250 Mitarbeiter einer Gebäudereinigung arbeiten jetzt ohne „Zitter-Verträge“ – die IGBau hofft, dass andere Firmen nachziehen.

wza_1500x957_616508.jpeg
Rund 35.000 Menschen arbeiten im Großraum Düsseldorf in der Gebäudereinigungsbranche – für 250 von ihnen gibt es seit Anfang des Jahres keine Zeitverträge mehr.

Rund 35.000 Menschen arbeiten im Großraum Düsseldorf in der Gebäudereinigungsbranche – für 250 von ihnen gibt es seit Anfang des Jahres keine Zeitverträge mehr.

Dieter Knopp

Rund 35.000 Menschen arbeiten im Großraum Düsseldorf in der Gebäudereinigungsbranche – für 250 von ihnen gibt es seit Anfang des Jahres keine Zeitverträge mehr.

Düsseldorf. In den kommenden Tagen kann sich Betriebsrätin Susi Neumann (50) ein wenig wie eine gute Fee fühlen. Dann besucht sie die Niederlassungen der Stölting-Dienstleistungsgruppe und teilt ihren Kollegen eine Neuigkeit mit.

Mit dem angebrochenen Jahr erhalten gut 800 Gebäudereiniger und Fensterputzer unbefristete Arbeitsverträge. Was für die meisten Beschäftigten nichts besonderes ist, gilt in der Reinigungs- und Scheuerbranche als Novum.

Nach eigener Aussage ist Stölting das einzige Unternehmen in Deutschland, das seinen Mitarbeitern solche Verträge anbietet. "Ich bin darüber glücklich", sagt Susi Neumann. "Als am 7. Januar die Betriebsvereinbarung unterschrieben wurde, das war einer der schönsten Tage in meinem Leben."

Für Stölting-Geschäftsführer Hans Mosbacher sind die unbefristeten Verträge "ein Experiment", das zunächst nur für die Niederlassungen in Gelsenkirchen und Düsseldorf gilt - für 800 von gut 2100 Beschäftigten. "In einem Jahr werden wir uns zusammensetzen und sehen, was es gebracht hat."

Für die 250 Gebäudereiniger seiner Firma in Düsseldorf zunächst mehr Sicherheit. "Bisher mussten die Kollegen alle sechs Monate zittern, ob ihre Verträge auch verlängert werden", sagt Neumann. Damit nicht genug. Bei der Bank einen Kleinkredit aufzunehmen oder eine Wohnung zu finden, sei mit einem Zeitvertrag so gut wie unmöglich gewesen.

Positiver Effekt der neuen Verträge: Weniger Fluktuation und Kranke

Bei den Gebäudereinigern sind Zeitverträge üblich und Berichte über Lohndumping nicht selten. Seit diesem Jahr sind Mindestlöhne im Tarifvertrag festgelegt. Mindestens 8,40 Euro je Stunde müssen bezahlt werden, ab 2011 dann 8,55 Euro.

Mehr Sicherheit für die einen, bedeutet aber weniger Sicherheit für andere. "Das Risiko ist für uns sehr hoch", sagt Mosbacher. "Viele Verträge mit Auftraggebern sind auch befristet. Laufen diese aus, haben wir Mitarbeiter, die wir womöglich gar nicht beschäftigen können."

Dennoch hofft Mosbacher auf einen positiven Effekt der Betriebsvereinbarung. "Dadurch werden Mitarbeiter motiviert, Fluktuation und Krankenstand sinken so hoffentlich." Zudem habe es jetzt schon viel Feedback von Kunden gegeben, die dem Experiment positiv gegenüber stehen.

Positiv sieht die Entfristung der Verträge auch die Gewerkschaft IGBau. "Bisher waren Zeitverträge immer ein Druckmittel der Arbeitgeber", sagt Gewerkschaftssekretär Kai Schwabe. "Aus Angst, dass ihr Vertrag nicht verlängert wird, sind viele Arbeitnehmer auch krank zur Arbeit gekommen und trauen sich nicht, ihre Rechte einzufordern."

Ohne "Zitterverträge" sei das weniger ein Thema. "Ich wünsche mir, dass andere Firmen dem Vorbild folgen", sagt Schwabe. Gut 35.000 Menschen im Großraum Düsseldorf würden ihr Geld in der Gebäudereinigung verdienen und potenziell von unbefristeten Verträgen profitieren.

Bei der Konkurrenz ist die Neigung dazu allerdings nicht sonderlich stark ausgeprägt. Bei der Düsseldorfer Branchengröße Klüh heißt es etwa, dass man ohnehin kaum Halbjahresverträge mit Mitarbeitern abschließe.

"Die meisten Arbeitsverhältnisse sind bei uns auf zwei Jahre angelegt, das ist ein großer Unterschied", findet Klüh-Geschäftsführerin Helga Mothes. Grundsätzlich seien unbefristete Verträge ein zu großes Risiko, weil man als Dienstleister flexibel auf den Mark reagieren müsse. "Unbefristet geht nur, so lange es der Markt hergibt."

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer