Kom(m)öchen-Chef Kay S. Lorentz über Kabarett im 21. Jahrhundert, lokale Befindlichkeiten und seine Harley-Tour.

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Das Schild vor Kom(m)ödchen-Chef Kay S. Lorentz stammt aus den 50ern, aber 2009 war das beste Jahr in der Geschichte des Hauses. (Fotos (2): Judith Michaelis)

Das Schild vor Kom(m)ödchen-Chef Kay S. Lorentz stammt aus den 50ern, aber 2009 war das beste Jahr in der Geschichte des Hauses. (Fotos (2): Judith Michaelis)

Kay S. Lorentz: Will auf der Harley durch die Rocky Mountains.

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Das Schild vor Kom(m)ödchen-Chef Kay S. Lorentz stammt aus den 50ern, aber 2009 war das beste Jahr in der Geschichte des Hauses. (Fotos (2): Judith Michaelis)

Düsseldorf. Herr Lorentz, Super-Wahljahr, Super-Krisenjahr, 2009 war böse. Ein gutes Jahr fürs Kabarett, ein gutes fürs Kom(m)ödchen also?

Kay S. Lorentz: 2009 war das beste in der Geschichte unseres Hauses. Das liegt am glücklichen Zusammenwirken vieler, fähiger Mitarbeiter. Wir haben derzeit zwei aktuelle Programme, die von einem Ensemble gespielt werden. Ein Novum für dieses Haus. "Couch. Ein Heimatabend" läuft bereits in der vierten Spielzeit - und immer noch müssen wir Leute wegen Überfüllung wegschicken. Das gab’s noch nie. In zweiundsechzig Jahren hatte ein KM-Programm üblicherweise eine Dauer von einem, wenn’s gut läuft, anderthalb Jahren.

Was erwarten Sie im nächsten Jahr fürs politische Kabarett?

Lorentz: Das wird ein wunderbares Jahr! Wir haben uns allerdings schon vor einigen Jahren vom Nummern-Kabarett mit erhobenem Zeigefinger und Parteipolitik-Kabarett verabschiedet. Meine Leute und ich finden das sehr langweilig. Wir erzählen heute Geschichten mit einem roten Faden, an dem wir gesellschaftspolitische Ereignisse aufhängen. Die Geschichte selbst bleibt im Laufe der Spielzeit konstant, aber die aktuellen Blöcke, wie wir es nennen, verändern sich. Manchmal täglich. Da wird uns die Politik 2010 bestimmt einiges bescheren, z.B. NRW-Landtagswahl - deshalb wird es ein gutes Jahr für das Kabarett.

Funktioniert Kabarett heute noch so, wie es das 1947 getan hat: ". . . positiv dagegen"?

Lorentz: Ich bin ein wenig verliebt in den Titel des ersten Kom(m)ödchenprogramms. Ich mag es als Grundeinstellung, aber Kabarett hat sich natürlich total verändert. Die Erwartungshaltung des Publikums ist nicht mehr dieselbe. Früher konnte man noch Neuigkeiten mit Aha-Erlebnissen verbreiten, das ist heute durch Fernsehen und Internet nicht mehr möglich. Man kann heute auch niemanden mehr provozieren oder schockieren. Die Form hat sich völlig verändert und wie ich eben schon sagte, wir erzählen heute unterhaltsame, intelligente Geschichten, die Menschen in lebensnahen Situationen schildern. Zuweilen durchaus zeitkritisch. Ich finde diesen Formenwandel ganz beruhigend.

Geistreiche oder zumindest lustige Zeitkritik bekomme ich heute auch im Internet bei Twitter und Co. Macht Ihnen so was das Leben als Theaterleiter schwer ?

Lorentz: Nein. Ich habe mich der Twitterei noch nicht genähert und kann da wenig zu sagen. Aber ich finde, wenn sich jemand zwei Stunden auf die Bühne stellt, etwas erzählt und sich dafür bezahlen lässt, hat er sich in den meisten Fällen mit seinem Thema auseinander gesetzt. Und zwar vermutlich intensiver als jemand, der schnell mal was twittert. Zugegeben: Die intensive Beschäftigung mit einer Sache ist nicht automatisch ein Qualitätsmerkmal.

Apropos Qualität: Es gibt derzeit unglaublich viel Comedians und ein bisschen Kabarett im Fernsehen. Ist Ihnen das ein Graus?

Kay Sebastian Lorentz ist am 6. August 1951 in Düsseldorf geboren und lebt mit seiner Frau Elke und seinen beiden Kindern Lukas (15) und Luzie (13) in Oberkassel. Seit 16 Jahren leitet er das Kom(m)ödchen, Das erste Stück unter seiner Regie hieß "Faire Verlierer".

Gegründet von Kay und Lore Lorentz, 29. März 1947 Premiere mit dem Stück "...positiv dagegen". Die ersten 20 Jahre wird in einem Hinterzimmer an der Hunsrückenstraße gespielt, beim Umzug zum heutigen Standort packen die Besucher mit an - in der Pause des Stücks "20 Jahre Kassandra". Bis heute hat das Kom(m)ödchen 74 Programme produziert. Aktuell laufen "Couch. Ein Heimatabend" und "Sushi. Ein Requiem".

Lorentz: Ich nehme das nur entfernt zur Kenntnis. Bis vor 20 Jahren gab es jährlich eine mindestens 60 Minuten Kom(m)ödchensendung im WDR, heute nicht mehr. Es ist langweilig geworden, Theater abzufilmen. Außerdem gibt es dafür heute kaum Sendeplätze. 2006 wurde "Couch" noch einmal komplett gesendet, aber die breite TV-Masse haben wir damit nicht erreicht. Unsere Stücke funktionieren eben nicht als Häppchenware. Deshalb sind wir in diesen Sendungen auch falsch aufgehoben. Es gab Versuche, aber wir brauchen halt eine längere Strecke, um gute Wirkung zu entfalten. Ich habe es viele Jahre bedauert, dass wir so selten im Fernsehen zu sehen sind, inzwischen bin ich darüber aber fast froh. Es gibt so viel Blödsinn, mittlerweile kann man stolz sein, nicht dabei zu sein.

Das ausgehende Jahr hat Ihrem Haus äußerlich viele Farbwechsel - von Rot, über Grün, bis zu Violett und im Dezember Gold - gebracht. Ein Anfall von Wankelmütigkeit?

Lorentz: Das Kom(m)ödchen ist 40 Jahre rot gewesen. Wir haben nach Ideen geforscht, als es darum ging, unser Kassenhäuschen umzugestalten. Ich wollte frischen Wind reinbringen - und das nicht nur innen. Wir haben im vergangenen halben Jahr jeden Monat die Farbe gewechselt, zunächst nur, um Aufmerksamkeit zu erregen. Uns haben viele Leute geschrieben, die diese oder jene Farbe gut oder nicht gut fanden. Grün und Violett sind hoch im Kurs. Wir haben die Farbwechsel mit kleinen Filmen dokumentiert, die wir auf unserer Homepage zeigen wollen. Vielleicht gibt es auch eine Abstimmung mit Preisausschreiben für die beliebteste Farbe. Ab Januar werden wir erst mal wieder rot.

Sie haben sich für den Erhalt der Gaslaternen engagiert. Wo müsste man in der Stadt den Finger sonst noch in die Wunde legen?

Lorentz: Wir haben ja zumindest mit den Gaslaternen einen Teilerfolg erzielt.

Sollten Sie als Chef des Kom(m)ödchens nicht öfter mal auf den Tisch hauen und sagen, Freunde, so geht das nicht?

Lorentz: So habe ich mich nie gesehen und meine Eltern übrigens auch nicht. Wir haben immer versucht, ein größeres Rad zu schlagen als das patriotische, das kommunale. Nur in Ausnahmefällen äußern wir uns über Lokalpolitik. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir unsere Programme in ganz Deutschland spielen. Die Gaslaternen waren mir ein Herzensanliegen. Ich gehöre nicht zu denen, die auf den Tisch hauen. Das letzte Mal habe ich das gemacht, als es um die Zustände auf dem Kay-und-Lore-Lorentz-Platz ging. Seinerzeit hatte ich mit dem damaligen OB Erwin einen Händel über die Art und Weise, wie man uns dort mit den Herrschaften, die vor unserer Haustür lagern, allein lässt. Das Problem hat sich zum Glück entschärft. Die Leute sind nicht mehr so aggressiv, und sie pullern auch kaum noch in die Ecken.

Zurück zu den beiden Dauerbrennern "Couch" und "Sushi". Was erwartet uns im nächsten Jahr?

Lorentz: Wir werden "Sushi" ganz sicher, "Couch" möglicherweise im ganzen nächsten Jahr auf den Spielplan setzen. Die Nachfrage macht mich optimistisch, dass diese Entscheidung richtig ist. Wir bieten es an, so lange es die Zuschauer sehen wollen - und so lange ich das Team noch zusammen habe. Eine neue Ensemble-Produktion wird es im Frühjahr 2011 geben. Natürlich machen wir uns jetzt schon verschärft Gedanken über ein neues Programm. Wir werden im nächsten Jahr wieder große Namen bei uns haben. Gerhard Polt kommt beispielsweise, Jürgen Becker, Wilfried Schmickler mit seinem neuen Programm. Ich freue mich besonders, dass Thomas Freitag seinen 60. Geburtstag am 3. Oktober mit uns in der Tonhalle feiert. Und vielleicht schaffen wir es auch, dass Harald Schmidt noch einmal mit einem Kabarettprogramm zu uns kommt.

Ihre persönlichen Ziele für 2010?

Lorentz: Ich möchte eine Harley-Davidson-Tour durch die amerikanischen Rocky Mountains machen. Ich bin Motorradfan und hatte das schon immer vor. Im Sommer geht’s los - zwei Anwälten reiten auch mit.

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