In der Tagesklinik an der Flurstraße werden Suchtkranke in Vollzeit therapiert. Die Einrichtung hat inzwischen Nachahmer in ganz Deutschland.

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Sabine Dückers leitet die Tagesklinik für Suchtkranke an der Flurstraße.

Sabine Dückers leitet die Tagesklinik für Suchtkranke an der Flurstraße.

Tom Hintze bereitet selbst eine Mahlzeit zu. An gesundes Essen hat er bisher wenig gedacht. Fotos (2): Judith Michaelis

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Sabine Dückers leitet die Tagesklinik für Suchtkranke an der Flurstraße.

Düsseldorf. Tom Hintze (Name geändert) hat eine Schürze umgebunden, er steht am Herd und wendet Fischstäbchen in einer Pfanne. In den Töpfen daneben köcheln Spinat und Kartoffelpüree. In den vergangenen 15 Jahren hat der 35-Jährige sich wenig Gedanken um ein kräftiges Mittagessen gemacht. Nur viel Gedanken um den nächsten Schuss. „Jetzt bin ich clean“, sagt er.

„Ich werde noch substituiert, aber in zwei bis drei Wochen bin ich da raus.“ Hintze ist seit viereinhalb Wochen Patient der städtischen Tagesklinik für Suchtkranke an der Flurstraße. Das einstige Pionierprojekt des Gesundheitsamtes feierte gerade fünfjähriges Bestehen – und hat inzwischen Nachahmer in ganz Deutschland.

Ambulante Tagesangebote gibt es meist nur für Alkohol- und Tablettenabhängige. Für Drogenkranke blieb die Wahl zwischen stationären Angeboten und den Sitzungen beim Therapeuten. „Die Tagesklinik transportiert das komplette Angebot einer stationären Therapie in den Alltag der Patienten“, erklärt Dr. Sabine Dückers, Leiterin der Düsseldorfer Einrichtung. Montags bis samstags, zwischen 8 und 16 Uhr haben sie Psycho-, Ergo- und Bewegungstherapie sowie medizinische Versorgung geballt – doch dann geht es für sie nach Hause.

Die Tagesklinik hilft auch bei der späteren Jobsuche

„Dann bin ich wieder auf mich gestellt“, sagt Tom Hintze. Für den Notfall, für Momente mit bösen Gedanken, hat er die Handynummern der Therapeuten im Dienst. „Und ich sehe jeden Abend meine Lieben.“ Das sind seine Verlobte und deren Tochter. Zu seinem eigenen zehnjährigen Sohn und dessen Mutter hat er keinen Kontakt mehr – die Folgen eines Lebens mit den Drogen. Mit seiner neuen Familie will Hintze es jetzt richtig machen. Für sie sorgen.

Auch das lernt er in der Tagesklinik. In der ersten Orga-Runde am Morgen wird festgelegt, wer kocht und einkauft. Es gibt ein Kassenbuch und ein festes Budget. Heute kochen Tom Hintze und zwei andere Patienten für elf Personen. Zwei Euro pro Kopf dürfen sie für den Einkauf ausgeben. „Zu Weihnachten wollten wir gern eine Gans – aber das hat nicht geklappt.“ Die Gruppe war mit ihrem Haushaltsgeld ins Minus gerutscht und musste sparen. Wie im echten Leben.

Die Tagesklinik kann 24 Patienten aufnehmen. Derzeit sind zwei Gruppen zu je acht Patienten im Haus. Sabine Dückers führt die Unterbelegung darauf zurück, dass die Tagesklinik noch immer nicht jedem bekannt ist.

Die Patienten in der Tagesklinik müssen abstinent sein oder zumindest nur substituiert werden – etwa mit der Ersatzdroge Methadon. Wer heimlich weiter konsumiert, bei dem kann die Behandlung abgebrochen werden; zwei Mal pro Woche finden Urinproben statt. Voraussetzung ist zudem ein halbwegs stabiles soziales Umfeld, damit der Patient außerhalb der Klinik etwas Halt hat.

Die Kosten übernimmt die Rentenversicherung. Laut Sabine Dückers ein Problem: Für Entzug, Reha und Therapie danach muss der Abhängige immer wieder neue Anträge stellen. Dies führe zu Wartezeiten, die ein Risiko für die Abstinenz sind. „Das System ist verbesserungswürdig“, sagt Dückers.

Zunehmend werden in der Tagesklinik auch Cannabis-Abhängige behandelt. „Das Suchtpotenzial und die Folgeschäden wurden lange unterschätzt“, sagt Sabine Dückers.

Fit für das echte Leben zu machen, ist Ziel der meist sechsmonatigen Behandlung in der Flurstraße. Fachleute erarbeiten mit den Patienten deshalb auch Bewerbungsunterlagen, trainieren sie für Vorstellungsgespräche. Sie üben auch den Umgang mit einem „leeren“ Lebenslauf. Die meisten Patienten haben entweder die Schule oder danach die Lehre abgebrochen.

Tom Hitze ist Bürokaufmann. „Da möchte ich wieder Fuß fassen“, sagt er. In der Tagesklinik soll er die Möglichkeit bekommen, ein Praktikum während der Therapie zu absolvieren – in einer stationären Einrichtung undenkbar. „So habe ich vielleicht schon eine Struktur für danach“, sagt Hintze.

In der ersten Zeit nach der Therapie ist die Rückfallgefahr am größten

Danach. Das ist die größte Herausforderung, weiß auch Sabine Dückers. „Im ersten halben Jahr nach einer Therapie ist die Rückfallgefahr am größten.“ Zumal wenn die erste Erfahrung für die jetzt Abstinenten ein Scheitern ist. An der Jobsuche. „Häufig schaffen wir schon eine Vermittlung in den zweiten Arbeitsmarkt“, sagt Sabine Dückers. Die Zusammenarbeit mit der Arge soll jetzt noch ausgebaut werden, um künftig noch mehr Patienten eine dauerhafte Perspektive zu geben.

Tom Hintze steht noch ganz am Anfang. Er muss erst einmal grundlegend lernen, wie man sich Problemen und Herausforderungen stellt – statt sie durch den Stoff auszublenden. Die Erfolgsquote der Tagesklinik liegt bei grob geschätzten 35 bis 70 Prozent. Für Hintze ist es die fünfte Therapie. „Ich hoffe, dass ich es diesmal schaffe.“

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