Der Orchesterverein Hilgen wollte der Stadt und sich selbst zum 100-Jährigen einen unvergesslichen Abend bescheren. Es ist ihm gelungen.

jubiläumskonzert
Warum keine Oper ohne Gesang? Johannes Stert hatte zum Jubiläum sein Herzenswerk „Otello“ von Verdi für Blasorchester bearbeitet.

Warum keine Oper ohne Gesang? Johannes Stert hatte zum Jubiläum sein Herzenswerk „Otello“ von Verdi für Blasorchester bearbeitet.

Lothar Kretzer erhielt für seine 50-jährige OVH-Mitgliedschaft eine Ehrennadel. Im Hintergrund der heutige Vorsitzende Martin Mudlaff.

Nach dem Festkonzert wurde in einem abgetrennten Teil der Halle noch bis in die Morgenstunden gefeiert.

Für das Jubiläumskonzert war die Max-Siebold-Halle in Hilgen zur eindrucksvollen Konzerthalle umdekoriert worden.

OVH/Uwe Janke, Bild 1 von 4

Warum keine Oper ohne Gesang? Johannes Stert hatte zum Jubiläum sein Herzenswerk „Otello“ von Verdi für Blasorchester bearbeitet.

Burscheid. Wer die Festschrift zum 100-jährigen Bestehen des Orchestervereins Hilgen (OVH) aufschlägt, entdeckt zuallererst ein doppelseitiges Foto des Orchesters in der fantastischen historischen Stadthalle. Die steht zwar in Wuppertal und nicht in Burscheid. Aber ein einziger Blick in die für das Jubiläumskonzert hergerichtete Max-Siebold-Halle genügt am Samstagabend, um zu begreifen, welchen überbordenden Perfektionsanspruch der OVH an sich selbst hat.

Grafisch durchgestaltet bis hin zu den Toilettenplakaten

Die schnöde Sporthalle hat sich in unfassbarer Weise zu einem atmosphärisch dichten Konzertsaal gewandelt. Auch die auf den allerletzten Drücker fertiggestellte Festschrift besticht durch moderne Gestaltung und professionell aufbereiteten Lesestoff. Selbst auf den Toiletten werben noch grafisch einheitlich gestaltete Plakate für den neuen Facebook-Auftritt des OVH.

Ungeheure Kraftanstrengung der Vorbereitung

Man ahnt – nein, man weiß, welche ungeheure Anstrengung all diese Vorbereitungen gekostet haben, wie viele Tränen und Verzweiflungsattacken in den vergangenen Wochen auszuhalten waren. Aber es wäre ein Irrtum, diesen gestalterischen Kraftakt als äußerlichen Schnickschnack abzutun. Schon hier zeigt sich nämlich jene beinahe grenzenlose Leidenschaft, mit der das Orchester seit Jahren für Furore sorgt: bei seinen Dirigenten, bei seinem Publikum, ganz gewiss auch bei sich selbst.

Ist ein Moment denkbar, in dem diese Leidenschaft noch auf die Spitze getrieben wird, womöglich dorthin, wo die Luft dünn ist und nicht mehr jeder mitkann – als wolle jemand auf dem Gipfel noch eine Leiter aufstellen? Vielleicht ist ein solcher Moment beim Hauptwerk des Jubiläumsabends erreicht – Verdis „Otello“ in einer Bearbeitung von OVH-Dirigent Johannes Stert.

Man stelle sich noch einmal die emotionale Ausgangslage vor. Da ist das Jubiläum an sich. Dann die Entscheidung für den Gründungsort als Konzertstätte. Dann der aus jeder Pore dringende Wille, der Stadt und sich selbst einen unvergesslichen Abend zu bescheren. Das alles würde als leidenschaftliche Ausgangsbasis ja schon genügen.

40 Minuten lang kann man Stert erleben, wie er bebt und zittert, fordert und drosselt.

Aber in dieser Situation greift Stert noch in emotionalem Wagemut zu seinem Herzenswerk und der Idee, eine Oper ohne Gesang aufzuführen. In „Otello“, ganz nebenbei, geht es zu allem Überfluss noch um Liebe, Eifersucht und Mord. Drunter machen es die Italiener nicht.

40 Minuten lang kann man nun Stert erleben, wie er bebt und zittert, fordert und drosselt, sich durch das Labyrinth der Leidenschaft windet und sein Orchester mit sich reißt. Uns als Normalsterblichen macht er es damit allerdings nicht immer leicht zu folgen, weil den oft abrupten Stimmungswechseln der Musik eben doch das Visuelle, die Handlung fehlt.

Applaus beginnt eher kleinlaut

Irgendwann tritt man innerlich einen Schritt zurück, schon aus Selbstschutzgründen, und verfolgt das Leidenschaftsspektakel fasziniert, ohne es noch wirklich in die letzten Herzenswinkel vordringen zu lassen. Auch der Applaus muss sich erst aus kleinlauter und etwas erschöpfter Bewunderung in die angemessenen Jubelhöhen heraufarbeiten.

Nein, das Herzensstück des Abends ist und bleibt auf lange Zeit Sterts „Bachseits“, zu dem schon alles gesagt ist. Jetzt muss es nur noch gespielt werden, wieder und wieder. Man kann sich nicht satthören.

Apropos Leidenschaft: Der Nährboden dafür scheint auch bei den beiden Nachwuchsorchestern der Orchesterschule schon gelegt. Anders ist nicht zu erklären, wie die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen des Junior- und des Jungen Orchesters den inneren Spannungsbogen halten können, bis sie nach der Pause endlich auch das erste Mal auf die Bühne dürfen. Besser als vor dieser beeindruckenden Kulisse hat man sie womöglich noch nie gehört.

Zum Finale rückt der Nachwuchs in die Mitte des Orchesters

Ganz am Ende dieses nicht nur für die Musiker anstrengenden und über dreistündigen Konzertabends rückt der Nachwuchs dann fürs Finale auch noch demonstrativ in die Mitte des Orchesters, damit auch der Letzte begreift: Dieses Orchester hat nicht nur eine große Vergangenheit, sondern wendet sich mit Leidenschaft längst schon wieder der Zukunft zu.

Weitere Bilder im Internet: www.bergischer-volksbote.de

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