Historie: Wie die 68er-Revolution nach Burscheid kam: eine Geschichte über sonderbaren Schmuck am Kriegerdenkmal, ein Zeitungsfoto und einen Besuch bei Rudi Dutschke.

Flower Power: So sah das Kriegerdenkmal, das damals noch vor der evangelischen Kirche stand, Ende April 1968 aus.
Flower Power: So sah das Kriegerdenkmal, das damals noch vor der evangelischen Kirche stand, Ende April 1968 aus.

Flower Power: So sah das Kriegerdenkmal, das damals noch vor der evangelischen Kirche stand, Ende April 1968 aus.

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Flower Power: So sah das Kriegerdenkmal, das damals noch vor der evangelischen Kirche stand, Ende April 1968 aus.

Burscheid. London, Paris, Berlin: Dort hatte die Studentenbewegung der späten 60er Jahre ihre pulsierenden Zentren. Dort fanden aufrührerische Demos, provokative Rockkonzerte und blumige Diskussionsrunden mit weltverändernder Wirkung statt. Aber die Kleinstadt Burscheid? Das war schläfrige rheinische Provinz, die von den Protesten nur aus der Zeitung erfuhr. Soviel zur landläufigen Meinung über die Topographie der 68er-Revolution.

Der Bergische Volksbote hielt die Aktion fest

Die Wahrheit sieht anders aus. Denn auch Burscheid stand ganz im Bann der Revolte, hat auch sein historisches 68er-Ereignis gehabt. Man muss nur den "Bergischen Volksboten" vom 29.April 1968 aufschlagen: Dort findet sich auf der Titelseite ein denkwürdiges Foto des Kriegerdenkmals von 1870/71. Um die Schlacht-Skulptur herum sind in bunten Farben Blumenketten drapiert, an der Säule hängen Banner mit der Aufschrift "Make Love, Not War". Hippie-Kitsch in Reinkultur. Ein Statement, wie es damals allerdings schräger kaum sein konnte.

Der Urheber dieser Aufsehen erregenden Dekoration hieß Richard Howard und war ein 19-jähriger Engländer, der damals für einen dreimonatigen Besuch in Burscheid weilte. "Ein intelligenter junger Mann mit hervorragender Bildung, der stark mit den 68ern sympathisierte", charakterisiert der 82-jährige Karl Felix Tischler ihn heute. "Er wollte seine Friedensbotschaft in die Welt senden und vervielfältigt sehen." Das ist ihm gelungen, wie der Zeitungsausschnitt zeigt.

Karl Felix Tischler, ein ehemalige Lederfabrikant, war damals der Gastgeber des kleinen Revoluzzers. Ursprünglich hatte er Richard Howard, der gerade seinen Schulabschluss gemacht hatte und in Europa auf Reisen war, als Englisch-Hauslehrer für seine Kinder Andreas, Annette und Cordula angestellt. Doch aus dem pädagogisch hehren Plan wurde nicht viel.

"Wir haben stattdessen nächtelang im Familienkreis diskutiert", erinnert sich Tischler. Über anti-autoritäre Erziehung, die Beatles und das Erbe des Nationalsozialismus. Die klassischen Themen dieser Zeit eben.

"Howard hat uns regelrecht angesteckt mit seinen Ideen", erinnert sich Eva Tischler (81), die Frau von Karl Felix. "Wir haben durch ihn die Beatles entdeckt, waren etwas später sogar beim Hair-Musical in Düsseldorf." Für beflissene Bildungsbürger, die sie damals waren, eher ungewöhnliche Aktivitäten.

Heute ist er Psychologie-Professor

Richard Howard, das Burscheider Blumenkind, reiste indes nach einiger Zeit wieder ab. Freilich nicht ohne vorher noch mal nach Berlin zu fahren, um den Studentenführer Rudi Dutschke zu besuchen. Tischler: "Den wollte er unbedingt kennen lernen."

Mehr als 40 Jahre später haben die Familie Tischler und Richard Howard erstmals wieder Kontakt miteinander aufgenommen. Howard ist heute Psychologie-Professor in Nottingham - ein gemachter Mann, 60 Jahre alt, jemand, von dem Tischler sagt: "Er hat Karriere gemacht."

Über seinen revolutionären Akt im April 1968 sagt Howard, offenbar nicht mehr ganz der deutsche Sprache mächtig: "Das waren Konfessionen einer missverbrachten Jugend." Ein Hauch von Selbstironie klingt da durch.

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