Jeden Monat treffen sich Mitglieder des Sütterlin-Lesekreises in der Stadtbücherei. Gelesen werden historische Schriften. Auch Rezepte sind schon mal dabei.

Jeden Monat treffen sich Mitglieder des Sütterlin-Lesekreises in der Stadtbücherei. Gelesen werden historische Schriften. Auch Rezepte sind schon mal dabei.
Sütterlin schreiben oder lesen können nicht viele. Archiv

Sütterlin schreiben oder lesen können nicht viele. Archiv

Kursleiter Marcus Vaillant im Sütterlin-Lesekreis: Lore Becker (links neben ihm) ist mit 90 Jahren die älteste Teilnehmerin.

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Sütterlin schreiben oder lesen können nicht viele. Archiv

Burscheid. Die Briefe ihres Vaters hat sie alle aufbewahrt. Irgendwann wollte Christel Heider – „geborene Erlenköser“, darauf legt sie Wert – die Schriftstücke alle mal lesen. Das Problem war nur, dass die Burscheiderin die Schrift nicht entziffern konnte. Der Sütterlin-Schrift war sie nicht mächtig. „Es ist mühsam“, sagt sie, als sie sich an die Übersetzungsarbeit macht. Eine kleine Übersicht mitsamt des Alphabetes benutzt Christel Heider als Spickzettel.

Wie sie haben auch alle anderen Teilnehmer des Sütterlin-Lesekreises, der sich monatlich in der Burscheider Stadtbücherei trifft, klein angefangen. Christel Heider hatte ja ein Ziel, das ihr dabei half, dran zu bleiben. „Ich wollte die Briefe lesen, die mein Vater als Soldat an meine Mutter geschrieben hatte, als sie mit mir schwanger war.“ Ihr Ehemann hätte sie ihr zwar vorlesen können, Christel Heider wollte es aber auch selbst tun können.

Der Kursleiter musste diese Motivation einst auch aufbringen. Mit achtzehn Jahren stand Marcus Vaillant erstmals inmitten historischer Dokumente, deren Geheimnisse er zu entschlüsseln versuchte. Im Stadtarchiv Opladen machte er sich daran, Schriften aus dem Nachlass des Apothekers Franz Wilhelm Oligschläger aus Pattscheid in die lateinische Schrift zu übertragen. Es erforderte viel Geduld.

Marcus Vaillant hatte auf diesem Wege aber auch seinen Berufswunsch festigen können. Heute ist er Bibliothekar in der Universalbibliothek der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Sein Schwerpunkt sind neuzeitliche Schriften. Darunter fällt auch die Sütterlin-Schrift, die der Namensgeber Ludwig Sütterlin im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums 1911 entwickelte. Ziel war es, den Kindern das Schreibenlernen zu erleichtern.

Seit vier Jahren gibt es den Lesekreis in der Stadtbücherei

1942 wurde die Sütterlin-Schrift in den Schulen verboten und durch die lateinische ersetzt. Das führte dazu, dass der Kreis derer, die die alte Schrift lesen können, im Laufe der Zeit deutlich kleiner wurde.

Marcus Vaillant gibt Anfängerkurse, um dem entgegenzuwirken. Ein weiteres Angebot ist der Lesekreis. „Den gibt es seit 2013. Wir versuchen, unsere Lesefähigkeit zu bewahren“, erzählt Marcus Vaillant.

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