„Die drei von der Songstelle“ führen ihr Publikum durch Literatur und Musik von den 20er bis in die späten 60er Jahre.

Kabarett
Mit Sekt und Keksen arbeitete sich das Trio durch das fiktive Tagebuch von Hiltrud Meier.

Mit Sekt und Keksen arbeitete sich das Trio durch das fiktive Tagebuch von Hiltrud Meier.

Nicole Haase

Mit Sekt und Keksen arbeitete sich das Trio durch das fiktive Tagebuch von Hiltrud Meier.

Burscheid. Ruhe im Badehaus, erwartungsvolle Gesichter, allmählich irritierte Blicke. Auf der Bühne steht eine Wohnzimmereinrichtung, daneben ein Keyboard. Eine junge Dame sitzt auf einem Barhocker und blickt ins Publikum. „Möchte jemand Kekse“, fragt die Dame in das Schweigen hinein und reicht die Plätzchen ins Publikum.

Als ein „charmantes, spritziges Damentrio“ hatte der Burscheider Kulturverein „Die Drei von der Songstelle“ am Samstag angekündigt. Zumindest am Anfang ist davon nichts zu merken. Die Dame stellt sich als Enkelin von Hiltrud Meier vor. Deren Tagebuch, welches auf verschlungenen Wegen zu ihr gekommen ist, möchte sie nicht alleine lesen, weshalb sie ihre besten Freundinnen um Hilfe gebeten hat.

Es klingelt, die Tür öffnet sich und die zwei Erwarteten stürmen herein. Spritzig und charmant quasseln die Frauen dann wild durcheinander bis mit Sekt angestoßen wird und die Gastgeberin aufgeregt den ersten Tagebucheintrag aus dem Januar 1923 vorträgt: „Ich heiße Hiltrud und deswegen nenne ich dich, weil du ja auch ich bist, Hiltrud in rückwärts, also Durtlih“.

Schauspielerin und Pianistin Claudia Steffan inszeniert die Gastgeberin und führt, gesanglich unterstützt von ihren zwei Freundinnen Alexandra Romes und Antje Mallwitz, musikalisch und literarisch durch Hiltrud Meiers fiktives Tagebuch von den 20er bis in die späten 60er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Im Juni 1928 entdeckt Hiltrud Meier zufällig, dass sie eigentlich einen anderen Vater hat: „Mein Vater ist nicht mein Vater, ich bin die Tochter von Mackie Messer!“ Alexandra Romes und Antje Mallwitz intonieren daraufhin reizvoll die Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper. Die Zuhörer sind begeistert.

Interpretationen ziehen Publikum in einen nostalgischen Bann

Hiltrud Meier berichtet im Februar 1932, dass sie endlich ihr eigenes Cabaret eröffnet und dabei so aufgeregt sei, dass sie träumt „Morgenstern hätte mich zu meinem eigenen Schutz in eine Schnecke verwandelt“. Claudia Steffan setzt „das Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst“ von Christian Morgenstern schauspielerisch hervorragend um. Sie ringt mit sich selbst und schaut mit ihrem Kopf immer wieder durch das mit den eigenen Armen geformte Schneckenhaus.

„Die drei von der Songstelle“ überzeugen die Gäste im voll besetzten Badehaus. Auch literarisch wird aus den vier Jahrzehnten kaum etwas ausgelassen: Von Irmgard Keun, Bertold Brecht über Erich Kästner, Eugen Roth und Loriot – Hiltrud Meier ist ihnen allen begegnet und berichtet davon in ihrem Tagebuch.

Immer entlang am sehr persönlichen Lebensfaden, begonnen bei dem gegen den elterlichen Willen hart erkämpften Schauspielstudium, dem wachsenden Erfolg mit dem eigenen Cabaret, auch mit Fingerzeig auf die kulturellen Einschränkungen („dass wir so schlau waren, das Stallcafé Stallcafé zu nennen und nicht mehr Cabaret – die werden nämlich gerade reihenweise von der NSDAP geschlossen!“) und persönlichen Veränderungen im Dritten Reich wird der Zuschauer von den feinsinnigen musikalischen und schauspielerischen Interpretationen der Künstlerinnen in nostalgischen Bann gezogen. Zwei Zugaben müssen sein.

Leserkommentare


() Registrierte Nutzer