Die Bürgerbühne spielt in „Do you feel the same?“ unterhaltsam mit gängigen Klischees.

Einige Deutsche – weißer oder schwarzer Hautfarbe – eine Iranerin, ein Syrer, ein Rumäne, Männer und Frauen, die aus anderen Ländern stammen, aber in Düsseldorf leben und Deutsch sprechen. Acht an der Zahl – im Alter von 21 bis 71. Sie wohnen unter einem Dach, klettern aus einem Kellerloch, tanzen und reden über ihre Kindheit, über Eltern, vor allem aber über Liebe und Sex. Selbstbefriedigung inklusive. Und meinen alle etwas anderes, wenn sie darüber nachdenken.

Ein ungewöhnlich lebendiger Liebesreigen

Es ist fast wie in einer Psycho-Sitzung auf der Therapeuten-Couch. Tabus gibt’s keine. Unverblümt, sarkastisch, manchmal drastisch. „Do you feel the same?“, fragen die Laiendarsteller der Bürgerbühne und starten in einen ungewöhnlich lebendigen ‚Liebesreigen’. Bereits dieser Untertitel verrät: Hier ist in knapp 70 Minuten kein Stück zu erleben, sondern eine heitere, in Maßen ernst gemeinte Collage zum Thema Leben und Integration in Deutschland.

Klar, dass hier ordentlich in die Klischee-Kiste gegriffen wird und sich die Bürgerbühnen-Talente dabei liebend gern frei spielen. Ob sie nur von sich erzählen oder die Dialoge frei erfinden (Text: Martin Soofipour), lassen sie offen. Das ist Markenzeichen der Bürgerbühne, besonders wenn Bianca Künzel und Alexander Steindorf (‚Projekt.il’) Regie führen. Die Uraufführung im voll besetzten Studio des Jungen Schauspielhauses wurde von Zuschauern dreier Generationen jedenfalls bejubelt. Einige mögen die angesprochenen Probleme und Biografien wiedererkannt haben, zumal die Amateur-Schauspieler temperamentvoll loslegen und authentisch über die Rampe kommen.

Spartanisch das Dekor (Stefanie Dellmann): einige Türrahmen, daneben Wandtafeln, auf denen die Darsteller Alltags-Gegenstände mit Kreide aufmalen. Und Podeste, die sie wie Treppenstufen benutzen.

Denn wenn sie über Waschmaschinen, HIV-Test, Sex und Sekt, und „neue Nachbarn, die ganz schön arabisch aussehen“ tratschen, fühlt man sich wie in einem Treppenhaus. Zumal junge und ältere Bewohner ganz schön redselig sind und bei ihrem Themen-Hopping dem Zuschauer auf die Pelle rücken.

Schnitt. Angetrieben von Popmusik tanzen sie, alleine oder in permanent wechselnden Paar-Konstellationen. Plötzlich wird’s ernst: Da erinnert sich die ältere Frau an ihren Konfirmationsunterricht und an den Pfarrer, der sich, während der Andacht vor den Mädchen, in den Schritt gefasst hat. Sie berichtete ihren Eltern davon, die aber nicht den Pfaffen, sondern ihre Tochter bestraften und ins Badezimmer einsperrten.

Eine Wunde, die 50 Jahre später nicht vernarbt ist. Mit Selbstironie plaudert dann die junge Iranerin Nazli Saremi von ihren ersten Gehversuchen in Sachen Liebe, von ihrem Macho-Vater, der das Regiment im Hause führt und selbst den Inhalt des Kühlschranks bestimmt. Mit ihrer schnoddrigen Art nimmt Saremi die Selbst-Therapie-Sitzung und sich selbst auf die Schippe. Ebenso ein Augenzwinkern, wenn der blonde Boy Maximilian Hanka ein dunkelhäutiges Mädchen, das seine Freundin sein könnte, anlächelt und sie fragt: „Denkst Du auch, dass ich schwul bin?“ Temporeich, spielfreudig und leichtfüßig sind die Szenen, in denen alle mit Klischees von Ausländern und Deutschen jonglieren. Sie stehen im Wechsel mit nachdenklichen Momenten.

Grat zwischen Kompliment und Anzüglichkeit

Manchmal mischen sie die Ebenen, wie in dem bittersüßen Dialog zwischen dem Rumänen Popescu Ciprian („In Rumänien hatte ich eine Frau, in Deutschland habe ich einen Mercedes“) und dem 2015 eingewanderten Syrer Rami Lazkani, der nicht versteht, warum man einer Nachbarin nicht etwas Schönes sagen darf, sondern das gleich als „Anmache“aufgefasst wird.

Fazit: So unterschiedlich die Vorstellungen von Geschlechterrollen und Familie, Intimität und Sexualität sind; die acht Hausbewohner interessieren sich für ihre Nachbarn, wollen wissen, wie es auf dem anderen Ufer ausschaut. Unterhaltsam ist der Reigen – trotz oder vielleicht auch wegen der zahlreichen Klischees.

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