Fast 9000 Düsseldorfer beziehen Grundsicherung, weil die Rente nicht mehr reicht.

Soziales
Ebbe im Portemonnaie: Gerade zum Monatsende geht vielen Rentnern das Geld aus.

Ebbe im Portemonnaie: Gerade zum Monatsende geht vielen Rentnern das Geld aus.

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Ebbe im Portemonnaie: Gerade zum Monatsende geht vielen Rentnern das Geld aus.

Düsseldorf. Sie ist doch immer klargekommen. Die Rentnerin Erna G. hat ihre Familie auch durch schlechte Zeiten gebracht. Jetzt sind die Kinder längst ausgezogen, der Mann vor einigen Jahren verstorben.

All das hat sie alleine gemeistert. Doch als vor Weihnachten die Strom-Nachzahlung ins Haus flattert, muss sich Erna G. eingestehen, dass sie in einer Sackgasse steckt. Die Witwenrente reicht hinten und vorne nicht. Sie muss Grundsicherung im Alter beantragen.

Dieser Fall ist fiktiv, aber es gibt ihn tausendfach in Düsseldorf. Die Altersarmut nimmt zu. Seit die Grundsicherung 2003 die Sozialhilfe ablöste, hat sich die Zahl der Bezieher von 4561 auf 8900 im Oktober 2010 beinahe verdoppelt – Tendenz steigend.

Rechnungen zum Jahreswechsel verschärfen die Situation

„Gerade in den Monaten um den Jahreswechsel, wenn Nachzahlungen für Strom oder Heizung fällig werden, erleben wir es oft, dass die Rente nicht mehr reicht“, sagt Georg Peters, der für die Caritas acht Zentren Plus koordiniert und das Zentrum Plus in Oberbilk leitet. „Wir merken, dass Besucher zum Monatsende weniger Kaffee trinken oder kostenpflichtige Angebote nicht mehr wahrnehmen.“

Zudem seien die älteren Bürger mittlerweile bei Lebensmittelausgaben in der Überzahl. „Man sieht auch mehr ältere Menschen, die als Pfandflaschensammler unterwegs sind“, sagt Peters. 70 Prozent aller Senioren, die bei ihm Rat suchen, haben finanzielle Sorgen.

„Wer im Alter Grundsicherung bezieht, tut das in der Regel bis zum Lebensende“, sagt Sozialamtschef Roland Buschhausen.

In Flingern-Süd bezieht jeder Fünfte über 65 Jahren Grundsicherung. Stark betroffen sind auch die Stadtteile Hassels (16 %), Oberbilk und Friedrichstadt ( beide etwa 13 %).

Grundsicherungs-Servicecenter gibt es an der Münsterstraße 64 (Ruf 89 24 488) und an der Gumbertstraße 152 (Ruf 89 97 344). Mehr Infos auch im Internet.

Sozialamtsleiter Roland Buschhausen macht neben der alternden Gesellschaft, den lückenhaften Erwerbsbiografien und damit kleineren Renten auch die steigenden Lebenshaltungskosten für den Trend verantwortlich.

„Das Leben ist teurer geworden. Und arme Alte haben keine politische Lobby wie die Hartz IV-Empfänger.“ Vor allem Frauen, die selbst nie berufstätig waren und spät zum Single oder zur Witwe wurden, sind von Altersarmut betroffen.

Die Stadt zahlt pro Jahr 60 Millionen für Grundsicherung

Die Stadt hat im Haushalt 2011 etwa 60 Millionen Euro für die Grundsicherung im Alter veranschlagt. Vier Millionen mehr als im Vorjahr. Sozialdezernent Burkhard Hintzsche würde diese Kosten am liebsten auf den Bund abwälzen, stellen sie doch eine „Herausforderung dar, die den kommunalen Finanz-Spielraum einengt“.

Als 2003 die Grundsicherung die Sozialhilfe ablöste, sollte damit die verschämte Armut im Alter bekämpft werden: Gerade alte Menschen scheuten sich, zum Sozialamt zu gehen und Hilfe zu beantragen. „Sie empfanden das als Schande“, sagt Georg Peters.

Ihm ist noch ein besonderer Fall in Erinnerung: Ein Oberbilker Rentner hauste lieber mit Gaskocher in einer Garage, als öffentliche Hilfe zu beanspruchen. „Die verschämte Armut hat abgenommen, aber es gibt sie auch heute noch“, sagt er.

Viele Senioren befürchteten auch, dass ihre Angehörigen für sie aufkommen müssen, wenn sie sich offenbaren. Doch das sei nicht der Fall.

Viele suchen erst Hilfe, wenn der Schuldenberg hoch ist

In den 29 Zentren Plus der Wohlfahrtsverbände wird Betroffenen geholfen, die richtigen Ansprechpartner zu finden und Anträge auszufüllen. „Trotz der in Düsseldorf guten Aufklärungsarbeit ist vielen die Möglichkeit gar nicht bekannt, Grundsicherung zu beziehen“, sagt Georg Peters.

Er wünscht sich eine sensiblere Nachbarschaft: „Es wäre schön, wenn Bekannte oder Nachbarn auf die Betroffenen zugingen und sagten: ,Ich geh mit dir zum Amt und dann schauen wir mal nach Hilfe.’"

Denn oft suchten die Menschen erst Rat, wenn ihnen die Schulden über den Kopf gewachsen sind. Durch Nachbarschaftshilfe ließen sich auch Vereinsamung und Verwahrlosung einschränken.

Infos:

www.duesseldorf.de/sozialamt/grundsicherung

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