Joseph Anton Kruse verlässt nach 34Jahren das Heine-Institut: Jetzt will er nach Berlin ziehen – aber nur ein bisschen.

Joseph Anton Kruse schätzt es, dass sich in Düsseldorf alle kennen, aber nicht so tun, als ob sie sich kennen müssten.
Joseph Anton Kruse schätzt es, dass sich in Düsseldorf alle kennen, aber nicht so tun, als ob sie sich kennen müssten.

Joseph Anton Kruse schätzt es, dass sich in Düsseldorf alle kennen, aber nicht so tun, als ob sie sich kennen müssten.

Stefan Arend

Joseph Anton Kruse schätzt es, dass sich in Düsseldorf alle kennen, aber nicht so tun, als ob sie sich kennen müssten.

Düsseldorf. Als Kind träumte Joseph Anton Kruse davon, mit seinem Onkel, einem Weltenbummler, auf große Tour zu gehen. Mit 19 trat er in einen katholischen Orden ein, mit 31 wurde er Leiter des Heinrich-Heine-Instituts in Düsseldorf und blieb es 34 Jahre lang.

Sesshaft ist er trotzdem nie geworden, flitzte durch Deutschland und gastierte auf vielen Kontinenten. Stets hatte er nur eine Mission im Sinn: Heinrich Heines Esprit in die Welt zu tragen.

WZ: Herr Kruse, Ihr zweiter Name ist ja schon ein Klischee - Heines Stellvertreter auf Erden. Sind Sie froh, dass Sie nicht wie ein Papst bis zum Tod bleiben müssen?

Kruse: Ein Professor aus Berkeley, ein sehr ironischer Mann, hat mich einmal so genannt. Ich habe ihm damals geantwortet: Dann bist du aber einer meiner ersten Kardinäle. Ernsthaft, dass man sich bei Heine so lange wohlfühlen kann, ist eine Gnade. Ob mir das 34Jahre lang bei einem anderen Schriftsteller mit derselben Leidenschaft gelungen wäre, ist eine Frage. Was Heine einem auch im Alter an die Hand gibt, ist unglaublich.

WZ: Ist Heine eigentlich im Himmel?

Kruse: Davon können Sie ausgehen. Es gab sogar schon Vorschläge, ihn zur Ehre der Altäre zu erheben, also heilig zu sprechen. Ich glaube ganz sicher, dass er ein ironisch variabler und nicht etwa ein verkappter frommer Mann war. Er sagt ja selbst, Gott sei der Anfang und das Ende seines Denkens. Sogar seinen Feinden will er verzeihen, hat er geschrieben - allerdings am liebsten erst dann, wenn sie alle aufgeknüpft sind.

WZ: Verlassen Sie das Heine-Institut mit einem guten Gefühl?

Kruse: Ja, ich habe ja vor drei Jahren eine Vorübung gemacht. Damals wollte ich vorzeitig in Ruhestand gehen, aber Herr Erwin hat mich umgestimmt.

WZ: Was lässt Sie rückblickend zufrieden sein?

Kruse: Dass ich in den 34Jahren gute Erfahrungen gemacht habe. Ich durfte erleben, wie eine Stadt, die Heines bedurfte, endlich angefangen hat, ihn zu schätzen. Heute haben wir eine Heine-Allee, ein Heine-Antiquariat, das Heine-Institut, Schulen und eine Universität, die nach ihm benannt sind. Es gibt sogar eine Heine-Apotheke. Heine ist in der Mitte Düsseldorfs angekommen. Und ich bin überzeugt, dass unsere Arbeit, die Gedenkjahre, etwa das große Heine-Jahr 1997, dazu beigetragen hat. Heine musste als Galionsfigur in das städtische Empfinden, national und international eingebettet werden. Man darf dafür eben vor nichts fies sein.

WZ: Waren Sie an der Suche nach Ihrer Nachfolgerin Sabine Brenner-Wilczek beteiligt?

Kruse: Nein, und das ist auch in Ordnung so.

WZ: Sind Sie mit der Wahl zufrieden?

Kruse: Ja, sehr zufrieden. Wir kommen aus verschiedenen Generationen, aber das ist gut. Ich habe mir selbst als junger Kollege verbeten, dass mir ältere hineinreden. Ich finde nichts schlimmer, als wenn man sagt: Früher war alles besser.

WZ: Gibt es einen Ort der Debatte in Düsseldorf, ein intellektuelles Zentrum? Zuletzt ist Amelie Niermeyer mit ihrem Anspruch, das Schauspielhaus in den Mittelpunkt zu rücken, gescheitert.

Kruse: Es gibt in unserer Stadt ganz viele Wege, die nebeneinander laufen, das Theater, die Uni, die Kunstakademie und so weiter, aber sie treffen sich nicht in einem gemeinsamen Überbau. Frau Niermeyer hat möglicherweise zu wenig vorausgesetzt und zu viel erwartet.

WZ: Wie beurteilen Sie das kulturelle Klima in der Stadt?

Kruse: Düsseldorf ist als Kulturstadt eher abgebrüht, und das Publikum ist schwierig und wankelmütig. Immerhin gibt es ein Publikum. Und wenn es einen Autor aus dem Fernsehen kennt, dann kommen auch sehr viele Menschen zu dessen Lesung.

WZ: Sie sind in der öffentlichen Wahrnehmung auf Heine reduziert worden. Was ist Ihnen sonst im Leben wichtig?

Kruse: Das ist dasjenige, das über den normalen Bedingungen des Lebens liegt. Ich halte die Würde des Menschen, die Begriffe Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit für unüberholbar. Die Kultur ist dazu da, das mitzutragen. Und das gelingt auch. Ich habe meine eigene Relativitätstheorie dazu: Wenn sich positive Begabung mit negativen Umständen verknüpft, dann kann vieles besser werden.

WZ: Würden Sie sich als Idealisten bezeichnen?

Kruse: Ich habe Menschen erlebt, die sich sehr schäbig verhalten haben. Ich bin also nicht in jedem Fall sicher, ob ich an das Gute im Menschen glaube.

WZ: Schauen Sie fern?

Kruse: Ich habe einen Fernseher, der so klein ist, dass ich auch mit Brille das Bild kaum erkennen kann. Außerdem bin ich zu ungeduldig, um einen Film bis zum Ende anzugucken. Früher allerdings war ich ein intensiver Fernseh-Beschauer. Ich habe Dallas und Denver als Interpretationshilfe genutzt und analysiert, wie Geschichten inszeniert werden. "Die Nanny" hat mir zuletzt ganz gut gefallen, obwohl sie Grenzen überschreitet.

WZ: Sie reden Ihre Gesprächspartner zuweilen wortreich und mit viel Spott in Grund und Boden. Geht es bei Ihnen auch ohne Ironie?

Kruse: Natürlich. Wenn ich mich in mir sammle, bin ich ganz ernst. Genauso in der Liebe zu meinen Kindern, meiner Familie und engsten Personen. Aber wo es Probleme gibt und es der Ironie bedarf, da ist sie mir ganz recht.

WZ: Was haben Sie nun vor?

Kruse: Ich werde mich mit einem Fuß und einem Auge nach Berlin wenden. Dort leben inzwischen viele Pensionäre, die zuvor in anderen Städten zu Hause waren. Mich reizt das kulturelle Leben und die Vielfalt der Dörfer in Berlin. Außerdem will ich nicht das Gefühl haben, in Düsseldorf als beleidigte Leberwurst wahrgenommen zu werden.

WZ: Machen Sie einen Bogen um Düsseldorf?

Kruse: Das nicht, ich habe hier weiterhin Aufgaben, etwa bei der Volksbühne. Man fährt gerne aus Düsseldorf weg - aber man kehrt auch wieder zurück in diese Stadt, die längst nicht so oberflächlich ist, wie es oft von ihr heißt. Ich schätze die Anonymität, die neben der immer wieder möglichen direkten Anrede gewährt wird. Sie kennen sich alle in Düsseldorf, aber tun nicht so, als ob sie sich kennen müssten. Das schätze ich.

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