Was Werkstätten hier ausrangieren, verschifft Humphrey Muodiaju in seine Heimat. Dort leben seine Angehörigen davon.

Humphrey Muodiaju vor einem Berg von Altreifen in seiner Lagerhalle im Luisental. Alle paar Monate verschifft er eine Ladung in Richtung Westafrika, damit seine Familie in Nigeria ein bisschen Geld dazuverdienen kann.
Humphrey Muodiaju vor einem Berg von Altreifen in seiner Lagerhalle im Luisental. Alle paar Monate verschifft er eine Ladung in Richtung Westafrika, damit seine Familie in Nigeria ein bisschen Geld dazuverdienen kann.

Humphrey Muodiaju vor einem Berg von Altreifen in seiner Lagerhalle im Luisental. Alle paar Monate verschifft er eine Ladung in Richtung Westafrika, damit seine Familie in Nigeria ein bisschen Geld dazuverdienen kann.

Barbara Sarx

Humphrey Muodiaju vor einem Berg von Altreifen in seiner Lagerhalle im Luisental. Alle paar Monate verschifft er eine Ladung in Richtung Westafrika, damit seine Familie in Nigeria ein bisschen Geld dazuverdienen kann.

Burscheid. „195/60/15“ oder „205/60/15“ steht auf den Zetteln hinter den Gummibergen. Ordentlich, mitunter schon kunstvoll sind die Altreifen in der Halle des Colonia-Gewerbeparks im Luisental aufgeschichtet und nach Größe sortiert. Humphrey Muodiaju lacht: „In Deutschland muss alles ordentlich sein.“

Der 45-Jährige handelt mit dem, was Autowerkstätten hierzulande ausrangieren. Die gebrauchten Reifen – in Afrika werden sie in der Tat noch gebraucht. Muodiaju stammt aus Nigeria, doch seine Reifen setzt er nicht in seinem Heimatland ab, sondern in ganz Westafrika.

„Egal was man tut, man muss es beherrschen.“

Ein mühsames Geschäft. Bei den meisten Werkstätten kann er nicht auswählen, sondern muss gleich alle Reifen nehmen. Die bekommt er zwar kostenlos, aber dafür muss er auch für die nicht billige Entsorgung der Altreifen sorgen, die selbst für Afrika nicht mehr taugen. „Die Straßen bei uns sind schlecht. Darum brauchen wir dort höhere Reifen als in Europa.“

Seit März vergangenen Jahres ist der Nigerianer, der seit 16 Jahren in Deutschland lebt, in den Reifenhandel eingestiegen. Die Konkurrenz ist groß: Türken, Polen und Afrikaner tummeln sich in dem Geschäft, das kaum feste Partner kennt: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“

Nach der Frühschicht von Werkstatt zu Werkstatt

Kein leichter Job, neben seiner Arbeit als Hilfsarbeiter bei Mannesmann in Langenfeld noch von Werkstatt zu Werkstatt zu tingeln, nach der Früh- oder Nachtschicht oder an freien Tagen. „Ich lerne noch“, sagt er. Den richtigen Blick, welche Reifen geeignet sind und welche nicht. „Egal was man tut, man muss es beherrschen.“

Eine Arbeit, die er nicht für sich selbst macht. Früher hat er Geld nach Nigeria geschickt. „Man muss immer seine Familie unterstützen. Bei uns gibt es kein Sozialamt.“ Heute schickt er stattdessen einen gebrauchten Transporter voller Altreifen, verschifft in Antwerpen. Am Zielhafen wird der Wagen von einem seiner beiden Brüder abgeholt. Der kümmert sich um den Verkauf der Reifen, in Ghana beispielsweise oder in Kamerun. Am Ende wird auch der Transporter verkauft. Und die Familie hat wieder ein bisschen Geld zum Überleben.

„Was ich selbst geschaffen habe, darauf kann ich stolz sein.“

2010 ist Muodiajus Frau Victoria aus Nigeria nachgekommen und lebt jetzt mit ihm in Leichlingen. Im März erwarten die beiden ihr erstes Kind. Darum waren sie im vergangenen Jahr auch nicht in der Heimat. Ansonsten ist der jährliche Besuch gesetzt. Und alle vier bis fünf Monate kommt eine Altreifenladung als Unterstützungsgruß aus Burscheid.

Dass unter dem Strich nicht viel übrigbleibt und für ihn persönlich gar nichts, hält ihn nicht ab. „Was ich selbst geschaffen habe, darauf kann ich stolz sein. Man muss selber kämpfen. Das ist doch besser als Hartz IV.“

Sagt es, lacht und gibt sich an die neueste ausgekippte Ladung von Altreifen. So unordentlich können die hier nicht liegenbleiben. „Wenn es im Lager keine Ordnung gibt, muss ich zu lange suchen.“ Und in Deutschland muss ohnehin alles ordentlich sein. Das hat er längst gelernt.

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