WZ-Mitarbeiter Christopher Chirvi hat für einige Nächte bei Fremden geschlafen.

Reportage
Gilles Heyberger (l.) mit WZ-Mitarbeiter Christopher Chirvi auf seiner Couch.

Gilles Heyberger (l.) mit WZ-Mitarbeiter Christopher Chirvi auf seiner Couch.

Bernd Schaller

Gilles Heyberger (l.) mit WZ-Mitarbeiter Christopher Chirvi auf seiner Couch.

Düssldorf. Die Wohnung von Gilles an der Klosterstraße ist unerwartet geräumig – zwei Zimmer, große Fenster, Parkett. Im Schlafzimmer stehen nur Bett und Kleiderschrank, im anderen nur Holzregal, Sofa und ein Tisch mit zwei Stühlen. „Mehr brauche ich nicht“, sagt er, „so gefällt mir die Wohnung besser.“ Im Regal stehen CDs von Klassik bis Hardcore Punk, Bücher von Tolstoi bis Comics.

Stilvoll gekleidet steht der 27-Jährige in einer gebügelten grauen Stoffhose und einem hellen Seidenhemd vor mir, dazu trägt er Flip-Flops. Aus der Küche zieht Essensduft in das Zimmer. „Willst du auch etwas essen?“, fragt er mich. Ich nehme das Angebot gerne an. Ich treffe Gilles am Freitag das erste Mal und werde die nächsten beiden Nächte bei ihm schlafen. Gilles und ich sind Couchsurfer.

Rund 250 Couchsurfer bieten aktuell eine Couch in und um Düsseldorf an

Die Internetseite Couchsurfing.org ist nach eigenen Angaben mit inzwischen mehr als drei Millionen Mitgliedern in über 246 Ländern und Gebieten das größte der internetbasierten Gastfreundschaftsnetzwerke. Über das Netzwerk können seine Mitglieder kostenlos ihre Couch, ihr Gästezimmer oder einfach eine Ecke ihrer Wohnung für die Luftmatratze ihres Gastes anbieten. Kontakt wird im Internet aufgenommen, alles weitere machen Surfer und Gastgeber unter sich aus. In Düsseldorf gibt es fast 1300 Couchsurfer. Doch nicht nur junge Menschen bieten einen Schlafplatz an, auch viele Rentner nutzen das Portal. 250 Nutzer in und um Düsseldorf stellen aktuell ihre Couch zur Verfügung.

Die Profile bei Couchsurfing sind mit denen von Facebook oder anderen sozialen Netzwerken vergleichbar. Jeder Nutzer beschreibt sich selbst mit Fotos, Hobbys und Interessen wie Musik oder Lieblingsbüchern. Auch auf das Profil von Gilles bin ich über seine Interessen gestoßen – wir mögen beide die Filme von Jim Jarmusch und Wes Anderson.

Zum Abendessen trinken wir ein Pils, unterhalten uns über Musik und darüber, wo man in Düsseldorf die besten Konzerte sehen kann. „Der Freitagsklub im Forum Freies Theater lohnt sich“, erzählt er mir. Darüber hinaus gehe er gern ins The Tube in der Altstadt oder das AK47 in der Kiefernstraße. Erst vor etwa einem Jahr ist der Franzose nach Düsseldorf gezogen, um als Energie-Analyst im Medienhafen zu arbeiten.

2007 von Mitgliedern des Hospitality Clubs gegründet. Eine Mitgliedschaft ist nicht verpflichtend, die Seite finanziert sich ausschließlich aus Spenden.

www.bewelcome.org

Deutschlandweites Netzwerk für Radfahrer. 1987 gegründet und vom Fahrrad-Club ADFC unterstützt.

www.dachgeber.de

1949 in Dänemark gegründet und das älteste Netzwerk. Will den Weltfrieden, gegenseitige Unterstützung und Verständnis füreinander fördern.

www.servas.org

Club 2000 gegründet, einer der größten Gastgeberdienste.

www.hospitalityclub.org

Insgesamt gibt es weltweit fast 40 verschiedene Gastgeberdienste.

 

Online gegangen ist die Seite, über die der Kontakt zustande kam, 2004. Der Gründer Casey Fenton erzählt auf seinem Profil, dass er während eines Islandaufenthalts rund 1500 Studenten der Universität Island anschrieb und nach Übernachtungen fragte. 50 positive Rückmeldungen innerhalb kurzer Zeit brachten den US-Amerikaner auf die Idee, das Couchsurfing-Projekt auf die Beine zu stellen.

Der Couchsurfer als kostenlose Alternative zum Stadtführer

Nach dem Abendessen zeigt Gilles mir, wo ich übernachten werde. Er zieht an einer Leine seines Sofas und es öffnet sich ein komplettes Bettgestell. Sehr komfortabel! Was der Gastgeber anbieten kann und was der Surfer selbst mitzubringen hat, machen die Nutzer unter sich aus. Gilles bietet mir das Sofa und einen Schlafsack, alles andere habe ich selbst dabei – so hatten wir es zuvor abgesprochen. Zusätzlich überlässt er mir noch einen Wohnungsschlüssel. Ich schlafe wie ein Stein auf dem fremden Sofa. Gilles verlässt die Wohnung früh am nächsten Morgen, doch nicht einmal davon werde ich wach.

Ziel beim Couchsurfen ist nach Idee der Macher dabei weniger die kostenlose Übernachtungsmöglichkeit, sondern viel mehr der Erfahrungsaustausch. Geht ein Reisender in ein Hotel, so ist er bei der Erkundung der Stadt meist auf Reiseführer und Touristeninformation angewiesen. Beim Couchsurfen trifft er auf einen Einheimischen, der Insidertipps geben kann und Plätze kennt, die der normale Touristenführer nicht hergibt. Es gibt jedoch keine Verpflichtung, einen Schlafplatz anzubieten. Auch wer dem Reisenden ausschließlich die eigene Stadt zeigen möchte, beweist seine Gastfreudschaft – Couchsurfing als Völkerverständigung.

Gegenseitige Referenzen sind die wichtigsten Profil-Informationen

Für den zweiten Abend vereinbaren wir, dass Gilles wieder etwas kocht, ich den Einkauf übernehme. „Tuna“, „noodles“ und „scour cream“, sagt er mir auf Englisch, braucht er für das Abendessen. Kein Problem – also gehe ich in den nächsten Supermarkt und kaufe Thunfisch, Nudeln und Sour Cream – bereits fertig zubereitet und gewürzt im Plastikbecher. Dass er allerdings die ganz normale saure Sahne meinte, ist dann auch nicht schlimm. Der Hobbykoch kann improvisieren und weitere Verständigungsprobleme tauchen nicht auf.

Nachdem sich Couchsurfer getroffen haben, bewerten sie sich gegenseitig auf ihren Nutzerprofilen. Die Referenzen sind letztendlich die wichtigsten Informationen auf den Profilen. Sie sagen oftmals viel mehr über einen Menschen aus als die eigene Beschreibung.

Nachdem ich mich von Gilles verabschiedet habe, ziehe ich von der Klosterstraße weiter zur nächsten Couch in die Kapellstraße. Auch hier übernachte ich wieder in meinem eigenen Zimmer auf einem sehr bequemen Sofa – die Düsseldorfer Couchsurfer wissen offenbar, wie sie ihre Gäste komfortabel beherbergen.

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