Kantorin Silke Hamburger über den Umgang mit Emotionen, die Zukunft der Kirchenmusik und ihre Hörgewohnheiten am Ende eines langen Heiligabends.

Interview
„Häufig sind die bekannten Lieder ja auch die guten“: Kirchenmusikerin Silke Hamburger wird die Klassiker nicht leid. Fotos (2): Doro Siewert

„Häufig sind die bekannten Lieder ja auch die guten“: Kirchenmusikerin Silke Hamburger wird die Klassiker nicht leid. Fotos (2): Doro Siewert

„Es heißt doch: ,Seht auf und erhebt eure Häupter’“: Musik und Texten, die beherrschen und kleinmachen wollen, verweigert sich die Kantorin.

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„Häufig sind die bekannten Lieder ja auch die guten“: Kirchenmusikerin Silke Hamburger wird die Klassiker nicht leid. Fotos (2): Doro Siewert

Burscheid. Frau Hamburger, gibt es eine intensivere Zeit für Kirchenmusiker als die Weihnachtszeit?

Silke Hamburger: Nein. Aber die letzten vier Wochen vor einem großen Konzert sind ähnlich. Und die arbeitsarmen Zeiten werden insgesamt immer weniger.

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„Häufig sind die bekannten Lieder ja auch die guten“: Kirchenmusikerin Silke Hamburger wird die Klassiker nicht leid. Fotos (2): Doro Siewert

„Häufig sind die bekannten Lieder ja auch die guten“: Kirchenmusikerin Silke Hamburger wird die Klassiker nicht leid. Fotos (2): Doro Siewert

„Es heißt doch: ,Seht auf und erhebt eure Häupter’“: Musik und Texten, die beherrschen und kleinmachen wollen, verweigert sich die Kantorin.

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„Es heißt doch: ,Seht auf und erhebt eure Häupter’“: Musik und Texten, die beherrschen und kleinmachen wollen, verweigert sich die Kantorin.

Wie sieht zum Beispiel der Heiligabend für Sie aus?

Hamburger: Der Tag beginnt für mich um 10 Uhr und endet um 1 Uhr nachts. Von den fünf Gottesdiensten, bei denen ich spiele, sind zwei mit Kantorei und Solisten noch besonders musikalisch gestaltet.

Heiligabend sind die Kirchen voll und die Leute wollen die bekannten Lieder singen. Mögen Sie sie noch spielen?

Hamburger: Ja! Sehr gerne sogar. Häufig sind die bekannten Lieder ja auch die guten. Was sich über Jahrzehnte und Jahrhunderte durchsetzt, ist meist nicht der Mist. „Wie soll ich dich empfangen?“ kann man nicht leid werden, „Ich steh an deiner Krippen hier“ auch nicht. Und ich werde auch „O du fröhliche“ und „Stille Nacht“ nicht leid. Aber natürlich liebe ich nicht alle Lieder gleichermaßen.

Weihnachten wird viel gesungen, aber die Chöre klagen schon lange über Nachwuchsmangel. Machen Sie sich Sorgen um den Gesang in der evangelischen Kirche?

Hamburger: Nein, darum nicht, denn wenn es keinen Gesang mehr gibt, gibt es keine evangelische Kirche mehr. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar. Aber ich habe schon Schwierigkeiten mir vorzustellen, wie das Modell in Zukunft aussehen kann. Die regelmäßige Chorarbeit läuft bei Erwachsenen in Maßen, aber auch da zunehmend nicht mehr rund, sondern häufig nur noch über Projektarbeit. Wobei ich mich bei meinen beiden Chören da nicht beklagen kann. Aber bei Kinder- und Jugendchören ist es immer mühsamer, überhaupt eine Nische zu finden im Stundenplan, im Alltag der Kinder, bei den Eltern. Mittlerweile sind zwar die Schulen wieder dahintergekommen, doch wieder mehr zu singen. Aber ich tue mich noch schwer, die Kinder zum Singen zu tragen. Wenn man etwas nicht von Herzen will, ist es schwierig, einen nachhaltigen Effekt zu erzielen.

„Die meisten Bibeltexte habe ich über die Musik kennengelernt, lange bevor ich damit begonnen habe, die Bibel zu lesen.“

Und wie groß sind Ihre Sorgen um die Zukunft der Kirchenmusik insgesamt angesichts des Spardrucks innerhalb der Kirche?

Hamburger: Gegen die Spardiskussion kommst du nicht an. Es macht auch keinen Sinn, zwanghaft Stellen zu erhalten, wenn drum herum Wüste ist, weil das Geld fehlt. Was mir Sorgen macht, ist die Nachwuchsfrage. Wir haben viel Nachwuchs im nebenamtlichen C-Musikerbereich. Aber im hauptamtlichen Bereich ist die Situation ganz mies, fast analog zum Pfarramt. Das Image der Kirche als Arbeitgeber hat in den vergangenen zehn Jahren immens gelitten. Und der Kirchenmusik haftet auch der Geruch an, nicht mehr so ganz zeitgemäß zu sein. Zudem geht die musische Bildung der Kinder und Jugendlichen insgesamt zurück, nicht nur in der Kirche. Diese Entwicklung macht mir deshalb Sorgen, weil die Hauptamtlichkeit die Nebenamtlichkeit trägt. Wenn der Mittelbau mit den B-Stellen und den kleinen A-Stellen wie meiner wegbricht, brechen auch die Spitze und der Unterbau ein.

Welche Rolle spielt die Musik für Ihren persönlichen Glauben?

Hamburger: Das ist vermutlich untrennbar. Ganz viele Texte erschließen sich mir über die Musik. Die meisten Bibeltexte habe ich über die Musik kennengelernt, lange bevor ich damit begonnen habe, die Bibel zu lesen. Und mich prägt auch, wie etwas vertont ist. Als Jugendliche machst du dir das gar nicht klar, aber als Studentin kommst du dann langsam dahinter, dass Musik immer eine Wirkung hat, die auch beeinflussbar ist. Es gab ja eine Zeit ohne Mozart-Requiem. Aber irgendwann war es da und seither ist es bis heute eine feste Größe. So ein Werk hat eine Eigenständigkeit und ich bin nur diejenige, die das Bild an die Wand hängt. Gemalt ist es ja schon. Ich will immer auf der Spur sein, was das Werk will. Dann bin ich auf der richtigen Seite.

Die evangelische Kirche ist die Kirche des Wortes. Kann man auch musikalisch predigen?

Hamburger: Ja. Ich bilde mir ein, dass ich das im Prinzip jeden Sonntag tue, mal bewusst, mal unbewusst. Ich will nicht manipulieren, aber Musik beeinflusst. Du kannst sie so einsetzen, dass sie in dir ein warmes Gefühl erzeugt oder ein trauriges oder ein fröhliches oder ein öffnendes oder ein aggressives. Du kannst musikalisch auf der Welle des Gottesdienstes schwimmen oder auch mal querschießen, unabhängig von den Texten, die wir transportieren. Vieles geht dabei über Assoziationen.

„Das ist das Schöne an diesem Beruf, dass er über tausend Jahre Musikgeschichte abdeckt, und das jeden Sonntag.“

Sie haben gesagt, Sie wollen nicht manipulieren. Aber nichts kann Emotionen so wecken wie die Musik. Gibt es auch in der Kirchenmusik die Gefahr des Missbrauchs?

Hamburger: Ich würde sagen, ja. Es wird immer dann kritisch, wenn den Menschen etwas übergestülpt wird. Die Besucher im Gottesdienst oder im Konzert kommen freiwillig. Und ich bin keine Berieselungsanlage, der sie sich nicht entziehen können. Natürlich kann ich beispielsweise, wenn ich wirklich improvisiere und das aufgreife, was gerade in der Kirche passiert, die Leute auch lenken. Das lässt sich nicht vermeiden. Wichtig ist die Frage, wofür ich das einsetze. Ich bin überzeugt von den theologischen Inhalten meines Glaubens. Aber es gibt Lieder, Texte und Melodien, die ich auch verweigere. Das sind häufig Melodien, die auf den ersten Blick sehr schön daherkommen, aber unterschwellig ein Gefühl transportieren, das nach meiner Überzeugung nicht der christlichen Theologie entspricht. Da geht es um Beherrschung, Kleinmachen oder auch einen besonderen Begriff von Schuld. Dabei heißt es doch: „Seht auf und erhebt eure Häupter.“ Das ist ja das Tolle an unserem Glauben: den Kopf hochzuhalten und in alle Richtungen gucken zu können. Es gibt nicht nur den einen Weg, den man gehen muss. Und wenn die Musik für eine solche Einengung missbraucht werden soll, verweigere ich das.

Es gibt einen großen Bestand an alten Kirchenliedern und daneben die neuen geistlichen Lieder. Können Sie sagen, wo Ihr Herz schlägt?

Hamburger: Nein, es sind immer einzelne Lieder, in denen ich lebe. Und die haben dann wirklich mit mir persönlich zu tun: Situationen, in denen sie mir begegnet sind, oder Melodien, die ich einfach zum Heulen schön finde. Solche Lieder gibt es für mich vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Das ist ja auch das Schöne an diesem Beruf, dass er über tausend Jahre Musikgeschichte abdeckt, und das jeden Sonntag.

Nach welchen Kriterien suchen Sie die Vor- und Nachspiele für die Gottesdienste aus?

Hamburger: Das Nachspiel ist außer Weihnachten fast immer ein Bach-Choral, möglichst das Wochenlied. Nach dem Segen will ich nicht noch mal ein neues Fass aufmachen. Und das Vorspiel orientiert sich an der Grundstimmung des Gottesdienstes. Ich kenne ja die Texte, häufig auch die ungefähre Richtung der Predigt, und dann überlege ich mir, wie ich die Leute in diese Stunde schicken möchte. Das ist ein ziemlich toller Moment, den ich da habe und nicht der Pfarrer oder die Pfarrerin. Ich überlege mir das auf jeden Fall sehr. Wenn jemand kommen und fragen würde, warum ich gerade dieses Stück gespielt habe, wüsste ich immer etwas zu antworten.

Wer ist Ihr liebster Lieddichter?

Hamburger: Im Moment sicher Paul Gerhardt. Diese Mischung aus lyrischer Qualität, Bilderreichtum und persönlicher Empfindsamkeit, die aber eben nicht manipulierend ist, sondern eine Empfindung nur bereitstellt, das ist schon einzigartig. Wenn ich ein „Wie soll ich dich empfangen?“ höre oder lese, dann empfinde ich das nicht als Zwang, sondern als Bereitstellung, mich darauf mal einzulassen. Müsste ich mich jetzt für die einsame Insel entscheiden, dann würde ich Paul Gerhardt wählen und unter seinen Liedern wohl „Wie soll ich dich empfangen?“. Aber das könnte im Sommer schon anders aussehen.

„Wenn ich mich mit einer Partitur beschäftige, ist das für mich spannender als ein Krimi.“

Und Ihr Lieblingskomponist?

Hamburger: Es gibt Komponisten, die ich unglaublich gerne höre. Zwei Töne Wagner und die Welt ist in Ordnung. Aber es sind dann doch meist einzelne Werke. Das Stück, das man vor der Brust hat, ist immer das Schönste, weil man sich damit beschäftigt und in das Werk eintaucht. Das ist immer wie eine Entdeckung. Wenn ich mich mit einer Partitur beschäftige, ist das für mich spannender als ein Krimi.

Wenn Sie Heiligabend um 1 Uhr nachts nach Hause kommen, hören Sie dann noch Musik?

Hamburger: Vermutlich ja, weil ich vor 3 Uhr nicht schlafen kann. Aber welche Musik, entscheide ich erst dann. Manchmal bin ich in solchen Momenten auch einfach nur Benutzerin. Das wird dann irgendwas zwischen Katie Melua und Parsifal. Was ich aber im Normalfall zu Hause nie höre, ist Orgelmusik.

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