Die 38-jährige Frau, die kurz nach der Geburt mit ihrem Neugeborenen aus dem Krankenhaus verschwand, muss vor Gericht.

In diesem Haus an der Nettelbeckstraße wurde die Mutter mit ihrem Kind zuletzt gesehen.
In diesem Haus an der Nettelbeckstraße wurde die Mutter mit ihrem Kind zuletzt gesehen.

In diesem Haus an der Nettelbeckstraße wurde die Mutter mit ihrem Kind zuletzt gesehen.

Schaller

In diesem Haus an der Nettelbeckstraße wurde die Mutter mit ihrem Kind zuletzt gesehen.

Düsseldorf. Sie hatte es all die Monate verschwiegen. Vor den Freunden, vor ihrer Familie, sogar vor ihrem Lebenspartner. Niemand ahnte, dass die 38-Jährige, die bereits zwei Kinder hat, schwanger war. In den nächsten Wochen muss sie sich wegen Totschlags an ihrem Neugeborenen vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben.

Die Geschichte, die hinter dem juristischen Routinevorgang steht, ist bedrückend. Am 15. Juli 2008 entbindet die 38-Jährige im Marien-Hospital. Ein kleines Mädchen. Gleich nach der Geburt verlässt sie das Krankenhaus wieder. Gönnt sich keine Erholung, lehnt jede Hilfe ab. Kurz darauf sitzt sie im Eingang eines Hauses an der Nettelbeckstraße. Bewohnerinnen haben sie dort gesehen, das Baby im Arm. Wenig später sind beide verschwunden.

"Sie hat sich auch nach einer Babyklappe erkundigt und zeigte sich darüber gut unterrichtet."

Ralf Herrenbrück, Staatsanwalt

Die Ermittler konnten lange nur vermuten, was in der Zwischenzeit geschah. Aber sie gehen davon aus, dass es sich dabei um die alles entscheidenden Minuten handelt. Vielleicht hat das Kind zu schreien begonnen. Die Mutter, die ihr Geheimnis so lange vor der Welt verbergen konnte, gerät in Panik. Sie hält dem Säugling den Mund und Nase zu. Bis er still ist. Laut Staatsanwaltschaft müsste es so gewesen sein.

Ein totes Baby wird nie gefunden. An dem Verdachtsmoment ändert das nichts. "Uns war leider rasch klar, dass das Kind tot sein muss", sagt der ermittelnde Staatsanwalt Ralf Herrenbrück. "Vermutlich lebte das Kind schon beim Verlassen der Nettelbeckstraße nicht mehr."

Im September 2008 wird die 38-Jährige verhaftet. Wochenlang bestreitet die Frau, ihr Kind getötet zu haben. Sie vermag wohl selbst kaum zu glauben, was sich da jenseits jeder berechenbaren Reaktion bei ihr abgespielt haben könnte. Sie habe ihr Kind in dem Hausflur an der Nettelbeckstraße ausgesetzt, behauptet sie. "Aber wir haben festgestellt, dass sie gar nicht weiß, wie der Flur aussieht", sagt Herrenbrück. "Sie hat sich bei einer Ortsbegehung überhaupt nicht zurechtgefunden."

Wahrheit und Unwahrheit hat die 38-Jährige anscheinend schon früher nicht leicht auseinanderhalten können. Die Staatsanwaltschaft klagt sie in einem zweiten Punkt wegen Betrugs in zwei Fällen an. Dabei geht es um eine Schadenssumme von insgesamt 56 000 Euro. Die Frau, deren Lebensumgebung als bürgerlich gilt, soll Arztrechnungen nicht bezahlt und Mietschulden haben. Angeblich hat sie, um Zeit zu gewinnen, behauptet, ihr damaliger Lebensgefährte und Mitmieter sei todkrank.

Kein Geständnis hat für den Ermittler eine solche Bedeutung

Nach und nach demontieren die Ermittler die Geschichte der Tatverdächtigen. Der Gedanke, sich des Kindes zu entledigen, soll ihr in einem akuten Panikmoment gekommen sein. Dabei hatte sie zu Hause noch über eine andere Lösung nachgedacht, wie Ralf Herrenbrück herausgefunden hat. Der Staatsanwalt sagt: "Wir haben bei der Prüfung ihres Computers festgestellt, dass sie sich nach einer Babyklappe erkundigt hat und sich über diese Möglichkeit gut unterrichtet zeigte."

Doch die letzte Entscheidung ist eine andere. Nach vielen Gesprächen und mit Aussicht auf eine mildere Strafe hat die Frau nun zugegeben, ihr Kind getötet zu haben. Für Herrenbrück ein großer Erfolg. "In keinem meiner bisherigen Verfahren hatte ein Geständnis eine solche Bedeutung. Das Schicksal des Kindes klären und die Straftat aufklären zu können, war uns Ermittlungsbehörden sehr wichtig."

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