zwischen radikalem Glauben und Spaß mit seinen Freunden steht Hamid (Paul Jumin Hoffmann).

Zwischen radikalem Glauben und Spaß mit seinen Freunden steht Hamid (Paul Jumin Hoffmann).

David Baltzer

Zwischen radikalem Glauben und Spaß mit seinen Freunden steht Hamid (Paul Jumin Hoffmann).

Hamid, seine Freundin Sonja, seine große Schwester Zeynep und seine Freunde – sie alle haben Spaß im Jugendclub. Sie wippen entspannt zur Musik. Am Mischpult zieht ein DJ mit Lametta-Perücke seine Show ab, schnipst und schon tanzen alle im Rhythmus, klatschen und werfen die Arme hoch. An den Wänden himmelblaue Wolkenbilder und üppig sprießende Gärten. Die Stimmung ist locker. Bis sich einer der Freunde an Hamid wendet: „Nicht einschlafen, Alter! Du wirst gleich einen Feind töten und Du wirst stolz darauf sein.“ Es sei eine gottgefällige Tat, wenn er Sozialarbeiter Tayfun töten würde. Beschwörerisch ist ihr Tonfall, wenn sie dem gläubigen Muslim einreden, danach lande er im „Paradies“.

Wie eng Islamismus, Salafismus und Popkultur verbunden sind, wie nahtlos der Weg vom harmlosen Jugendlichen zum Selbstmord-Attentäter sein kann – darum geht es im Stück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, das im Jungen Schauspielhaus uraufgeführt wurde. Mit einer Gruppe junger Schauspieler – allen voran Paul Jumin Hoffmann als Hamid. Da die Botschaft des Stücks für Jugendliche ab 14 und für Erwachsene niemanden unberührt lässt, war der Jubel aber leicht gedämpft.

„Sprich nur mit Freunden!“ hämmert der als cooler Typ mit lackierten Fingernägeln getarnte IS-Kämpfer (Denis Geyersbach) Neuling Hamid ein. Zunächst wiegt der sich noch zu „I wish I were a prince“. Kurz darauf erklären die Brüder, die Musik sei „unislamisch und unzüchtig“. Langsam geht die Saat auf. Als Sonja Hamid auf die Worte seiner Brüder hinweist, klingt die Antwort schon schneidend: „Du beleidigst meine Brüder!“

Hamid scheint alle Brücken zu Freunden und Familie abzubrechen

Fließend scheint der Übergang vom Mädchenschwarm zum Attentäter, der erst verunsichert wirkt, dann aber den Phrasen dreschenden Brüdern folgt. Er löst sich von Freundin und Schwester, die immer ein enges Verhältnis zu ihm hatte. Hamid scheint alle Brücken abzubrechen, stets mit den gleichen Argumenten. „Ihr habt den wahren Glauben verunstaltet!“ Für ihn scheint klar, dass er im Himmel belohnt, seine Familie aber in der Hölle landen wird. Geschickt führt die lockere Inszenierung der gebürtigen Iranerin Mina Salehpour durch die Etappen einer Selbst-Isolierung. Sie sind getränkt (oder getarnt?) von eingängigen Party-Nummern, die auf- und abbrechen, wenn Hamid einen Schritt weiter geht. Die Zuschauer sitzen direkt neben ihm. So entsteht körperliche Nähe und eine indirekte Komplizenschaft.

Ohne erhobenen Zeigefinger, manchmal gar mit Slapstick- und Comedy-Elementen garniert, zeigen Salehpour und die engagierten Mimen, wie leicht selbst auf Partys Einfluss auf Jugendliche genommen werden kann. Wie leicht sich vernarrte, auf den ersten Blick sympathisch wirkende Islamisten unter Partygäste mischen und aus ihnen schnell falsche Freunden oder Brüdern werden können.

Gewalt wird in der Inszenierung meist nur angedeutet, Theaterblut spritzt wenig. Die Wirkung auf das Drei-Generationen-Publikum erhöht sich dadurch. Einen ähnlichen Effekt erzielen Autor und Regie dadurch, dass das Ende offen bleibt. Kommt Samid noch zu Vernunft? Oder wird aus ihm ein IS-Attentäter? Fragen, die das Publikum, noch am Tag nach der Vorstellung beschäftigen. Fazit: Trotz einiger Klischees – das richtige Stück zur richtigen Zeit.

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