Renan Demirkans flammender Appell für die Vielschichtigkeit des Lebens.

Renan Demirkan bei ihrer Lesung im Gemeindesaal.
Renan Demirkan bei ihrer Lesung im Gemeindesaal.

Renan Demirkan bei ihrer Lesung im Gemeindesaal.

D. Siewert

Renan Demirkan bei ihrer Lesung im Gemeindesaal.

Burscheid. Massenleid lässt uns kalt, das Einzelschicksal rührt uns an. Fremde Kulturen sind ein Spielfeld für Demagogen, im Einzelleben rückt das Unbekannte an unsere Seite. Mit ihrem so klugen, differenzierten und leidenschaftlichen Blick auf die eigene Migrationsgeschichte entwirft die Schauspielerin und Autorin Renan Demirkan einen Kosmos der Zusammengehörigkeit, in dem kein Raum mehr ist für die Aufpeitscher und Spalter der aktuellen Integrationsdebatte.

Wie sehr sich die Menschen nach solchen Antworten und Erklärungen sehnen, wird am Samstagabend im voll besetzten evangelischen Gemeindesaal spürbar. Über zwei Stunden verfolgen sie gebannt und konzentriert Demirkans Auftritt, der auf wunderbare Weise die schauspielerische und sprachliche Begabung der deutsch-türkischen Grenzgängerin verbindet. Zwei Jahre ist ihr sehr persönliches Buch "Septembertee oder: Das geliehene Leben" schon auf dem Markt, doch die Anfragen für Lesungen wollen nicht abreißen.

Demirkan (55) macht in ihren Eltern, denen das Buch gewidmet ist, die zwei Prototypen der Migration aus. Der Vater "ein im Wesen durchtränkter Westeuropäer", intellektuell und technokratisch, vollgesogen mit der von ihm bewunderten deutschen Philosophie und Klassik - und doch in dem geliebten Deutschland zeitlebens ein Einsamer. Die Mutter dagegen, dem Ruf des Vaters folgend, hatte immer "die Rückfahrkarte im Kopf und in der Seele". Erst 2005, nach ihrem Tod, erfüllt sich diese Sehnsucht mit der Überführung in die Türkei - zugleich Anstoß für das Buch.

Den Begriff der Integration lehnt Renan Demirkan ab

Man könnte viel Lehrreiches erzählen von diesen so unterschiedlichen Charakteren, aber das kann das Buch viel besser. Doch die Spuren, die dieses Spannungsfeld bei der Tochter hinterlassen hat, sind mindestens so bewegend und erhellend. "Kulturen lösen sich nicht auf wie Neskaffee", sagt Demirkan. Diese Auflösung verbindet sie mit dem daher von ihr abgelehnten Wort der Integration. Stattdessen ist ihr der eher im Verruf stehende Begriff der Assimilation lieber. Sie führt ihn auf seinen ursprünglichen Sinn des Ankommens und Anwachsens zurück, basierend auf gegenseitigem kulturellen Respekt.

Vor allem aber sind ihr Buch wie ihr Auftreten ein flammender Appell für die Vielschichtigkeit des Lebens und seine bereichernde Widersprüchlichkeit. Ein Appell, der jeder dumpf-verantwortungslosen Konfrontation der Kulturen das Wasser abgraben müsste. Der Blumenstrauß das Dankes dafür konnte am Ende gar nicht groß genug sein.

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