Benjamin Schad inszeniert im Staatenhaus Verdi’s Oper „La Traviata“. Diese feiert am kommenden Sonntag in Deutz Premiere.

Benjamin Schad inszeniert im Staatenhaus Verdi’s Oper „La Traviata“. Diese feiert am kommenden Sonntag in Deutz Premiere.
Regisseur Benjamin Schad im Saal 2 des Staatenhauses.

Regisseur Benjamin Schad im Saal 2 des Staatenhauses.

Stephan Eppinger

Regisseur Benjamin Schad im Saal 2 des Staatenhauses.

Was bedeutet es für Sie, in einer Interimsstätte wie dem Staatenhaus ein Stück wie „La Traviata“ zu inszenieren?

Benjamin Schad: Bei einer Spielstätte wie dem Staatenhaus ist es sehr wichtig, von Beginn an auf diesen Raum einzugehen. Bühnenbildner Tobias Flemming hat die Grundarchitektur des Staatenhauses in seinem Entwurf aufgenommen und weiterentwickelt. Das Stück, der Saal, die Konzeption, all das bezieht sich aufeinander, baut aufeinander auf. Das bietet ganz neue Möglichkeiten, die sich von denen eines Opernhauses unterscheiden. Der Raum bekommt eine ganz eigene Qualität und Lebendigkeit. Er wird in „La Traviata“ zum Seelenort für Violetta. Verschiedene Bühnenelemente entwickeln sich immer weiter, es entsteht eine poetische, atmosphärisch dichte Erzählweise.

Kannten Sie noch das alte Opernhaus am Offenbachplatz?

Schad: Ja, ich habe dort 2008 als Assistent und Spielleiter begonnen, seit 2011 bin ich freischaffend tätig. Ich freue mich immer, hierher zurückzukommen. Die Zusammenarbeit hier ist sehr besonders, das Kölner Haus atmet einen besonderen Geist. Hier zu arbeiten ist beglückend.

Wie war die Zusammenarbeit mit Thomas Flemming?

Schad: Wir kennen uns bereits seit 2011 und arbeiten seither regelmäßig zusammen. Oft an speziellen Spielorten, wie „The turn of the screw“ in der Kölner Trinitatiskirche. Es ist hochinteressant, Konzepte für spezielle Orte zu entwickeln, diese mit theatralischen Mitteln zu erkunden und dort Geschichten zu erzählen.

Wo befindet sich das Orchester bei „La Traviata“?

Schad: Wir haben es seitlich platziert, um für die Zuschauer das beste Klangergebnis zu erreichen. Nach den ersten Proben mit dem Orchester war sowohl die musikalische Leitung als auch mein Regieteam von dem erzeugten Klang absolut überzeugt.

„Die Gefahr besteht darin, bei dieser Oper zu schnell auf die Tränendrüse zu drücken. Komik und Tragik bedingen einander.“

Benjamin Schad, Regisseur

Was macht für Sie persönlich den Reiz einer Verdi-Oper aus?

Schad: Das ist meine erste Verdi-Inszenierung, eine große Freude und Herausforderung zugleich. „La Traviata“ ist einer der Evergreens schlechthin. Verdi wollte, dass „La Traviata“ im Heute spielt. Die Zensur hat dies damals verhindert: Statt Mitte des 19. Jahrhunderts wurde es zur Zeit des Sonnenkönigs angesiedelt. Es scheint lange das Schicksals dieses Stücks gewesen zu sein, dass es aktuell gedacht und geschrieben und doch so oft historisierend interpretiert wurde. Man muss eine Erzählsprache für das Jahr 2017 finden und ist so als Regieteam der Filter für das gesamte Stück.

Wie aktuell ist die Geschichte des Stücks?

Schad: Für mich ist sie zeitlos, wie jedes Stück Weltliteratur Es geht um die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit der Liebe zwischen zwei Menschen - vor dem Hintergrund zweier grundverschiedener gesellschaftlicher Lebensentwürfe. Und um die Fähigkeit bzw. Unfähigkeit zu lieben, Liebe anzunehmen. Wenn man sich diese Thematik vor Augen führt, stellt sich auch nicht die Frage, das Stück in einem speziellen Milieu anzusiedeln. Ein weiterer elementarer Punkt ist Violettas Erkrankung. Wie verändert eine Krankheit einen Menschen? Wie reagiert die Gesellschaft, das direkte Umfeld darauf? In einer Zeit, in der die Selbstoptimierung das neue Goldene Kalb zu sein scheint, sind dies sehr relevante Fragen.

Wie siedeln Sie die Geschichte im Jetzt an?

Schad: Wir arbeiten mit einer poetischen und realistischen Bildsprache, den ersten Akt haben wir in eine von Leichtigkeit erfüllte Atmosphäre getaucht, die die pure Freude am Dasein symbolisiert. Violetta zwingt sich fast schon zu dieser Freude, um ihre Erkrankung vergessen zu können, und sei es nur für den Moment. Das letzte Wort, das Violetta kurz vor ihrem Tod mit letzter großer Kraft sagt, lautet nicht umsonst „Freude“.

Wie gehen Sie bei so einem Evergreen mit der Erwartung des Publikums um?

Schad: Es gibt insgesamt vier Bilder – zwei davon sind rauschende Feste. Neben der großen Tragödie gehört zu „La Traviata“ auch eine gewisse Leichtigkeit und auch Humor, der bizarr und derb, aber auch leicht und ironisch sein darf. Die Gefahr besteht darin, bei dieser Oper zu schnell auf die Tränendrüse zu drücken. Komik und Tragik bedingen einander.

Die Besetzung scheint optimal für „La Traviata“ zu sein?

Schad: Ja, die Protagonisten sind mit Marina Costa Jackson, David Junghoon Kim und Lucio Gallo ein großer Glücksfall. Gemeinsam mit ihnen konnten wir die Charaktere äußerst facettenreich gestalten. Für mich als Regisseur ist das ein Traum und gibt mir ungeahnte Möglichkeiten, die Tiefen des Werkes auszuloten. Insgesamt arbeiten wir hier mit einer sehr jungen Besetzung, die mit einer unglaublichen Spielfreude begeistert. Schon dadurch ist das Stück mitten in der Gegenwart angekommen.

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