Marion Gather ist Sozialarbeiterin in der Armenküche am Burgplatz. Bei ihr finden Obdachlose Hilfe und Halt.

Das Team: Christian Piel, Anja Grote, Inge Dreier, Johanna Lochner, Rolf Härtel und Marion Gather (v. l.).
Das Team: Christian Piel, Anja Grote, Inge Dreier, Johanna Lochner, Rolf Härtel und Marion Gather (v. l.).

Das Team: Christian Piel, Anja Grote, Inge Dreier, Johanna Lochner, Rolf Härtel und Marion Gather (v. l.).

MZ

Das Team: Christian Piel, Anja Grote, Inge Dreier, Johanna Lochner, Rolf Härtel und Marion Gather (v. l.).

Düsseldorf. Es klopft. Marion Gather sprintet in den Flur, den Telefonhörer am Ohr. Sie gestikuliert, macht den zwei Männern vor der Glastür deutlich, dass sie sich noch einige Minuten gedulden müssen. Eigentlich ist ihre Sprechstunde erst in einer halben Stunde. Eine Ausnahme macht die Sozialarbeiterin aber – wie so oft – gerne.

Seit 23 Jahren arbeitet sie in der Armenküche am Burgplatz, einem unabhängigen Verein, der sich allein durch Spenden finanziert. Sie ist Ansprechpartnerin und Vertraute für viele Obdachlose, die Hilfe bei Ämterkontakten, der Wohnungssuche und anderen Problemen suchen.

Nebenan in der Küche brutzelt das Hähnchen in der Soße. Seit 9 Uhr stehen Christian Piel und Johanna Lochner am Herd. Auch heute werden pünktlich um 12.30 Uhr rund 90 Portionen warmes Essen an Bedürftige ausgegeben - wie jeden Tag im Jahr. Außer Rosenmontag. „Denn an Karneval kommt hier niemand rein noch raus“, sagt Marion Gather, die mittlerweile das Telefonat beendet und die zwei Männer in ihr winziges Büro gebeten hat.

Sascha Delvos, einer der zwei, ist ein alter Bekannter. „Früher war ich öfter hier“, sagt der 41-Jährige. Lange Zeit habe er auf der Straße gelebt, dank Gathers Hilfe beziehe er nun Sozialhilfe und schlafe mal hier, mal dort auf der Couch. „Sie ist die Beste“, sagt er über die Sozialarbeiterin. „Sie beißt sich fest. Sie lässt nicht locker. Und gibt einem den nötigen Tritt in den Hintern.“

Ob in der Sprechstunde oder bei der Essensausgabe – jeder werde in den Räumen der Armenküche gleich behandelt. „Ob er nun betrunken ist oder schlecht riecht, weil er schon lange keine Dusche mehr hatte.“ Heute braucht der 41-Jährige noch einmal Marion Gathers Hilfe. Er will endlich einen dauerhaften Wohnsitz haben. Bei seinem Kumpel könnte er unterkommen, aber dem will er auch nicht auf der Tasche liegen. Marion Gather nimmt sich Zeit für die beiden Männer. Am Ende verspricht sie, sich noch heute mit dem Vermieter in Verbindung zu setzen.

Marion Gather hilft einer Frau, die ihr Bahnticket nicht zahlen kann

Spenden Die Armenküche ist ein unabhängiger Verein, der auf Initiative der Dominikaner entstanden ist. Vorsitzender ist bis heute Pater Wolfgang (Sieffert). Die Armenküche lebt ausschließlich von Geldspenden. Damit werden Lebensmittel beim Großmarkt gekauft. Einzelne Lebensmittelspenden gibt es auch: Ein Bäcker liefert regelmäßig Brot. Die Gäste zahlen pro Besuch 50 Cent. Ehrenamt Fünf hauptamtliche Helfer in Teilzeit und rund 60 ehrenamtliche Helfer betreiben die Armenküche. Wer mitmachen möchte, kann sich unter Telefon 3 23 77 80 melden. Jubiläum In diesem Jahr besteht die Armenküche 25 Jahre.

Kaum sind die beiden aus der Tür verschwunden, klopft es erneut. Eine junge Frau, deren Papiere abhanden gekommen sind, hat keinen Cent mehr in der Tasche. Sie kann weder ihre Rezepte fürs Methadon noch ein Bahnticket bezahlen. Ohne Ausweispapiere erhält sie keine Sozialleistungen. Marion Gather kramt in einer Kiste und drückt der Frau Sekunden später zwei Rheinbahntickets in die Hand. Erleichtert steckt die junge Frau die Karten in die Hosentasche. „Das ist schon mal super, die kontrollieren zurzeit voll oft in der Bahn. Noch mehr Ärger kann ich mir nicht leisten.“

Dann nimmt sich die junge Frau noch einige Exemplare der Obdachlosenzeitung Fifty-Fifty. Einen Ausweis für den Verkauf hat sie bereits, die Einnahmen kann sie behalten. Die junge Frau bedankt sich und verspricht, morgen wiederzukommen. Marion Gather weiß, dass sie sich vermutlich nicht daran halten wird.

„Das alles funktioniert nur im Team.“

Marian Gather über die Arbeit in der Armenküche

Es ist mittlerweile 12.30 Uhr. In der Küche nebenan ist alles für die Essensausgabe vorbereitet. Johanna Lochner öffnet die Glastür, vor der schon ein Dutzend Menschen warten. Mit einem Strahlen auf dem Gesicht verkündet sie das heutige Menü: Hähnchen mit Reis, als Beilage Eisbergsalat und als Nachtisch Himbeercreme. In dem schmalen Flur bildet sich eine lange Schlange. Marion Gather steht im Türrahmen ihres Büros und begrüßt die Gäste lächelnd. Die meisten Gesichter sind ihr langjährig bekannt. Sie grüßt, schüttelt einige Hände, erkundigt sich nach dem Befinden, quatscht über das Wetter.

18 Menschen finden gleichzeitig einen Sitzplatz. Rolf Härtel, ein pensionierte Elektroingenieur, der seit sechs Jahren ehrenamtlich einmal wöchentlich in der Armenküche hilft, reicht jedem Gast einen Salat. „Das alles funktioniert nur im Team“, kommentiert Gather das Treiben.

All die Menschen, denen sie täglich begegnet, sind ihr ans Herz gewachsen. Dazu zählen die Kollegen, aber auch die vielen Menschen, die ihre Hilfe in Anspruch nehmen. „Ich habe von ihnen gelernt. Über die vielen Möglichkeiten des Lebens und des Überlebens, darüber, wie viel man als Mensch aushalten kann, aber auch über Solidarität untereinander.“

Brenzlige Situationen habe es aber selbstverständlich auch gegeben. „Das bleibt nicht aus. Ein Drittel der Menschen, die herkommen, sind psychisch krank oder haben eine Suchterkrankung“, sagt Gather. Das Team wisse aber ganz genau, wie es sich in einer solchen Situation verhalten muss: Die männlichen Mitarbeiter halten sich zunächst zurück. Marion Gather und ihre hauptamtliche Mitarbeiterin versuchen dann zu schlichten. „Das schwierigste daran ist, unsere Leute davon abzuhalten, einzuschreiten und uns zu helfen“, sagt Gather.

Bedroht gefühlt habe sie sich sicherlich schon mal. „Aber wenn ich jemals Angst bekäme, dann müsste ich wohl gehen.“ Die Mutter zweier erwachsener Kinder hat Rituale gefunden, mit deren Hilfe sie genügend Abstand zur Arbeit gewinnt. „Ich gehe jeden Tag zu Fuß nach Hause. Da lasse ich den Tag Revue passieren und finde einen Abschluss.“

Manchmal aber fällt der ihr ganz besonders schwer: „Im vergangen Jahr sind 16 Menschen gestorben. Darunter ein Mann, den ich seit 23 Jahren begleitet habe. Das ist mir sehr nahe gegangen.“

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