Die ersten zweieinhalb Jahre seines Lebens hat er in der thailändischen Region Ban Kruat nahe Kambodscha gelebt.

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Vom Pass Deutscher, von der Herkunft ein halber Khmer: Til (8), sein Vater Detlef (53) und seine Oma Gerda (83).

Vom Pass Deutscher, von der Herkunft ein halber Khmer: Til (8), sein Vater Detlef (53) und seine Oma Gerda (83).

Doro Siewert

Vom Pass Deutscher, von der Herkunft ein halber Khmer: Til (8), sein Vater Detlef (53) und seine Oma Gerda (83).

Burscheid. „Scharf essen können ist Training“, sagt Detlef Tschanz (53). Thailänder sind in dieser Hinsicht ständig im Training – von Kindesbeinen an. Wie Tschanz’ Sohn Til. Auf roten Chilis konnte er kauen als Kleinkind und dann routiniert hecheln, um Gaumen und Zunge zu kühlen. Und selbst den höllisch scharfen Som-Tam-Salat hat Til mit Vergnügen verputzt. „Als Europäer muss man danach drei Liter Wasser trinken“, sagt Detlef Tschanz lachend.

Schärfe bewahrt das Essen vor dem Verderben. Denn da, wo Til die ersten zweieinhalb Jahre seines Lebens verbracht hat, gibt es keine Kühlschränke. „Er ist mit Hühnern, Wasserbüffeln und Elefanten aufgewachsen“, sagt sein Vater. Im thailändischen Landkreis Ban Kruat, zehn Kilometer von der Grenze zu Kambodscha entfernt und 360 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Bangkok.

Medizinmann statt Krankenhaus

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Dort, in Bangkok, ist Til vor bald achteinhalb Jahren geboren. Aber nur, weil sein Vater dann doch der medizinischen Versorgung auf dem Land nicht so recht vertraut hat. „Als Tils Mutter einmal von einem Tausendfüßler gestochen worden ist, was tödlich verlaufen kann, kam sie nicht ins Krankenhaus, sondern der Medizinmann wurde geholt. Der hat dann einen Rattenkopf an der Wunde zerrieben und Kräuter daraufgelegt“, erzählt Detlef Tschanz.

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Also doch lieber die Tortur einer langen Autofahrt mit der hochschwangeren Frau. „Aber zwei Tage nach der Geburt hatten wir die Nase voll von dem Moloch.“ Da ging es wieder zurück ins Dorf und Til hat seinen Vater auf der Rückbank beim Wickeln das erste Mal angepullert.

Tils Mutter ist eine Khmer, wichtigstes Volk in Kambodscha, aber auch in den Nachbarländern vertreten. Detlef Tschanz hatte sie auf einer Asienreise kennengelernt. In dem Dorf, in dem sie lebten, kam morgens ein Zwölfjähriger an jede Tür und sammelte alle Kinder entlang der Dorfstraße ein. „Der Kindergarten ist da die Straße.“ Die Kleinen lernen von den Großen, jeden Tag versammelt sich die Kinderschar an einer anderen Stelle zum Spielen.

Aber jenseits der Dörfer, erzählt Tschanz, ist es bis heute gefährlich. Totenkopfschilder warnen noch immer vor nicht geräumten Tretminen aus der Zeit des Vietnamkriegs. Die US-Amerikaner hatten damit versucht, die zum Teil weit über Laos und Kambodscha führenden Versorgungswege des Vietcong zwischen Nord- und Südvietnam („Ho-Chi-Minh-Pfad“) zu kappen.

Frühe Kinderarbeit auf den Reisfeldern

Weihnachten 2008 kehrt Detlef Tschanz mit Til in seine Heimatstadt Burscheid zurück. Die Entscheidung fällt, als er sich fragt, welche Zukunft sein Sohn in Thailand wohl haben wird. „Die Schulzeit beträgt dort auf dem Dorf nur vier Jahre. Dann arbeiten die Kinder auf dem Reisfeld oder werden als Arbeitskräfte an Reiche vermietet, um die Schulden der armen Familien abzutragen.“ Drei Monate kommt auch die Mutter mit, aber die fremde Kultur treibt sie wieder in die Heimat zurück.

Jetzt sieht Til sie ab und an per Skype. Seine Oma Gerda ist seine zweite Mutter geworden. „Der tanzt wie die Thailänder, wenn er lustig ist“, sagt sie über ihren Enkel. Und sein Vater erkennt in seiner Feierlaune, Aufgeschlossenheit und den fehlenden Berührungsängsten thailändische Züge, „aber auch darin, dass er nicht gerne lernt“.

Vor ein paar Jahren war Til noch mal in seinem Geburtsland – und am liebsten würde er jedes Jahr wieder dorthin fliegen, wegen der langen Strände. Von der schwierigen thailändischen Tonsprache sind ihm noch ein paar Wörter geblieben. Nur essen kann er nicht mehr annähernd so scharf wie damals.

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