Den Norwegern sind die deutschen Strompreise zu hoch. Einer ganzen Hütte droht die Stilllegung.

Ein Blick in die Produktion von Norsk Hydro in Neuss.
Ein Blick in die Produktion von Norsk Hydro in Neuss.

Ein Blick in die Produktion von Norsk Hydro in Neuss.

dpa

Ein Blick in die Produktion von Norsk Hydro in Neuss.

Rhein-Kreis Neuss. Am kommenden Mittwoch könnte sich die Zukunft von Deutschlands größter Aluminiumhütte in Neuss entscheiden. Dann steht auf einer Präsidiumssitzung des Aufsichtsrats von Norsk Hydro das Überleben des Neusser Rheinwerks auf der Tagesordnung.

Wegen der hohen Energiekosten und der niedrigen Aluminiumpreise stehen in Neuss 650 Arbeitsplätze auf dem Spiel, gefährdet sind auch 150 Stellen bei der Instandhaltung - in der Region könnten bis zu 5000 Arbeitsplätze betroffen sein.

Hydro erzeugt im Neusser Rheinwerk jährlich 230000 Tonnen Flüssigmetall. Bereits ab Sonntag fährt der Konzern die Produktion um 13 Prozent der Jahresleistung herunter. Am Mittwoch hat Hydro angekündigt, die Gesamtproduktion im Konzern um 170000 Tonnen pro Jahr zu senken, weitere Kürzungen sind nicht ausgeschlossen.

Dies betrifft in erster Linie Neuss. Denn jede Tonne Aluminium beschert dem Werk hohe Verluste. Der Grund: Seit 2003 habe sich der Strompreis verdreifacht und mache nun 50 Prozent der Kosten aus, erklärt Werksleiter Bernhard Eich: "Das sind Mehrbelastungen von 170 Millionen Euro jährlich."

Am Mittwoch gab der Konzern Zahlen bekannt: 395 Millionen Euro muss Hydro abschreiben. Etwa 158 Millionen Euro davon führt das Unternehmen auf die teure Neusser Produktion und eine Fabrik in Jamaika zurück.

Stimmung in der Belegschaft ist sehr gedrückt

Der weltweit drittgrößte Aluminium-Hersteller beschäftigt 23000 Mitarbeiter in mehr als 40 Ländern, Hauptsitz ist Norwegen. Hydro beschäftigt im Rheinwerk Neuss 650 Mitarbeiter, mit 1900 Beschäftigten ist das Erftwerk in Grevenbroich das größte im gesamten Hydro-Konzern.

Der norwegische Konzern Norsk Hydro hat im letzten Quartal einen Ergebnisrückgang verbucht. Der Gewinn vor Steuern sank gegenüber dem Vorjahr um 45 Prozent auf 1,49 Milliarden norwegische Kronen, der Umsatz um neun Prozent auf 21,77 Milliarden Kronen. Die neuen Quartalszahlen will Hydro am 19. Februar nennen.

Das Wirtschaftsministerium in Berlin hatte am Freitag angekündigt, kurzfristig ein Konzept zur Stromkosten-Kompensation vorzuschlagen. Im Kreis Neuss schauen viele Beschäftigte mit bangem Blick den nächsten Wochen entgegen.

"Die Stimmung in der Belegschaft ist sehr gedrückt, die Kollegen werden zunehmend unruhiger", sagte am Mittwoch Hydro-Betriebsratsvorsitzender Günther Appelstiel - und kündigte eine Kundgebung der Beschäftigten vor den Werkstoren an.

Hoffnung macht ein Gespräch mit Ministerin Thoben am Montag. Doch trotz aller Bekundungen ist Appelstiel nicht optimistisch: "Bei den Strompreisverhandlungen hat sich noch nichts bewegt, es gibt keine greifbaren Ergebnisse", sagte Appelstiel. "Wir wollen jetzt die Öffentlichkeit wachrütteln."

Verhandlungen gibt es derzeit unter anderem mit RWE. Die hatten den Großkunden bereits früher beliefert; derzeit kauft Hydro direkt an der Strombörse in Leipzig. Hier sind die Preise seit dem Sommer 2008 übrigens drastisch gefallen.

Bei RWE gibt man sich zurückhaltend: "Wir haben natürlich Interesse daran, dass deutsche Industrieunternehmen am Standort bleiben. Doch wir können keine politischen Preise machen", sagt Annett Urbaczka für den Essener Konzern.

Allerdings hat RWE mit einem Alu-Hüttenwerk in Hamburg einen Vertrag, in dem die Strompreise an den aktuellen Aluminiumpreis gekoppelt sind.

 "Dieses Modell haben wir auch Hydro vorgeschlagen", so die RWE-Sprecherin. Mit einer Leistung von etwa 400 Megawatt im Jahr benötigt Hydro die Leistung eines mittleren Kraftwerksblocks.

Nach einer kurzfristigen Einigung sieht es jedenfalls nicht aus. Doch die tut Not. Denn inklusive der Verarbeitung sind im "magischen Dreieck" der Aluminiumproduktion - Hydro, Alunorf in Neuss und das Walzwerk Grevenbroich - bis zu 5000 Beschäftigte betroffen.

Gerade dieser Verbund sei bislang ein großer Vorteil gegenüber der Konkurrenz. "Die Schließung des Rheinwerks würde diesen Wettbewerbsvorteil deutlich schwächen. Dann sind wir auf den Import von Kaltmetall angewiesen", erklärt Hydro-Sprecher Michael Peter Steffen.

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