Sozialdezernent Burkhard Hintzsche über die gesellschaftlichen Herausforderungen der Stadt in diesem Jahr.

Perspektiven
Burkhard Hintzsche sagt: „Düsseldorf ist eine sozial gerechte Stadt.“

Burkhard Hintzsche sagt: „Düsseldorf ist eine sozial gerechte Stadt.“

Judith Michaelis

Burkhard Hintzsche sagt: „Düsseldorf ist eine sozial gerechte Stadt.“

Düsseldorf. Düsseldorfs Sozialdezernent Burkhard Hintzsche schlägt die Beine übereinander, lehnt sich zurück und sagt: „In einer verhältnismäßig reichen Stadt wie Düsseldorf Sozialdezernent zu sein, ist ein Traumjob.“

Denn Düsseldorf könne viel mehr als andere Städte tun, damit Menschen jeden Alters aus allen sozialen Schichten und egal welcher Herkunft am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Deswegen, sagt Hintzsche, auch: „Düsseldorf ist eine sozial gerechte Stadt.“

Dass die Wirtschaft in der Stadt boomt, immer mehr Menschen aus dem Umland anzieht und die Gewerbesteuer-Quelle offenbar so zuverlässig sprudelt wie die des Rheins, ist für Hintzsche die Voraussetzung dafür. „Gott sei Dank floriert die Wirtschaft“, sagt Hintzsche. Schließlich ist der Sozialetat auch 2011 mit 403 Millionen Euro der dickste Brocken im Stadthaushalt.

„Armut wird man nie ganz vermeiden können, doch Düsseldorf hat ein enges soziales Netzwerk.“

Burkhard Hintzsche, Sozialdezernent

Doch dann hebt der Mann für das Soziale den warnenden Zeigefinger. Er gehe zwar nicht davon aus, dass der Sozialetat die Stadt irgendwann die Schuldenfreiheit koste, aber: „Die steigenden Ausgaben für Transferleistungen, beispielsweise die Grundsicherung im Alter, engen unsere finanziellen Spielräume in anderen sozialen Bereichen ein.“

Zudem lassen wachsende Wirtschaftskraft und die in unzähligen Rankings belegte Lebensqualität der Stadt, die Sozialkosten nicht proportional schrumpfen – eher im Gegenteil. „Das ist der Preis, den die Stadt für ihre Attraktivität zahlen muss“, sagt der Sozialdezernent, und rechnet vor, dass sich die hohen Mieten in den Wohnkosten für Grundsicherungs-Empfänger wiederfinden und dass deren Zahl steigt.

Die Kita-Plätze für Unter-Dreijährige müssen verdoppelt werden

Geboren am 10. August 1965 in Duisburg.

Vita: Hintzsche ist Diplom-Verwaltungswissenschaftler, war von 1990 bis 2001 beim Deutschen Städtetag, ab 2001 Sozialdezernent in Bielefeld und ist seit 2003 auf diesem Posten in Düsseldorf.

Das reiche Düsseldorf ist also keineswegs ein Schlaraffenland, in dem für alle Milch und Honig fließen. „Aber das soziale Gefälle ist bei weitem nicht so stark wie in Berlin oder Köln“, sagt Hintzsche. „Armut wird man nie ganz vermeiden können, doch Düsseldorf hat ein eng geflochtenes soziales Netzwerk, um ihr vorzubeugen.“

Hintzsche hat es dabei, es steckt in einem armdicken Stapel Unterlagen. Der liegt neben ihm auf dem Tisch, und Hintzsche muss nicht einmal spicken, während er alle Anlaufstellen und Hilfsmöglichkeiten vom Säuglings- bis zum Greisenalter abspult.

„Dass wir im vergangenen Jahr den Rahmenvertrag mit den Wohlfahrtsverbänden bis 2015 verlängert haben, sichert mit den Bestand dieser Strukturen.“ Durch dieses Netz könne nur fallen, wer keine Hilfe annehmen wolle.

Die großen Herausforderungen für das Jahr 2011 sieht der Sozialdezernent in der Pflege der jüngsten und der ältesten Düsseldorfer. „Der Ausbau der Betreuung der Unter-Dreijährigen wird ein enormer Kraftakt.“ Die bestehenden 5000 Krippen-Plätze müssen verdoppelt werden.

Das bedeutet: Ausbau der Einrichtungen und vor allem der Belegschaft. Denn schon jetzt fehlen in Düsseldorf etwa 120 Erzieher. „Wir müssen Erzieher gewinnen und an die Stadt binden, damit sie da sind, wenn die Einrichtungen fertig werden.“ Hintzsche will deswegen mit anderen Kita-Trägern Werbestrategien entwickeln.

Neben Erziehern fehlen auch hunderte Alten- und Krankenpfleger

Werben muss auch die Pflegebranche um neue Fachkräfte: Hier fehlen etwa 400. Und dann ist da wieder der Hintzsche-Zeigefinger: „Wir brauchen nicht einfach nur mehr Alten- und Krankenpfleger. Wir müssen das Problem großflächiger angehen.“

Denn gerade einmal 15 Prozent aller pflegebedürftigen Düsseldorfer leben in einem Heim. „Wir müssen die Möglichkeiten für die Menschen verbessern, zu Hause gepflegt zu werden. Die Zukunft der Pflege liegt im ambulanten Bereich.“ Die Stadt will dazu mit kostenloser Wohnberatung und der Unterstützung von barrierefreien Wohnprojekten weiter beitragen.

Dass der Wegfall des Zivildienstes 2011 die Versorgungslücke in der Pflege weiter aufreißt, glaubt Hintzsche nicht. „Die meisten Sozialverbände haben sich darauf schon eingestellt.“ Nur noch die Hälfte der Zivi-Stellen ist überhaupt besetzt.

Zwar riskiere man ein Nachwuchsproblem, weil jungen Männern die prägenden Monate im Rettungsdienst oder im Altenheim verloren gingen. Doch dafür könne man im Zuge der Freiwilligengewinnung nun alle Generationen ansprechen. Da passt es ins Bild, dass 2011 das Europäische Jahr der Freiwilligenarbeit ist. Hintzsche weiß: „Zwei Drittel der Düsseldorfer engagieren sich heute schon ehrenamtlich.“

In Sachen Integration leisten offenbar noch mehr Düsseldorfer freiwillig gute Arbeit. „Wir sind eine weltoffene Stadt. Hier leben Menschen aus 184 Nationen. Wir haben viele internationale Unternehmen hier, das ist auch ein wichtiger Integrationsfaktor.“ Die Debatte um die Eingliederung von Menschen mit Migrationshintergrund hat für Hintzsche in Düsseldorf keine Grundlage. Und 2011 soll das auch so bleiben: „Ich hoffe nur, dass Thilo Sarrazin kein Buch über unsere Stadt schreibt.“

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer