Mehr Lohn oder mehr Freizeit lautet die Wahl für immer mehr Beschäftigte. Die IG Metall hat den Trend erkannt und einen innovativen Tarifabschluss gezimmert. Gustav Horn, Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, dazu im Kurzinterview:

Mai-Steuerschätzung
Gustav Horn, der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung

Gustav Horn, der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung

Kay Nietfeld

Gustav Horn, der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung

Herr Horn, die IG Metall hat ein individuelles Recht auf Verkürzung der Arbeitszeit erkämpft. Wie passt das zum allseits beklagten Fachkräftemangel in Deutschland?

Gustav Horn: Flexibilität stellt sich aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmersicht unterschiedlich dar. Für die Unternehmen könnten die Mitarbeiter sozusagen rund um die Uhr verfügbar sein, was aber natürlich in der Praxis ein Unding ist. Auch die Arbeitnehmer wollen Flexibilität, aber ausgerichtet an ihren persönlichen Bedürfnissen. Also etwa, wenn es um Kinderbetreuung oder die Pflege naher Verwandter geht. Dafür können sie nun künftig verkürzt arbeiten. Das ist ganz in ihrem Interesse.

Also dürfte sich das Fachkräfteproblem in der Branche noch verschärfen.

Horn: Nein. Denn der Tarifabschluss hat ja noch eine andere Dimension: Im Gegenzug zur Arbeitszeitverkürzung können Unternehmen mehr Mitarbeiter länger – nämlich bis zu 40 Wochenstunden – beschäftigen, als das bisher möglich war. Das ist im Interesse der Arbeitgeber, die dadurch mehr Flexibilität in ihrem Sinne gewinnen.

Genau das hätte die IG Metall ja auch am liebsten verhindern wollen ...

Horn: Tarifverhandlungen sind immer ein Geben und Nehmen. Jede Seite bringt ihre Interessen ein. Die einen die Flexibilität nach oben und die anderen die Flexibilität nach unten. Nun hat man beides. So ist das bei einem Kompromiss.

Rechnen Sie überhaupt mit einer starken Inanspruchnahme der Arbeitszeitverkürzung? Schließlich gibt es dafür keinen Lohnausgleich.

Horn: Aber der gesamte Lohnkuchen ist doch größer geworden. Da fällt es auch leichter, auf Lohn zu verzichten, wenn man dafür mehr Zeit zur eigenen Verfügung bekommt. Auch wenn die Masse der Beschäftigten möglicherweise nicht davon Gebrauch macht, so kann doch jeder einmal in die Situation kommen, in der Zeit wertvoller als Geld ist. Und es ist gut zu wissen, dass für eine solche Situation tarifvertraglich vorgesorgt ist.

Bislang gibt es nur ein Recht, von Vollzeit in Teilzeit zu wechseln. Der Tarifabschluss sieht auch den umgekehrten Weg vor. Welche Bedeutung hat das aus Ihrer Sicht?

Horn: Das ist wahrscheinlich die größte Errungenschaft dieses Tarifabschlusses. Es gibt viele Fälle, in denen jemand auf Teilzeit geht und die Karriere dadurch einen Knick bekommt. Deshalb tendiert auch der Anreiz für Männer, diesen Weg einzuschlagen, praktisch gegen null. Künftig gibt es eine tarifliche Absicherung, die eine Rückkehr in Vollzeit garantiert. Dadurch wird es auch attraktiver, diese Möglichkeit zu nutzen.

Sie meinen, das Beispiel wird Schule machen?

Horn: Ja, auf jeden Fall. Nicht nur in der gesamten Metall- und Elektroindustrie wird das Beispiel Schule machen, sondern auch noch weit darüber hinaus. Die betriebliche Wahlmöglichkeit, mehr Geld oder mehr freie Zeit, ist in dieser Form noch nicht dagewesen. Aber sie entspricht der allgemeinen Tendenz, weil sie den Bedürfnissen der Menschen entgegenkommt. vet

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