„Die Hausse stirbt in der Euphorie“, „Hin und Her macht Taschen leer“, es existieren viele Börsenweisheiten, die nach wie vor kursieren. In diesem Artikel beleuchten wir die Frage, inwieweit diese heute in der Praxis anwendbar sind.

„The trend ist your friend“

Hierbei handelt es sich um eine der wichtigsten Börsenweisheiten. Im Gegensatz zum sogenannten antizyklischen Handel sollte der Anleger auf Aktien setzen, die einen klaren und intakten Aufwärtstrend vorweisen. Statistisch ist es wahrscheinlicher, dass sich der vorherrschende Trend eine gewisse Zeit fortsetzt, bis dieser dann irgendwann beendet wird. Es macht daher keinen Sinn, in einem Aufwärtstrend auf fallende Kurse zu spekulieren. Um einen Trend zu identifizieren, wird oft der beliebte 200-Tage-Durchschnitt verwendet. Steigt die Glättungslinie, und der Kurs des Basiswertes liegt darüber, sind weiter anziehende Notierungen denkbar.

Im Beispiel ist der DAX auf Tagesbasis mit der besagten 200-Tage-Linie zu sehen. Sehr ausgeprägt sind vor allem die Phasen steigender Notierungen. Dreht der beliebte Trendfolgeindikator nachhaltig nach unten, sollten sich die Investoren von den betreffenden Aktien trennen.

In diesem Zusammenhang dürfte auch die Börsenweisheit „never catch a falling knife“ bekannt sein. Es ist also äußerst ratsam, nie in ein fallendes Messer zu greifen. Die Gefahr, Geld zu verlieren, ist dann am größten. Um dieses Risiko zu minimieren, findet die bereits erwähnte 200-Tage-Durchschnittslinie ihren Einsatz. Im Beispielchart des DAX sind Phasen fallender Kurse zu sehen. Es macht wenig Sinn, bereits zu diesem Zeitpunkt zu investieren, auch wenn die niedrigen Notierungen durchaus verlockend sind.

WZ_DAX_061318_550.jpg Der DAX mit 200-Tage-Linie

Gewinne laufen lassen, Verluste begrenzen

Diese Börsenweisheit entscheidet über Sieg oder Niederlage an der Börse. Die meisten Anleger verfahren eher umgekehrt. Zu oft werden kleine Gewinne realisiert, Verluste lässt man dagegen laufen, weil der Marktteilnehmer glaubt und hofft, die Position drehe noch in die Gewinnzone. Aus diesem Grund sollte beim Kauf einer Aktie ein Stopp Loss gesetzt werden. Dies ist eine sogenannte „Reißleine“, die gezogen werden sollte, wenn es nicht wie erwartet gen Norden geht und die Position im Verlust ist. Damit schützt der Anleger sein Kapital. Geht es aber in die gewünschte Richtung, empfiehlt es sich, den genannten Stopp Loss um beispielsweise zehn bis 15 Prozent nachzuziehen. Irgendwann schließt der Wert unterhalb des nachgezogenen Stopp Loss und die Position wird mit Gewinn verkauft.

Info zum Autor: Christian Henke (Senior Market Analyst bei IG) ist seit 2001 im Finanzsektor tätig und interessiert sich seit dem Studium der Betriebswirtschaft für das Thema Technische Analyse.


Nicht mit den Banken anlegen

„Spekulieren nie gegen die Notenbanken“

Dieses Zitat wird jeder VWL-Student unterschreiben. Die eher im angelsächsischen Raum verbreitete Börsenweisheit, konnte sich langfristig fast immer beweisen und ist einfach umsetzbar. Diese Börsenweisheit ist sozusagen das Gesetz der Geldanlage. Niemand, auch nicht die ganz Großen unter uns, sind wirklich mächtig genug, um sich langfristig mit den großen Notenbanken dieser Welt anzulegen.

Im Jahr 1992 konnte jedoch auch diese Börsenweisheit zumindest kurzfristig wiederlegt werden. Im September 1992 lösten wilde Spekulationen gegen das britische Pfund Sterling, das als überbewertet angesehen worden war, eine Krise des Europäischen Währungssystems (EWS) aus. Die Bank of England versuchte, durch Milliardenaufkäufe den Abverkauf des Pfunds zu stoppen, was jedoch misslang. Infolgedessen musste das Vereinigte Königreich das Pfund abwerten und schied aus dem EWS aus. Für die britische Regierung bedeutete das Ereignis einen schweren Prestigeverlust. Spekulanten wie unter anderem George Soros erzielten dagegen Milliardengewinne.

GBPUSD-Schwarzer-Mittwoch_550.jpg Der schwarze Mittwoch 1992

„Nicht alle Eier in einen Korb legen”

Dieser einfache und intuitive Leitsatz ist ein unabdingbarer Weggefährte eines jeden Anlegers, sowohl kurz- aber insbesondere langfristiger Natur. Eine breite Streuung von Anlagen, senkt das Risiko eines Portfolios. Dies hat der Erfinder der modernen Portfoliotheorie Harry Markowitz bereits im Jahr 1952 nachgewiesen. Dafür erhielt er sogar den Wirtschaftsnobelpreis. Er wies nach, dass eine breite Streuung auf mehrere Anlageklassen wie Aktien, Anleihen, Gold oder Immobilien das Risiko im Portfolio signifikant senkt.

Der Grundgedanke ist: Jede Anlageklasse reagiert unterschiedlich auf Entwicklungen am Finanzmarkt. Wenn eine Anlageform in eine Abwärtsphase gerät, entwickeln sich andere möglicherweise sogar positiv oder sind gar nicht betroffen. Dieser Zusammenhang wird im Fachjargon Korrelation bezeichnet.

Fondsmanager nutzen bei der Zusammensetzung des Portfolios den Diversifikationseffekt und damit die Korrelation bewusst aus. Die Auswahl und Gewichtung der einzelnen Anlagewerte erfolgt dabei unter Chance- und Risikoaspekten. Die Ertragserwartungen und die Einschätzung der Risiken ändern sich im Laufe der Zeit. Dementsprechend ändert sich auch die Positionierung der einzelnen Anlageklassen in Portfolios.

Die Kunst des Fondsmanagements und jedes einzelnen Anlegers besteht darin, das gesamte Portfolio optimal auf Basis der aktuellen Einschätzung der Kapitalmärkte und den eignen Bedürfnissen zusammenzusetzen.

Info zum Autor: Seit gut zwölf Jahren beschäftigt sich Salah-Eddine Bouhmidi, Finanzmarktanalyst bei DailyFX, mit dem Börsengeschehen.


Im Mai verkaufen?

„Sell in May and go away“

Eine weit verbreitete Börsenweisheit lautet „Sell in May and go away“. Diese zielt auf die Saisonalität im Aktienmarkt ab, denn historisch betrachtet und im Durchschnitt sollen die Monate Mai bis September die schwächste Phase eines Jahres darstellen. Wenn man dabei einen sehr langen Zeitraum betrachtet, dann kann das zutreffend sein, allerdings unterliegen die Märkte einem stetigen Wandel, sodass diese Aussage in der Betrachtung der letzten zehn Jahre weniger zuverlässig sein kann, als in der Betrachtung der letzten 50 Jahre.

Der Markt hat immer Recht

Der Börsenhandel hat immer etwas mit Prognosen, also auch Entscheidungen, zu tun. Börsenhändler neigen daher oft dazu, den Erfolg mit dem „Recht behalten wollen“ in Verbindung zu bringen. Das kann so weit gehen, dass Signale, die der Markt in Form des Kursverhaltens aussendet, ignoriert werden. Beispielsweise dann, wenn man an Aktien festhält, die sich aus fundamentalen Gründen in einem freien Fall befinden, der Anleger aber glaubt, er müsste an seiner dem Markt gemäß eigentlich nicht mehr gültigen Analyse festhalten. Man stellt sich förmlich gegen den Markt. Dieser aber immer oder zumindest laut Experten meistens Recht. Die eigene zuvor gemachte Analyse sollte infrage gestellt werden.

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Die Saisonalität des Aktienmarktes: S&P 500 durchschnittliche Performance nach Monaten seit 1950

Politische Börsen haben kurze Beine

Die Aussage bezieht sich auf direkte politische Risiken für den Aktienmarkt, etwa den Ausgang einer Landeswahl oder Referenda. In der Regel werden diese Risiken sehr schnell und dynamisch eingepreist, anschließend erholen sich die Märkte. Gute Beispiele dafür waren die letzten US-Wahlen sowie das Brexit-Referendum. Die Erwartungen waren in beiden Fällen sehr negativ. Die Reaktionen gleich im Anschluss an den Ausgang waren zwar sehr dynamisch, aber kurzfristig. Ein möglicher Grund für diese Verhaltensweise könnte sein, dass die tatsächlichen politischen Veränderungen in der Regel einen größeren Zeitraum in Anspruch nehmen.

Info zum Autor: David Iusow, Finanzmarktanalyst bei Daily FX