Die katholische Kirche lädt zur Zigeunerwallfahrt ein. Eine Woche lang leben die Teilnehmer auf der Wiese neben dem Dom.

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Der Mann mit dem Hut und der Geige: Walter Steinberger (76). (Fotos (2): Barbara Sarx)

Der Mann mit dem Hut und der Geige: Walter Steinberger (76). (Fotos (2): Barbara Sarx)

Der Mann mit dem Hut und der Geige: Walter Steinberger (76). (Fotos (2): Barbara Sarx)

Altenberg. "Die Freiheit ist das Wichtigste", sagt Walter Steinberger. Der Mann mit dem Hut ist 76 Jahre alt und der älteste Teilnehmer der Zigeunerwallfahrt in Altenberg. Wenn er auf seiner Geige spielt, kommen die anderen meist schnell aus ihren Zelten und Wohnwagen. Freiheit, reisen und mit anderen Menschen feiern - das sei das Schöne an solchen Wallfahrten. "Bei uns Zigeunern ist es ja so, dass man überall aufgenommen wird und auch andere immer aufnimmt."

Es ist Mittagszeit. Die Familien sitzen in der Sonne, einige Frauen kochen. Auf der Wiese neben dem Altenberger Dom haben die Sinti und Roma ihr Lager aufgeschlagen: Schon seit Dienstag stehen dort etwa 40 Wohnwagen. Und am Sonntag findet im Dom die Messe zur sogenannten Zigeunerwallfahrt mit der Krönung einer Marienfigur statt.

Die katholische Kirche verwendet den umstrittenen Begriff Zigeuner - "es ist im Vatikan der Begriff für etwa 20 verschiedene Gruppen", sagt Monsignore Wolfgang Miehle. Er ist bei der Deutschen Bischofskonferenz Beauftragter für die "Seelsorge am Menschen unterwegs", also insbesondere für Migranten, aber auch für Schausteller und Seeleute. "Mit dem Zigeuner-Begriff gibt es in Deutschland gewisse Schwierigkeiten", gibt Miehle zu. Allerdings bezeichnen sich die meisten Teilnehmer der Wallfahrt auch selbst als Zigeuner.

In Deutschland leben etwa 250 000 Sinti und Roma. "Es gibt Gruppen, die mit dem Wohnwagen herumreisen", sagt Miehle, "aber die meisten haben heute auch einen festen Wohnsitz."

Pfarrer Jan Opiela lebt in der Wallfahrtswoche ebenfalls in einem Wohnwagen neben dem Dom. "Die Deutschen glauben noch an das Märchen vom lustigen Zigeunerleben", sagt er. Die meisten der Sinti und Roma gingen aber einer "normalen" Beschäftigung nach, viele hätten mit Vorurteilen zu kämpfen.

"Als Zigeuner kann man auch nicht mehr so reisen wie früher"

Walter Steinberger lebt in einer Siedlung in Köln, aber wenn es die Zeit zulässt, reist er auch mit seiner Familie im Wohnwagen. "Der beste Demokrat ist der Zigeuner", sagt er und lacht. "Er will nur seine Freiheit."

Eine Freiheit, die Steinberger nicht immer hatte: Als Kind kam er in ein nationalsozialistisches Arbeitslager, berichtet er - erst mit zwölf Jahren kam er frei. "Dann war es natürlich schwierig mit der Schule." Das ABC, ein bisschen Lesen und Schreiben hat er sich später selbst beigebracht.

Luhwana Mettbach ist mit ihrer Familie zur Wallfahrt nach Altenberg gekommen. Sie arbeitet als Erzieherin in Köln. "Als Zigeuer kann man auch nicht mehr so reisen wie früher", sagt sie. Aber wenn sie im Job Urlaub macht, ist sie meist mit dem Wohnwagen unterwegs. Dieser Freiheitsdrang zeige sich aber nicht nur im Reisen, sondern auch tief im Unterbewusstsein, sagt Pater Jozef Lancaric von der katholischen Zigeunerseelsorge, der am Sonntag zusammen mit Monsignore Miehle die Messe gestaltet: "Es gibt in ihrer Sprache keine Zukunftszeit." Es geht nur um das Hier und Jetzt.

Noch bis zur Messe am Sonntagabend dreht sich also alles um die Wallfahrt, die Feier und die Treffen am Lagerfeuer. Erst danach geht es wieder zurück - vom "Zigeunerleben" in den Alltag.

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