In Düsseldorf grassiert seit Jahren das große Sterben der Musikbars und Discos. Die Gründe: Es mangelt an Mut, Konzepten und einer Ü30-Szene.

2009 drehte Howard Donald die Plattenteller im 3001 im Hafen. 2012 schloss die Disko endgültig.
2009 drehte Howard Donald die Plattenteller im 3001 im Hafen. 2012 schloss die Disko endgültig.

2009 drehte Howard Donald die Plattenteller im 3001 im Hafen. 2012 schloss die Disko endgültig.

Das Les Halles schloss notgedrungen, weil auf dem Gelände gebaut wurde. Ein Ersatz war geplant – er kam aber nie.

Das Attic an der Kö war ein edler Club – hielt sich aber nicht. Man munkelt: zu junge Gäste, zu wenig Einnahmen, zu hohe Miete.

DJ Theo Fitsos: Kö-Clubs scheiterten an den Mieten.

Stefan Prill fehlen in Düsseldorf die Alternativen.

Henry Storch: „In die Altstadt geht man nur zum Saufen.“ F: Kyung-Ho

Markus van Offern, Bild 1 von 6

2009 drehte Howard Donald die Plattenteller im 3001 im Hafen. 2012 schloss die Disko endgültig.

Düsseldorf. Den Anfang des großen Sterbens machte die Hafen-Disco 3001: Nach zehn Jahren schloss sie 2012 ihre Tore. Es folgten so viele. Nach mehr als 30 Jahren etwa schloss das Checker’s im Kö-Center, Silvester 2014 verabschiedeten sich gleich Les Halles und das schicke Attic unterm Dach der Kö 1 mit großen Neujahrsfeten. Die Liste lässt sich beliebig erweitern – um die Jase Living-Bar und das Pretty Vacant in der Altstadt etwa, das La Rocca, das Tor 3. Als Düsseldorfer über 30 bekommt man das Gefühl, allein in der Nacht zu stehen und zu rufen: Wo seid ihr alle hin?

Die Antwort im Fall von Musikmann Henry Storch lautet vor allem: weg aus der Altstadt. Dort führte er 1995 bis 2007 den Unique Club, versuchte danach mit dem „Blue Note“ auch wieder, das Publikum für erwachsenen Hip-Hop und Co. abseits der modernen Fahrstuhlmusik so vieler Nachtclubs zu begeistern – stieg 2013 aber aus. Jetzt ist er künstlerischer Leiter im Stahlwerk und holt Künstler wie Element of Crime und De la Soul nach Düsseldorf. „Es wird nicht mehr auf die Musik geguckt, sondern auf die Leute“, sagt er. Heißt: Im Versuch, den Laden vollzubekommen, wird gefälliger Einheitsbrei gespielt. Die Konsequenz lautet für ihn: „Es gibt nur noch einen Grund, in die Altstadt zu gehen: um zu saufen!“ Das Problem: „Alternativen fehlen“, sagt Stefan Prill. Dem Stahlwerk-Chef ist in der Vergangenheit rund um seine Location ein ganzes Partyviertel weggestorben: Tor 3, Con-Sum, Café Rosa Mond, Rotkompot. Geblieben ist er – und er versucht jetzt, sich wieder ein klareres musikalisches Gesicht zu geben.

Damit ist er einer von wenigen. „Es wird immer wieder Neues probiert – aber nichts greift so richtig“, hat auch DJ Andrew Reeves beobachtet. Das Publikum zu jung, die Musik zu ähnlich. Damit haben junge Clubs es schwer in einer Sparte, die etwa von der „Mauer“ an der Ratinger Straße seit Ewigkeiten ordentlich besetzt wird. Auch dort gibt es freitags und samstags den immerähnlichen Mix aus Tanzbarem – mit Andrew Reeves als Resident DJ. „Es macht keinen Sinn, da was zu verändern. Never change a running system“, sagt er. „Du gehst rein für ein zwei Stunden, trinkst was, lernst vielleicht jemanden kennen. . .“ Aber die Alternativen mit geschärftem Musikprofil fehlen, das sieht auch er. „Es gibt keinen richtigen House-Club“, nennt der DJ ein Beispiel. Eine Revivalparty für das frühere Düsseldorfer „La Rocca“ , das mal als bester Club am Platze galt und 2002 schloss, fand jüngst bezeichnenderweise in Neuss statt – und zog treue Pilger in vierstelliger Zahl an.

Der tanzbare Einheitsbrei bringt ein immer jüngeres Publikum

Die fehlende klare Kante scheint weitere Probleme mit sich zu bringen. Etwa, dass die Beliebigkeit der Musik ein immer jüngeres Publikum anzieht. Läden wie der frühere Ratinger Hof, in den jeder von 20 bis 60 gegangen ist, der auf Rock stand – es gibt sie kaum noch. Man munkelt, dass diese grüne Gästeschar, die eher zu Hause vorglüht, als elf Euro für einen Longdrink zu zahlen, auch ein Problem der Kö-Diskos Checker’s und Attic war. Neben der horrenden Miete. „Das Hauptproblem in den Kö-Clubs war, dass die Einnahmen nicht mehr stimmten“, sagt DJ Theo Fitsos – früher Les Halles, jetzt vor allem Chateau Rikx in Oberkassel.

Das Chateau – mal ein Laden, in den auch „Ältere“ gehen. So was in der Altstadt, meint DJ Andrew Reeves, das müsste klappen. Findet auch sein Kollege André Wallukat: „Mir fehlt eine Ü30-Szene. Den Club für die Mitte-30er, den könnte mal jemand aufmachen!“ Das sei eine schwierige, aber lukrative Zielgruppe. Sie hat Anspruch und zappelt nicht jedes Wochenende durch die Nacht – aber wenn, dann gibt sie Geld aus. An die will auch Wallukats größter Arbeitgeber wieder ran: die Nachtresidenz. Mit der neuen Partyreihe „Resilution“ (nächster Termin am 16. April) und Live-House-Musik. Mehr Spezialisierung, mehr Qualität – und hoffentlich mehr Leute, mehr Einnahmen.

Partyveranstalter wünscht sich mehr Mut zum Abgehen

Dass diese Rechnung aufgeht, glaubt auch Künstler Frank Dursthoff, der mit seinen „Unartig“-Partys früher im Attic gastierte, jetzt im Ufer 8. Bars wie der Salon des Amateurs und die Anaconda Lounge, die strikt Elektro machen, hätten’s bewiesen. „Ich habe das Gefühl, dass die Leute in Düsseldorf zurückhaltend sind, was Partys angeht“, meint er. „Aber vielleicht sind sie es auch einfach leid.“

Mit „Es“ meint er Veranstaltungen, deren Macher meinen, es reiche aus, das Licht anzuknipsen und einen DJ an die Plattenteller zu stellen. Zu viel „Nummer sicher“, zu viel Herumgewippe ohne Schwitzen, er wünscht sich mehr Mut zum Abgehen. „Feiern soll etwas Lustiges sein. Düsseldorf hat manchmal ein bisschen einen Stock im Arsch.“

Immerhin: Viele der Nachtleben-Experten sehen leichte Hoffnungsschimmer. Dursthoff lobt die Live-Musik-Initiative der Nachtresidenz. André Wallukat hebt die neue Partyreihe „Different Strokes“ im Stahlwerk, ebenfalls immer mit Live-Musik, hervor. Und Andrew Reeves freut sich auf die neue Elephant Bar von Anaconda-Macher Walid El-Sheikh im ehemaligen Q-Stall an der Kurze Straße mit klarem Musikprofil rund um Jazz, Funk und Soul (die WZ berichtete): „Das wird super spannend.“

Und auch wenn unsere Mieten zu hoch und wir manchmal zu steif sind; auch wenn der Mittdreißiger, der sich nicht von House bis R’n’B durchhören will, momentan buddeln muss, um die schönen Initiativen in Düsseldorf zu finden – die es ja gibt: Anderswo ist es immer noch schlimmer. In Köln etwa, sagt DJ Andrew. Auf den Ringen gingen inzwischen Schlepper um, die verzweifelt versuchten, Leute in ihre Diskos zu ziehen. Größen des Nachtlebens wie Rose Club und Triple A verschwanden. „Da verdient keiner mehr“, sagt der Mauer-Resident. „Wenn ich höre, für welches Geld die da auflegen, bin ich froh, dass ich in Düsseldorf bin!“

Leserkommentare (3)


() Registrierte Nutzer