Düsseldorf. Jörg Immendorff war nicht nur Malerfürst und Kunstrebell, sondern auch Angsthase und unerfahrener Kneipenwirt. So lässt sich in der ersten Biographie über den 2007 verstorbenen Künstler nachlesen. Sie stammt vom Unternehmensberater Hans Peter Riegel, Sohn des einstigen Altbier-Botschafters Friedhelm Riegel. Riegel junior war Immendorffs erster Assistent, PR-Mann, Fotograf und Finanzberater.

Das Buch ist kunsthistorisch uninteressant, weil der Autor nur den "egomanischen Populisten" sieht. Es besticht jedoch in den Schilderungen von Kuriositäten. Ulrike Harbig, Lebensgefährtin der 70er Jahre, beschreibt Immendorff als ängstlich. Er habe sich nicht getraut, die Tür aufzumachen.

"Jörg versteckte sich hinterm Vorhang, mit Gummiknüppel bewaffnet, als es klingelte."

Ulrike Harbig, Lebensgefährtin

1979 bewarb sich Immendorff als Mitglied der Alternativen Liste um ein Ratsmandat. Als Zeichenlehrer an der Dumont-Lindemann-Hauptschule beantragte er Sonderurlaub, wurde jedoch im Gegensatz zu Kollegen abschlägig beschieden. Das wurmte ihn. Er kündigte als Lehrer. Seine Rats-Kandidatur war chancenlos.

Hinfort mimte er den Edel-Punk im Umfeld des Ratinger Hofs, mit spitzen Stiefeln und rasiertem Schädel. Er inszenierte Tabubrüche. So tauchte bei seiner Ausstellung in der Kunsthalle am Grabbeplatz eine "auffällige, platinblonde Schönheit auf" (Riegel) auf, die Prostituierte Irene Straub aus Zürich. Immendorff sei durch ein Fotobuch auf sie aufmerksam geworden.

1982, inzwischen Dozent in Hamburg, rief er eines Tages bei Riegel an, er solle sofort kommen. Immendorff hatte in alkoholisiertem Zustand einen Pachtvertrag für das La Paloma unterschrieben, der ihn viel Geld kosten sollte. Riegel: "Er liebte den Kiez, die Kumpanei mit seinen Männerfreunden, die leichten Mädchen, die Nächte im La Paloma."

Immendorff wird 1945 in Bleckede geboren. Seine Mutter Irene stammt von Elbseefischern ab. Sein Vater Armin-Dietrich, Kavallerie-Offizier im Weltkrieg, später Oberleutnant im Bundesgrenzschutz und Hauptmann eines Panzerbataillons, begeht 1974 Selbstmord.

Sie lernt 1998 den nervenkranken Professor der Kunstakademie kennen. Heirat 2000.

HP Riegel: "Immendorff, die Biographie". Aufbau-Verlag, Berlin. 24,95 Euro.

Er malte sich nun mit schwerer Goldkette, eine nackte Frau mit üppigen Brüsten im Hintergrund. Von Markus Lüpertz kaufte er einen gewaltigen Cadillac Eldorado-Cabriolet. Aus dieser Zeit stammt auch die Hans-Albers-Figur, die ihm nicht gelingen wollte.

Riegel: "Der Künstler Penck verfeinerte den ungeschlachten Trumm ein wenig." Seit 1997 steht die Figur im Medienhafen. Weil sie zuvor dem Regierenden Bürgermeister von Dohnany geschenkt war, mussten Mäzene eine Kopie für Hamburg finanzieren.

Aus seinem Kneipen-Erlebnissen wurde Immendorff nicht klüger. 1994 eröffnete er die "Wache" an der Mühlenstraße, mit der er Ateliers für junge Künstler finanzieren wollte. Das wurde nichts. Als sein Partner wegen dubioser Waffengeschäfte in Misskredit geriet und die Gäste ausblieben, verlor Immendorff "ein paar Hunderttausend Mark", so Riegel.

Noch schlimmer wogen die Kokainprobleme. Riegel: "Kokain hat Jörg kaputt gemacht. Ich glaube, dass er es seit Beginn der 80er Jahre genommen hat." Nach einer Party im Parkhotel, mit Kokain und Prostituierten, wurde er zu elf Monaten auf Bewährung und 150 000 Euro Strafe verurteilt.

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