Schade, wenn Düsseldorfs einstiges Tintenviertel wieder zur Walachei versumpfen würde.

97a41749-da3e-43d2-8f4e-4265682a46af.jpg
So schön könnte es in Friedrichstraße (hier ein Café vor dem Stern-Verlag) aussehen, wenn die Stadtpläne umgesetzt werden. Ansicht: Stadt Düsseldorf

So schön könnte es in Friedrichstraße (hier ein Café vor dem Stern-Verlag) aussehen, wenn die Stadtpläne umgesetzt werden. Ansicht: Stadt Düsseldorf

Bei der ersten Stöbernacht im Stern-Verlag im Jahr 2014 verbrachten viele Literaturfreunde die Nacht lesend auf dem Feldbett.

Bild 1 von 2

So schön könnte es in Friedrichstraße (hier ein Café vor dem Stern-Verlag) aussehen, wenn die Stadtpläne umgesetzt werden. Ansicht: Stadt Düsseldorf

Düsseldorf. Ich hatte einen Traum: Ich lag auf einem Feldbett unter einer grünen Decke. Über mir ein Stern. Wortwörtlich. Ich schlummerte mitten in der Friedrichstadt, im Stern-Verlag. Das Schöne daran: Es war gar kein Traum. Düsseldorfs größte Buchhandlung hatte zu einer „Stöbernacht im Stern-Verlag“ eingeladen.

Ein Traum nicht nur für biedere Bücherwürmer und nachtaktive Leseratten. Man konnte auf 5000 Quadratmetern nach Herzenslust und Leselaune die liebe, lange Nacht bis morgens um 7 Uhr zwischen den Regalen schlendern, schmökern und schlemmen, im Café war ein kalt-warmes Buffet aufgebaut. Und: zwischendurch im improvisierten Feldlager im Zwischengeschoss schlummern und - träumen.

Das war Ende des vorletzten Jahres, im November 2014. Zu dieser ersten Stöbernacht - übrigens eine Anregung aus dem Kundenkreis - kamen etwa drei Dutzend Nachtschwärmer. Im Wiederholungsfall wären es wahrscheinlich mehr gewesen. Aber, leider, es gibt keine Wiederholung. Ein Jahr später: Aus der Traum. Der Stern-Verlag schließt am 31. März dieses neuen Jahres.

Jetzt ist das Jammern groß. Ja, ich gebe zu, ich war nach meiner Traum-Nacht auch nicht mehr so oft da. Einem Facebook-Aufruf mit dem Titel „Düsseldorf braucht den Stern-Verlag“ stimmten schon in den ersten drei Tagen mehr als 1500 Personen zu und hinterließen emotionale Kommentare. Die lokalen Medien berichteten Tag für Tag. Es wird - zu Recht - ein Domino-Effekt für die Friedrichstadt befürchtet.

Der Stern-Verlag wird heute schon schmerzlich vermisst. Auch als eines der letzten Häuser mit einem ausgedehnten Antiquariat. Ein Reich für sich, eine Zeitreise, eine Schatzkiste. Nicht nur für Bücher. Meinen Esstisch schmücken zwei alte chinesische Keramik-Schalen. Wo ich die her habe, wollen meine Freunde wissen. Aus dem Stern-Verlag! Wo der die her hat? Ein Mitarbeiter des Antiquariats erzählte mir, dass das renommierte Buchhaus oft zu Nachlässen gerufen wird. Und die bestünden eben nicht nur aus Büchern. Das Eine oder Andere wandert dann als Angebot und vorübergehende Zierde ins Antiquariat und verleiht ihm ein besonderes Ambiente: ein Harmonium mit vergilbten Tasten, ein ausgestopfter Dachs, indische Schals, Gästebücher vom Düsseldorfer Modezar Hanns Friedrichs …

Seufz. Der Stern-Verlag wird fehlen. Gerade jetzt, wo die jahrelangen U-Bahnbaustellen endlich verschwinden, die betroffenen Stadt-Teilchen aufatmen und sich neu herausputzen (lassen) können. Sein Abschied reißt nicht nur eine Angebotslücke in die Friedrichstraße, sondern ins ganze einstige „Tintenviertel“ der Stadt, ehemals eine bevorzugte Adresse von höheren Beamten, Anwälten, eben des gehobenen Mittelstands. Flankiert wurde die gute Adresse von Musentempeln wie dem alten Apollo und dem Operettenhaus an der Jahnstraße, Kino, Tanzbar - unterm Strich auch ein Ausgehviertel.

Heute gehört die Friedrichstadt zu den bevölkerungsreichsten Stadtteilen mit der größten Pkw-Dichte: zentral, nah am Rhein, mit vielen (noch) unsanierten Altbauten, die Mieten sind hier und da noch erschwinglich - ziehen aber deutlich an. Hier leben viele Singles. Da wäre es doch wirklich jammerschade, wenn dieses Stadtteilchen langsam ausbluten und darin zurücksinken würde, wo es einst herauswuchs: aus den Sümpfen. „Die Walachei“ nannten es seine Ureinwohner, bevor es mit dem Namen des preußischen König Friedrich Wilhelm IV. geadelt wurde.

Davor verschließe ich jetzt mal die Augen, versetze mich wieder in die Lage auf meinem Feldbett im Stern-Verlag und träume einfach weiter: von einem wunderbaren Einkaufsparadies um mich herum, dem neuen Star-Center an der Friedrichstraße. Im Eingangsbereich duftet es verführerisch: rechts ein Blumenladen, links ein Café. Ein Konzept, das mich schon in Berlin vorm Hotel Bleibtreu immer wieder betört. Im Inneren des ehemaligen Stern-Verlags ist noch Platz für Bücher, es müssen ja nicht mehr so viele sein. Gleich nebenan ist ja das Internet-Cafe, da kann man stationär bestellen und sich dabei sogar beraten lassen.

Das Antiquariat ist entstaubt und vergrößert zu einem Vintage-Store mit Retro-Mode, Möbeln aus verschiedenen Epochen, Designer-Accessoires, die Geschichten erzählen, It-Bags von Gestern, noch immer und schon wieder heiß begehrt. Ab und zu finden hier Tauschbörsen statt. Gleich nebenan ist ein schicker Schuh-Shop, ein langer Raum mit einem roten Teppich zum Probelaufen in der Mitte. Gleich daneben Düsseldorfs erstes Fish-Spa, wo man die Füße zum kitzligen Hornhautabknabbern ins Aquarium senkt, bevor man in die neuesten Sandaletten sclüpft. Leerstände gibt’s nicht, das verhindern Pop-Up-Shops junger Designer, die unterstützt werden von der Bürger-Stiftung, die ihre erfolgreiche Kleiderbörse künftig nur noch im neuen Star-Center veranstalten will. Guter Zweck!

Was die geile Ladenzeile unter anderem so unverwechselbar macht: In jedem Store findet man der Branche entsprechende Fachliteratur und tolle Bildbände im Angebot. Eine Kombi, die ganz besonders Appetit macht in der Dependance einer Kochschule mit angegliedertem Bistro. Freitags nach Feierabend wird auf der Plaza im Innenbereich Tango getanzt - Bilder, die sich aus dem New Yorker Meatpacking-District in meinen Traum geschlichen haben müssen.

Und: Ist das nicht Frank Schnitzler, der da an einer Säule lehnt und Hof hält? Womöglich denkt er über ein kleines Parfum-Museum nach – wie man ihn kennt, nicht lange. Die Couture-Sammlerin Monika Gottlieb erscheint mir als gute Fee, die in dem Viertel noch märchenhaft viel Gestaltungsspielraum sieht, jenseits der Filialitis ihrer geliebten Kö. Heinersdorff verkauft Karten, für eine Probebühne war leider kein Platz mehr.

Und plötzlich bläst der Wind auf Düsseldorfs Pracht-Boulevard nicht mehr nur in eine Richtung, in die des Kö-Bogens, und die Düsseldorfer kriegen wieder die Kurve in ihre Friedrichstadt. Ein schöner Traum. Fehlen nur noch ein paar Aufgeweckte, die ihn platzen oder wahr werden lassen…

Leserkommentare (1)


() Registrierte Nutzer