Der Kulturverein präsentiert Schülerkunst, Erinnerungs-Erotik und zwei Herren in der Badewanne.

100-jähriges Bestehen
In einer geschliffenen Rede führt Rudolf Otto (r.) humorvoll durch die wechselhafte Geschichte des Jugendstilbaus.

In einer geschliffenen Rede führt Rudolf Otto (r.) humorvoll durch die wechselhafte Geschichte des Jugendstilbaus.

Der letzte Bademeister Erich Schröder enthüllt den neuen Schriftzug am Badehaus. Fotos (2): Doro Siewert

Siewert, Doro, Bild 1 von 2

In einer geschliffenen Rede führt Rudolf Otto (r.) humorvoll durch die wechselhafte Geschichte des Jugendstilbaus.

Burscheid. Noch einmal darf das Badehaus an diesem Tag in alten Erinnerungen baden. Noch einmal werden an diesem Tag mit Stil und Humor die alten Geschichten erzählt aus der Zeit, als man für das wöchentliche Wannenbad noch die eigenen vier Wände verlassen musste. Doch zugleich brechen sich beim Fest zum 100-Jährigen auch endgültig die neuen Zeiten Bahn: Seit Sonntag heißt das Vorzeigeobjekt Kultur-Badehaus Burscheid, deutlich sichtbar gemacht an der Außenfassade.

Nicht das einzige Geburtstagsgeschenk, von dem die Kulturvereins-Vorsitzende Jelle von Dryander dem dicht gedrängten Jubiläumspublikum berichtet. An der nach dem Badehaus-Initiator benannten Bürgermeister-Schmidt-Straße weist nun eine moderne Litfasssäule auf die Kulturstätte hin. Der Internetauftritt ist überarbeitet. Und Barbara Sarx und Rudolf Otto haben Materialien zu 100 Jahren Badehaus in 76 Seiten Festbroschüre gepackt – kurzweilig und informativ.

Von Bäuchen und Brüsten bis zur Schweineschlachtung

Kurzweilig, informativ und geschliffen führt Otto die Gäste dann auch noch mal verbal durch die Geschichte des Jugendstilbaus, der zu Zeiten als Asylbewerberheim sogar einst eine Schweineschlachtung erlebt hat.

Da ist einem die Vorstellung von „Hunderten Burscheider Bäuchen und Brüsten“ (Otto) aus der Badehausvergangenheit dann doch angenehmer. Und wem das Verbale nicht genügt, der kann die gerade erst wieder freigelegte Original-Duschtasse begucken oder einer Pappmaschee-Schönheit in die Duschkabine folgen.

Dass beim Blick durchs Schlüsselloch nicht nur Herr Dr. Klöbner und Herr Müller-Lüdenscheidt zu entdecken sind, sondern der Loriot-Sketch auch im Festprogramm auftaucht, lässt erst Schlimmstes vermuten. Doch auch hier beweisen die Organisatoren Stil: Statt den Meister schlecht zu kopieren, lassen sie das Original laufen – und das ist immer noch umwerfend.

Umwerfend erinnert sich auch Moderator Lothar Kretzer an quälende Zurufe beim Freischwimmerversuch als Kind: „Dicker, zieh!“ sollte ihn über die Runden bringen. Heute ist er das kompakt-souveräne Bindeglied zwischen dem mitreißenden Monti-Chor, Peter Rinnes im Bademantel und mit Plastikhaube geschmetterten „Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu-Strand-Bikini“ und den Gastrednern. Bürgermeister Stefan Caplan macht gleich den Anfang und überreicht als Jubiläumsgeschenk eine Spardose in Badeentenform.

Ein Festakt, der beweist: Es braucht nicht immer 100 Jahre, um seine Bestimmung zu finden, manchmal reichen auch sechs: Die Zweifel an der Tauglichkeit des Kulturvereins als Träger haben sich jedenfalls in Luft aufgelöst wie einst das Fichtennadelaroma im Badewasser.

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