Mit Timor Chadik als neuem Dirigenten des OVH ist mehr als nur ein Personalwechsel verbunden.

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Ein Dirigent mit Neigung zum Konkreten und Detail: Timor Chadik hat sein erstes sinfonisches Konzert mit dem Orchesterverein Hilgen absolviert.

Ein Dirigent mit Neigung zum Konkreten und Detail: Timor Chadik hat sein erstes sinfonisches Konzert mit dem Orchesterverein Hilgen absolviert.

Doro Siewert

Ein Dirigent mit Neigung zum Konkreten und Detail: Timor Chadik hat sein erstes sinfonisches Konzert mit dem Orchesterverein Hilgen absolviert.

Leverkusen/Burscheid. „Man sieht nur, was man weiß“ – dieses Goethe-Zitat ist schon lange Merksatz von Museums- wie Reiseführern. Man hört nur, was man weiß – dieser Merksatz hätte gut als Motto zum Konzert des Orchestervereins Hilgen (OVH) in der Festhalle Opladen gepasst. Denn zum „Auftakt“ (so der tatsächliche Titel) präsentierte sich der neue Dirigent Timor Chadik auch von seiner didaktischen Seite.

Seither ist klar, dass die Nachfolge von Johannes Stert mehr als nur ein Personalwechsel war. Nach allem, was man erfährt, zeigt sich das schon in der Probenarbeit: Wo sich Vorgänger Johannes Stert stets visionär dem großen künstlerischen Bogen verschrieben hatte und Details gerne der Verantwortung des Orchesters überließ, kann Chadik auch schon mal eine längere Probenphase mit nur wenigen Takten zubringen, wenn ihm Nuancen nicht gefallen.

Dass er dabei das Große und Ganze aus dem Blick verlieren würde, kann man ihm nun allerdings nach dem ersten Konzert nicht vorhalten. Aber wohl hat sich auch hier seine Neigung zum Konkreten, zum Detail, in anderer Form niedergeschlagen. Die beiden Kompositionen des Amerikaners Mark Camphouse in der ersten Konzerthälfte transportierten auch konkrete politische Anliegen. Und der musikalische Ausdruck dieser Anliegen wurde von Chadik vor der eigentlichen Aufführung sehr detailreich erläutert.

Vor dem bewegenden Porträt der amerikanischen Bürgerrechtlerin Rosa Parks („A Movement for Rosa“) geschah das so umfänglich, dass das Publikum im Anschluss auf die Kürze des Stücks so verdattert reagierte, dass es zunächst das Applaudieren vergaß. Und die musikalischen Spuren des schwierigen Themas Kindesmissbrauch („Watchman, tell us of the Night“) erklärte Chadik gar mit mehreren vorangestellten Klangbeispielen – wobei hier auch sicherlich mehr als bei jedem anderen Werk des Abends galt: Man hört nur, was man weiß.

Komponist der „Bacchanale“ im Publikum

Nach der Pause wartete der OVH dann mit seinem Programm für den Landesorchesterwettbewerb im September auf: der 25 Jahre alten „Bacchanale“ in Anwesenheit des Komponisten Rolf Rudin und der „Fourth Symphony“ von Alfred Reed.

Hier wie auch schon im ersten Teil zeigte sich, dass Chadik zwar andere Wege einschlagen mag, aber trotzdem schon Zugänge gefunden hat zu dem vertrauten Facettenreichtum dieses ungewöhnlichen Klangkörpers: das Zarte, das Schroffe, das Wuchtige, Schwelgerische und Tänzerische – alles wieder da in bekannter Qualität, die den bevorstehenden Landes- und Bundesvergleich nicht fürchten muss.

Der Dreiklang von Orchester, Dirigent und Publikum, das scheint nach dem ersten Auftritt offensichtlich, wird sich sicher noch weiter neu arrangieren. Dieses Zueinanderfinden ist ein spannender, auch verheißungsvoller Prozess. Er hat alle Aufmerksamkeit verdient – und auf jeden Fall weit mehr, als sich in den vielleicht 100 bis 150 Zuschauern niederschlug, die sich in der riesigen Festhalle verloren. Um die Finanzierungslücke nach dem Konzert muss sich der OVH daher Sorgen machen, um seine musikalische Zukunft gewiss nicht.

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