Michael Matzigkeit und Anne Blankenberg über die Magie der Verwandlung zu Karneval und auf der Theaterbühne.

Interview Michael Matzigkeit und Anne Blankenberg über die Magie der Verwandlung zu Karneval und auf der Theaterbühne.
Die Theaterhistoriker Anne Blankenberg und Michael Matzigkeit mit historischen Kostümen im Theatermuseum.

Die Theaterhistoriker Anne Blankenberg und Michael Matzigkeit mit historischen Kostümen im Theatermuseum.

Sergej Lepke

Die Theaterhistoriker Anne Blankenberg und Michael Matzigkeit mit historischen Kostümen im Theatermuseum.

Düsseldorf. Karneval ist Zeit der Masken und Kostüme. Da wird die Stadt zur großen Schaubühne. Die Theaterhistoriker Michael Matzigkeit und Anne Blankenberg besitzen einen großen Fundus an Masken aller Art und Kulturen im Theatermuseum, das sich noch im historischen Hofgärtnerhaus befindet. Dort ist auch noch bis April die lebendige Ausstellung „Kostümrausch“ zu sehen.

Wie viel Karneval steckt im Theater, oder anders gefragt: Wie viel Theater hat der Karneval zu bieten?

Michael Matzigkeit: Das lässt sich gar nicht so einfach auseinander dividieren. Das Burleske findet man auch im Theater. Und andererseits gibt es im Karneval die Büttenrede, den Vortrag. Seit 150 Jahren ist der Karneval auf diese Weise ritualisiert.

Was hat sich denn hinsichtlich Maskierung beim Karneval verändert im Verlauf der Geschichte?

Matzigkeit: Maskenbälle, wie sie sich im 18. und 19. Jahrhundert entwickelt haben, kommen heute in dieser Art nicht mehr vor. Es werden zwar noch Masken getragen, aber die Fantasien werden hier heute eher von Filmen angeregt. Es muss nur ein „Superman“ oder „Star Wars“ gelaufen sein, und schon gibt es in den Warenhäusern entsprechende Angebote.

Anne Blankenberg: Es geht bei den Masken darum, die Kraft, die von den Figuren ausgeht, auf sich zu übertragen. In diesem Punkt sind Theater und Karneval schon ziemlich verwandt.

Und das gilt also auch fürs Theater?

Blankenberg: Ja, das fing schon bei den Griechen an. Die Maske des Dionysos und die seiner Naturgeister als Helfer hatten eine magische Bedeutung. Man ging davon aus, dass die Maske die Kräfte des Gottes auf ihren Träger übertrug, dass also eine Beziehung zwischen der Maske und dem Gott besteht.

Wie haben sich die Masken selbst verändert mit den Jahrhunderten?

Matzigkeit: Im Theater unterscheidet man zwischen Ganz-Kopf-Masken und Schminkmasken. Mit den Schminkmasken kann ich viel individueller werden und Mimik einbringen. Seit dem Barock sind die Schminkmasken in den Vordergrund gerückt. Das gilt auch schon für Shakespeares Theater im Elisabethanischen Zeitalter. Man brauchte aber trotzdem zum Beispiel die großen Nasen oder angeklebte Bärte für bestimmte Typen.

Hat das Theatermuseum im Bestand auch Kostüme mit karnevalistischem Bezug?

Blankenberg: Wir haben ein Harlekin-Kostüm aus der Commedia dell’arte mit dem typischen Rautenmuster. Im deutschen Theater nannte man diese Figur Hanswurst. Und Kinder würden heute sagen: „Das ist ein Clown“.

Matzigkeit: Wir haben hier auch Masken aus anderen Kulturen, zum Beispiel eine Mädchen-Maske aus dem japanischen No-Theater (Matzigkeit zeigt einen Bildband mit japanischen Masken). Das sind teilweise Dämonen, böse und gute Geister. Die Masken sind aus Holz geschnitzt und entsprechend bemalt.

Warum spielen die Masken aktuell im Karneval keine so große Rolle mehr?

Matzigkeit: Die Frage ist, ob das überhaupt stimmt. Es gibt doch im Karneval kaum ein Gesicht, das nicht geschminkt wäre.

Blankenberg: Ich sehe viele Frauen, die sich zumindest ein Herzchen auf die Wange gemalt haben. Es stellt sich dann beim Schminken die Frage, wie weit jemand gehen will.

Matzigkeit: Schminken ist ja auch eine Form des Exhibitionismus’. Und geschminkt verhält man sich gleich anders.

Blankenberg: Wir sehen das bei Kindern, wie schon eine Clownsnase ein Gesicht verändert. Und eine Verkleidung wirkt immer auch nach innen. Das ist auch der Grund, warum Kostüme und Masken im Theater schon bei der Probe getragen werden. Es ist ein Urbedürfnis des Menschen, in eine Rolle zu schlüpfen. Wegen der Verkleidung benutzt man ja auch das Wort „schlüpfen“. Bei Kindern finden Sie das besonders häufig.

Was macht das Theatermuseum mit diesem Thema?

Matzigkeit: Wir sind ein Ort, wo wir das aktiv betreiben. Wir haben mit Armin Kaster zusammengearbeitet zum Beispiel zu Halloween. Er hat mit Kindern und Erwachsenen Masken gebaut und damit Gänge durch die Stadt organisiert.

Blankenberg: Masken wirken zunächst einmal leblos. Doch sobald sie jemand trägt, wird die Maske lebendig. Man kann hinter einer Maske aber auch Zurückgezogenheit und Einsamkeit fühlen. *

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