Jacintha Esther Kirubhaharan frittiert ihren Teig zu blumenähnlichen Gebilden. Aber auch die deutsche Plätzchenküche lieben ihre Kinder.

Jacintha Esther Kirubhaharan frittiert ihren Teig zu blumenähnlichen Gebilden. Aber auch die deutsche Plätzchenküche lieben ihre Kinder.
Jacintha Esther Kirubhaharan aus Südindien lebt schon 15 Jahre mit Ehemann und drei Söhnen in Burscheid. Zum ersten Mal hat sie sich jetzt an Plätzchen versucht, die aus Rohteig aus einem Fleischwolf gedreht werden.

Jacintha Esther Kirubhaharan aus Südindien lebt schon 15 Jahre mit Ehemann und drei Söhnen in Burscheid. Zum ersten Mal hat sie sich jetzt an Plätzchen versucht, die aus Rohteig aus einem Fleischwolf gedreht werden.

Doro Siewert

Jacintha Esther Kirubhaharan aus Südindien lebt schon 15 Jahre mit Ehemann und drei Söhnen in Burscheid. Zum ersten Mal hat sie sich jetzt an Plätzchen versucht, die aus Rohteig aus einem Fleischwolf gedreht werden.

Burscheid.In den Supermärkten gibt es bereits seit Monaten Lebkuchen, Spekulatius, Marzipanbrote und jede Menge anderer, früher einmal typischer Weihnachts-Artikel. Je nach Vorliebe findet sich auf den „süßen“ Tellern unterm Baum vieles davon wieder.

Der Ursprung des heutigen Weihnachtsgebäcks liegt vermutlich in den mittelalterlichen Klöstern. Zum Gedenken an die Geburt Jesu war erlesenes Backwerk üblich. Nach Hildegard von Bingen hoben die Gewürzzutaten in den Weihnachtsgebäcken zusätzlich die allgemeine Stimmung. Was wäre also das leckere Schnabulier-Sortiment ohne eine gut gemischte Auswahl an selbstverständlich selbstgebackenen Plätzchen? Ach ja! Die stille, besinnliche Zeit vor dem Fest! In den nordeuropäischen Ländern gibt es wohl keine treusorgende Hausfrau -und Mutter- in deren Terminkalender in großen Buchstaben zu sehen ist: „Spätestens morgen mit dem Plätzchenbacken anfangen!“ Zuerst riecht es in der Küche nach Mandeln, Nüssen, Zimt und Schokolade - dann wird die Arbeitsplatte blank gescheuert und auf ihr ein Hügel aus Mehl aufgeschüttet. In die Mitte vom Hügel gräbt die Hand der fleißigen Bäckerin eine Grube, leert darin geschickt ein bis drei Eier und beginnt mit generationsüberkommenen Griffen, die Masse zu einem Teig zu vermischen. Sollte etwas Dotter oder Eiweiß aus dem Mehlhügel entwischen, bleibt nichts anderes übrig, als die klebrige Masse wieder auf den richtigen Ort zu bugsieren. Wenn dann Zucker und weiches Fett sich ebenfalls einmischen, nimmt die geschmeidige Kugel langsam Formen an.

Plätzchen schmückten früher statt Kugeln den Weihnachtsbaum

Erstaunlicherweise interessieren sich sogar junge Mütter, die in keiner deutschen Familie aufgewachsen sind, für solche althergebrachten Gebräuche. Jacintha Esther Kirubhaharan aus Südindien lebt schon 15 Jahre mit Ehemann und drei Söhnen in Burscheid. In ihrem Gebäcksortiment fehlten aber bis jetzt die Plätzchen, die aus deutschen Fleischwölfen als platte Würste herausgedreht werden. Aufs Backblech drapiert, schön in Reihen wie Soldaten und doch in verschiedenen Mustern, kommen sie als goldgelbe Streifen aus dem häuslichen Backofen. Sollten sich in der betreffenden Küche noch weitere Helfer oder Zuschauer befinden, gibt es für die erste Lage duftender Spritzstreifen kein Entrinnen – sie verschwindet naturgemäß sekundenschnell in den wartenden Mündern der Feinschmecker jeden Alters. Nicht viel anders geht es den Herzen, Sternen und Bäumchen, die mittels Blech- oder Kunststoff-Formen aus einem glatt gestrichenen Teig heraus gestochen wurden. Nur wenn die Mutter es schafft, die begierigen Hände abzuwehren, kann es ein Teil der Plätzchen schaffen, mit Schokolade oder Zuckerguß ein noch appetittlicheres Aussehen zu bekommen. Als hübscher, zugleich nahrhafter und preiswerter Dekor schmückten sie früher einmal den Weihnachtsbaum anstatt glitzernder Kugeln.

In Jacinthas christlichem Elternhaus in Südindien wurde für die Festtage auch gebacken. Manches ist als Variante mit ins deutsche Sortiment geraten. Eins davon braucht ein wenig mehr Zeit: Achu Morroku – Blumen aus Teig, in Öl fritiert. Ihr Ehemann Albert liebt dieses Gebäck als Erinnerung an seine eigene Jugend. Die Kinder mögen aber auch die schnellen deutschen Ergebnisse.

Auch keine naturbegabten Backgenies wollen mitmischen

Ungeduldige „Mitesser“ sind aber nicht der einzige Grund, wohlwollende Adventsbäckerinnen nervös zu machen. Wie hier und da zu hören ist, nehmen auch solche Frauen dieses adventliche „Muss“ auf sich, die keine naturbegabten Backgenies sind und zur Not mit den Erzeugnissen anderer Hersteller zufrieden wären. Besonders die arbeitsaufwändigen Sorten – wie zum Beispiel Zimtsterne und dessen Verwandte – haben bei der ansonsten leidenschaftlichen Hausfrau aus Blecher keine Chance mehr, gebacken zu werden. „Ich esse Zimtsterne sehr gerne, also habe ich mich auch selbst einige Male daran versucht. Leider dauerte es hinterher viele Stunden, bis der letzte Rest klebriger Teigmasse zwischen meinen Fingern entfernt war; und der penetrante Geruch hing noch Tage später in der Küche.“ Dafür hält es die gebürtige Schwedin, die nicht genannt werden möchte, lieber mit den traditionellen Plätzchen ihrer Kindheit. Drömmar-Kekse sind im Norden bekannt und beliebt. Sie benötigen wenig Zutaten. Butter, Zucker, Öl und Mehl – Hirschhornsalz als Treibmittel – schon kann die Masse als walgroßgroße Kugeln aufs Blech und ins Backfach. Außerdem gehören Haferflockenkekse mit Schokolade, Friesenkekse und Punschrollen zum Standard. Chokladbiskvi hört sich nordisch an, schmeckt aber als Schokoladenbisquit genau so gut.

Adventszeit ohne selbstgebackene Plätzchen? Nur ja nicht! Trotz allem Überfluss in Ladenregalen würde Kindern wie Erwachsenen dieser Hauch von Heimeligkeit und Familienfreude damit ein gutes Teil fehlen. Und wenn die Dame des Hauses anderweitig zu beschäftigt ist? Vielleicht gibt es doch in Reichweite eine liebe Oma.

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