Der Historiker und Gutachter Christoph Nonn über Vorwürfe der Initiative pro Halbach, unsere Verantwortung für die Erinnerung und den Unsinn von Schlussstrich-Forderungen.

Interview
Der gebürtige Leverkusener Christoph Nonn (49) ist seit 2002 Professor für Neueste Geschichte und Landesgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er war als Projektleiter des Zwangsarbeiterfonds der Jewish Claims Conference an der Organisation und Koordination der Auswertung von Wiedergutmachungsakten beteiligt.

Der gebürtige Leverkusener Christoph Nonn (49) ist seit 2002 Professor für Neueste Geschichte und Landesgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er war als Projektleiter des Zwangsarbeiterfonds der Jewish Claims Conference an der Organisation und Koordination der Auswertung von Wiedergutmachungsakten beteiligt.

privat

Der gebürtige Leverkusener Christoph Nonn (49) ist seit 2002 Professor für Neueste Geschichte und Landesgeschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er war als Projektleiter des Zwangsarbeiterfonds der Jewish Claims Conference an der Organisation und Koordination der Auswertung von Wiedergutmachungsakten beteiligt.

Herr Nonn, im September 2013 haben Sie Ihr Halbach-Gutachten vorgelegt. Haben Sie damit gerechnet, dass sich aus dem Thema noch Burscheids erster Bürgerentscheid entwickeln könnte?

Christoph Nonn: Eigentlich nicht. Der Stadtrat als gewählte Bürgervertretung hatte sich ja nach Vorlage des Gutachtens einstimmig dafür ausgesprochen, den Namen zu ändern.

In einem Faltblatt der Initiative für die Beibehaltung des Namens wird jetzt versucht, Sie als Wissenschaftler zu diskreditieren, unter anderem mit dem Hinweis, Sie hätten die geringen Auflagen von Halbachs Hetzschriften und seine Verdienste um die Mundart nicht berücksichtigt.

Nonn: Die Zahl der Auflagen ist für die Verbreitung ja ohne Belang, das wäre allenfalls die Auflagenhöhe sowohl der Hetzschriften als auch der Mundartbücher, und die ist in beiden Fällen meist unbekannt. Im Übrigen: Es geht hier nicht um Wertungen oder die Reputation eines Wissenschaftlers, sondern um Tatsachen. Fritz Halbach war ein engagierter Nationalsozialist, der spätestens Mitte der 1920er Jahre in die NSDAP eingetreten ist, als sie noch eine winzige Splittergruppe war, also ein Überzeugungstäter, der seit 1918 immer wieder rabiat antisemitische Propaganda veröffentlicht hat, etwa, als er von der Ermordung aller Juden fantasierte. Die Initiative für die Beibehaltung des Straßennamens kann diese Tatsachen nicht abstreiten. Sie möchte sie aber nicht zur Kenntnis nehmen, und deshalb lenkt sie vom eigentlichen Thema ab und behauptet, es gehe nicht um Halbach, den Nationalsozialisten und Antisemiten, sondern um Halbach, den Mundartdichter und Gründer der Hilgener Raiffeisenbank. Als ob das nicht ein und dieselbe Person gewesen wäre.

Ein weiterer Vorwurf an Sie lautet, Sie hätten der ganzen Raiffeisenbewegung antisemitische Vorstellungen unterstellt und auch Halbachs Motivation bei der Gründung der Hilgener Spar- und Darlehenskasse darauf beschränkt.

Nonn: Das ist falsch. Ich habe selbst ein Konto bei der Volksbank und werfe natürlich der heutigen Bank keinerlei Antisemitismus vor. Entgegen dem Faltblatt habe ich auch nichts unterstellt oder spekuliert, sondern die Forschung ist in dieser Frage ganz eindeutig und von mir auch belegt worden. Die Raiffeisenbewegung hat in ihrer Gründungsphase auch die Intention verfolgt, den einfachen Bauern eine Alternative zum vermeintlichen jüdischen Wucher zu bieten, womit ein altes antisemitisches Klischee bedient wurde. Halbachs Engagement in der Raiffeisenbewegung war, wie auch die Heimatdichtung, durchaus vereinbar mit seinem Nationalsozialismus und Antisemitismus.

„Niemand sagt, dass die heutigen Generationen am Holocaust schuldig sind, wie es von der Initiative unterstellt wird.“

Können Sie als Historiker die oft gehörten Sätze nachvollziehen, man müsse die alten Geschichten endlich ruhen lassen und wolle sich nicht fortwährend schuldig fühlen?

Nonn: In der Begründung der Initiative heißt es: „Es muss doch endlich mal genug sein.“ Das kann ich nicht nachvollziehen. Niemand sagt, dass die heutigen Generationen am Holocaust schuldig sind, wie es von der Initiative unterstellt wird. Aber wir haben alle eine Verantwortung dafür, die historische Erinnerung aufrechtzuerhalten. Im Faltblatt und auf der Homepage der Initiative ist die Rede vom „braunen Pöbel, der seinerzeit die Menschen in unserer Stadt terrorisiert hat“. Der „braune Pöbel“ wird also den „Menschen in unserer Stadt“ gegenübergestellt, als seien die Nazis die anderen gewesen, quasi Aliens, und die Burscheider sind wir. Kein Wunder, wenn dann ein rabiater Antisemit und Burscheider Nationalsozialist wie Fritz Halbach nur als Heimatdichter gesehen wird, oder betont wird, der sei doch ein so netter Onkel gewesen. Ich glaube gern, dass er das war. Schließlich hatten die Nationalsozialisten auch Kinder und Familie. Sie waren eben ganz normale Leute wie wir. Deshalb kann das, was nach 1933 in Deutschland geschah, auch jederzeit wieder geschehen. Das Einzige, was dagegen hilft, ist, Geschichtsbewusstsein zu schaffen. Die Initiative für den Erhalt des Straßennamens will das Gegenteil: Es soll Schluss sein mit der Diskussion.

Ein Argument ist auch, wenn die Halbach-Straße umbenannt werde, müsse man sich auch von vielen anderen Namen im öffentlichen Raum trennen.

Nonn: Aber jetzt geht es doch um die Fritz-Halbach-Straße. Wen an anderer Stelle ein Name stört, der soll einen entsprechenden Änderungsantrag stellen. So etwas ist doch reine Ablenkungstaktik. Die Fakten zu Halbach kann man nicht abstreiten, man kann nur davon ablenken.

„Wir müssen uns immer wieder darüber verständigen, in welche Traditionen wir uns stellen wollen.“

Einmal weg vom Burscheider Beispiel hin zu den immer wieder und überall geführten Diskussionen um die historischen Personen, nach denen Straßen benannt sind. Was sagt das über unser Verhältnis zu unserer Geschichte?

Nonn: Generell ist es eine völlig normale und sogar gute Sache, dass über Straßennamen kontrovers gestritten wird. Das beweist ein Interesse an Geschichte und ist ein Zeichen lebendiger Bürgergesellschaft. Wir müssen uns immer wieder darüber verständigen, in welche historischen Traditionen wir uns stellen wollen. Erst wenn wir das nicht mehr tun, ist die Zivilgesellschaft tot.

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