Die Thomas-Edison-Realschule hat einen riesigen Fitnessraum im Keller eingerichtet, weil Schüler Anabolika konsumiert hatten.

wza_1500x1098_555278.jpeg
Joachim Weber, Sportlehrer, hat muskelüberladene Schüler im Blick.

Joachim Weber, Sportlehrer, hat muskelüberladene Schüler im Blick.

Bernd Schaller

Joachim Weber, Sportlehrer, hat muskelüberladene Schüler im Blick.

Düsseldorf. Joachim Weber hat sofort gesehen, dass etwas nicht stimmt. Der Körperbau seines 16-jährigen Schülers war ungewöhnlich kraftstrotzend, sein Verhalten plötzlich aggressiv. Von null auf hundert war der Junge zu einem Muskelpaket mutiert, die Stimmung mal himmelhochjauchzend, dann wieder zu Tode betrübt.

Ganz fremd kam dem Lehrer sein Schüler vor. Jedoch war ihm auf traurige Weise das Auftreten des Jugendlichen vertraut. "Ich wusste, dass hier Anabolika im Spiel waren." Weber unterrichtet an der Thomas-Edison-Realschule Sport und praktische Philosophie. Damals fielen ihm noch weitere Schüler auf, die viel zu viel von den künstlichen Hormonen geschluckt hatten.

"Ihm sind Brüste gewachsen, wie bei einer Frau."

Alexy, Schüler, über seine Begegnung mit einem Bodybuilder

Paradoxerweise hatte der Lehrer gerade eine erste Unterrichtseinheit in einem Fitnesszentrum angeboten. "Ich wollte Abwechslung in den Sportunterricht bringen und etwas präsentieren, was Schüler auch außerhalb des Unterrichts machen können."

Der 46-jährige Diplomsportlehrer kennt sich im Fitnessbereich gut aus und weiß, dass illegale Leistungsverstärker in den Umkleidekabinen auch zunehmend an männliche Jugendliche verkauften werden. Anstatt jedoch das Projekt mit den Schülern abzublasen, setzte er auf Prävention und machte sich für einen Fitnessraum in der Schule stark - im März wurde er eingeweiht.

Mädchen trainieren Po und Beine, Jungen stemmen Gewichte

Die künstlich hergestellten Substanzen beeinträchtigen auch Körperorgane, das Wachstum bei Jugendlichen, den natürlichen Hormonhaushalt. Dazu zeigen die Konsumenten verstärkt aggressives Verhalten.

Die Neunt- und Zehntklässler können seither wählen, ob sie ihren Sportunterricht lieber in der Turnhalle oder an den Geräten verbringen möchten. Die Mädchen trainieren Po und Beine, die Jungen stemmen Gewichte, zweimal 45 Minuten "Man braucht aber eigentlich mehr Zeit", sagt Nico.

Der 16-Jährige nutzt den Fitnessraum von Anbeginn an. In die Turnhalle zum Fußballspielen geht er nie. "Pumpen ist gut für den Körper", sagt er und fügt grinsend hinzu: "Außerdem stehen die Mädels drauf."

Das jedoch ist ein Trugschluss, hat Weber festgestellt. "Wir haben unsere Schülerinnen ganz bewusst gefragt, wie der ideale Mann aussieht. Einen Muskelprotz hat sich keine gewünscht." Dennoch sitzt seiner Meinung nach tief, was Casting- und Modelshows den Jugendlichen vorgaukeln: Schön ist, wer anderen gefällt. "Das ist krankhaft, aber in", meint der Sportlehrer.

Das Training findet bislang ausschließlich unter Aufsicht statt und soll auf solche Schüler ausgeweitet werden, die eine Lizenz erwerben: "Sie absolvieren fünf Doppelstunden, müssen eine mündliche und eine praktische Prüfung ablegen und außerdem eine Vereinbarung unterschreiben, dass sie keine Anabolika nehmen."

Dieser Verzicht fällt den Schülern leichter, seitdem sie Jörg Börjesson getroffen haben. Der ehemalige Bodybuilder hat ein Buch über seine Doping-Erfahrungen geschrieben und eine Aufklärungskampagne in Schulen gestartet. Bei seinen Ausführungen wird er immer sehr deutlich. "Ihm sind Brüste gewachsen, wie bei einer Frau", sagt der 15-jährige Alexy Schellhase.

Verdacht auf Brustkrebs, ständiges Nasenbluten, chronische Magenschleimhautentzündung und schließlich die Frage des Sohnes "Papa, bist du ein Mann oder eine Frau?" - nichts haben die Schüler von Börjessons Vortrag vergessen. Deswegen wollen sie auch nichts übertreiben.

Vorbild: Zwei weitere Schulen wollen den Fitnessraum nun auch benutzen

Webers Konzept hat sich herumgesprochen, zwei Schulen haben bereits angefragt, ob auch sie den Fitnessraum nutzen dürfen. Jedoch möchte der Lehrer zunächst sein Angebot um Boxen, Judo und Yoga erweitern. Platz genug ist vorhanden, nur die Sponsoren fehlen noch.

Die Schüler mit Anabolika im Körper sind längst abgegangen. Weber hofft, dass die Gespräche etwas genützt haben. Zurzeit hat er einen 16-Jährigen im Blick, der ohne viel Training plötzlich 100 Kilogramm stemmt, als wäre es nichts. Weber hat ihn angesprochen. "Er sagt, er nimmt nichts. Aber ich bin skeptisch."

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer