Ein großer Sieger und fünf Verlierer mit unterschiedlich starken Schmerzen stellen die Weichen für die Ratsarbeit.

Analyse
Ein Bild wie aus alten Zeiten – auch wenn die Vertrautheit von Bürgermeister Stefan Caplan, seinem Amtsvorgänger Hans Dieter Kahrl und Michael Baggeler (v. l.) in dieser am Sonntagabend demonstrierten Form in Wirklichkeit nicht mehr existiert.

Ein Bild wie aus alten Zeiten – auch wenn die Vertrautheit von Bürgermeister Stefan Caplan, seinem Amtsvorgänger Hans Dieter Kahrl und Michael Baggeler (v. l.) in dieser am Sonntagabend demonstrierten Form in Wirklichkeit nicht mehr existiert.

Doro Siewert

Ein Bild wie aus alten Zeiten – auch wenn die Vertrautheit von Bürgermeister Stefan Caplan, seinem Amtsvorgänger Hans Dieter Kahrl und Michael Baggeler (v. l.) in dieser am Sonntagabend demonstrierten Form in Wirklichkeit nicht mehr existiert.

Burscheid. Ausgelassene Sieger stellt man sich anders vor: Bürgermeister Stefan Caplan verlässt die CDU-Wahlparty am Sonntag im Restaurant Korfu schon gegen Mitternacht und fährt nach Hause. Fraktionsvorsitzender Jörg Baack rührt den ganzen Abend keinen Tropfen Alkohol an, weil am nächsten Tag wichtige berufliche Termine warten. Und doch stehen die beiden für einen kommunalpolitischen Erfolg auf der ganzen Linie.

Erfolgreichster Direktkandidat ist Reiner Höpken

Das beste Bürgermeisterergebnis, seit der Amtsinhaber direkt gewählt wird, dazu 15 von 16 Wahlkreisen in CDU-Hand mit den Spitzenreitern Reiner Höpken (49,8 Prozent) und Jörg Baack (48,0) – und als einzige der bisherigen Ratsfraktionen ein kräftiger Zuwachs gegenüber 2009. Bei allen anderen steht da ein Minus.

Doch dieses Minus schmerzt in sehr unterschiedlicher Intensität. Am stärksten sicher bei der FDP, die sich endgültig von der Erinnerung an die große liberale Tradition in dieser Stadt frei machen muss. Aber auch die Freien Wähler haben am Sitzverlust schwer zu kauen, hatten sie doch im Jubiläumsjahr eigentlich aufstocken wollen.

„Zu viel erwartet“ hätten auch einige in den Reihen des BfB, sagt Michael Baggeler am Tag danach. Und gewinnt bei aller Ernüchterung über das Verfehlen des Wahlziels, die SPD von Platz zwei zu verdrängen, dem Ergebnis doch zumindest einen positiven Aspekt ab: Man habe sich als drittstärkste Kraft stabilisiert und eine eigene Wählerschaft gewonnen. „Denn ihren Zuwachs an Stimmen hat die CDU offenkundig nicht bei uns geholt.“

Eindeutig als viertstärkste Kraft haben sich die Grünen etabliert und werden daher die leichten Verluste am ehesten verschmerzen. Anders als die SPD, die nach dem mäßigen Ergebnis spürbar auf interne Veränderungen setzt, auch personeller Natur. „Wir müssen nach außen wahrnehmbarer werden“, sagt Fraktionschef Klaus Becker.

Mit Amtsinhaber Lutz Urbach (CDU) hat es in der Kreisstadt Bergisch Gladbach erstmals ein hauptamtlicher Bürgermeister geschafft, wiedergewählt zu werden. Urbach erhielt 50,7 Prozent. In Kürten gibt es im Kampf um die Nachfolge von Ulrich Michael Iwanow (CDU) am 15. Juni eine Stichwahl zwischen Marc Beer (CDU) und Willi Heider (Einzelbewerber). In Leichlingen gilt Gleiches für Frank Steffes (SPD) und Rainer Hüttebräucker (CDU), die Ernst Müller (SPD) nachfolgen wollen. In Overath muss sich Amtsinhaber Andreas Heider (CDU) einer Stichwahl mit Jörg Weigt (SPD) stellen. In Rösrath hat sich Bürgermeister Marcus Mombauer (CDU) mit 52,6 Prozent durchgesetzt. In Odenthal und Wermelskirchen gab es keine Bürgermeisterwahlen.

In Burscheid sackte die Beteiligung gegenüber der Kommunalwahl vor fünf Jahren um 2,3 Prozentpunkte auf 52,0 Prozent ab. Bei der Kreistagswahl gingen kreisweit 55,6 Prozent der wahlberechtigten Bürger wählen. Und bei der Europawahl lag die Wahlbeteiligung in Rhein-Berg bei 57,8 Prozent.

Eigentlich hatte Bürgermeister Stefan Caplan nach der Wahl einen Urlaub geplant. Aber die Spontankandidatur von Robby Simon (Die Linke) machte ihm einen Strich durch die Rechnung, weil nun zumindest theoretisch eine Stichwahl am 15. Juni möglich gewesen wäre. Also stornierte er die Reise zähneknirschend. Jetzt muss die Erholung vom Wahlkampf bis Juni warten.

Der scheidende Megaphon-Leiter war in Blecher erstmals als Direktkandidat für die Odenthaler SPD angetreten. Der 63-Jährige erzielte dort 20,0 Prozent und musste sich klar der CDU-Kandidatin Sabine Franziska Tretter geschlagen geben, die auf 49,5 Prozent kam.

Mit Herbert Reul (CDU), Petra Kammerevert (SPD), Marie-Catherine Meyer (FDP) und Sven Giegold (Grüne) stellten sich vier Kandidaten aus der Region zur Wahl. Der Leichlinger Herbert Reul, der die Landesliste der CDU anführte, behält sein Mandat. Auch die Düsseldorfer Petra Kammerevert und Sven Giegold ziehen ins Europaparlament. Marie-Catherine Meyer hatte auf Listenplatz 50 keine Chance.

In der gestrigen Printausgabe des BV ist es wegen des Zeitdrucks zu drei Fehlern gekommen. Die FDP war bisher fünft- und nicht viertstärkste Fraktion im Rat. Künftig verfügt sie nur noch über zwei Sitze – wie die Freien Wähler. Die Grünen behalten dagegen ihre bisherigen vier Sitze. Schließlich büßten die Freien Wähler am Wahlabend 2,2 Prozentpunkte ein und nicht 2,6 Punkte, wie in der Tabelle irrtümlich angegeben.

Jetzt stehen die konstituierenden Sitzungen der Fraktionen an – und die Frage, welche Weichenstellungen in Richtung der künftigen stellvertretenden Bürgermeister und der Ausschussvorsitze vorgenommen werden. Bis zur Entscheidung haben die Politiker allerdings noch Luft: Der neue Stadtrat wird erst am 3. Juli erstmals zusammentreten.

Fahrplan für die großen Fraktionen steht schon

Trotzdem steht der Zeitplan der drei großen Fraktionen schon: Die CDU macht bereits am Dienstagabend den Auftakt. Die SPD folgt am Freitag und das BfB hat seine erste Fraktionssitzung nach der Wahl für den 2. Juni angesetzt.

Spannend wird die Frage, ob es möglicherweise wieder wie 2009 zur Besetzung der diversen Ämter eine Einheitsliste aller Fraktionen gibt. Jörg Baack befürwortet das, will den Vorschlag aber erst einmal am Dienstag fraktionsintern zur Abstimmung stellen.

Einverständnis wird auch aus der SPD signalisiert. „Das hat vor fünf Jahren Sinn gemacht und war ein guter Start in die Wahlperiode“, begründet Becker, warum er den Vorschlag auch am Freitag wieder unterbreiten will. CDU und SPD wollen sich in der Woche nach Pfingsten zu einem ersten Gespräch treffen.

Abwartender gibt sich Baggeler zur Frage einer Einheitsliste, ohne sie abzulehnen. Zunächst soll das Stimmungsbild innerhalb der neuen Fraktion eingeholt werden. Als deren Vorsitzender will er wieder kandidieren.

Womöglich werden in den Parteien auch die Wahlkampfkosten und der betriebene Aufwand noch mal neu hinterfragt. Die Spanne der finanziellen Investitionen war groß, die Art der Gestaltung sehr unterschiedlich – von hausgemachten Plakaten bis zur Kampagnenbegleitung durch professionelle Agenturen. Eine einleuchtende Verbindung zum jeweiligen Wahlergebnis lässt sich aber nicht herstellen.

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