Wie viel muss der Bürger von jedem zusätzlich verdienten Euro abgeben? Menschen mit höheren Einkommen schneiden besser ab.

Wie viel muss der Bürger von jedem zusätzlich verdienten Euro abgeben? Menschen mit höheren Einkommen schneiden besser ab.
Ein Euro mehr Einkommen bedeutet noch lange nicht, einen Euro mehr im Portemonnaie zu haben.

Ein Euro mehr Einkommen bedeutet noch lange nicht, einen Euro mehr im Portemonnaie zu haben.

dpa

Ein Euro mehr Einkommen bedeutet noch lange nicht, einen Euro mehr im Portemonnaie zu haben.

Gütersloh. Leistung lohnt sich längst nicht immer – das ist das Ergebnis einer Studie von Bertelsmann Stiftung und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Untersucht wurde die „effektive Grenzbelastung“ und damit die Frage: Wie viel muss der Bürger von einem zusätzlich verdienten Euro wieder durch Steuern, Sozialversicherungsbeiträge oder die Kürzung von Sozialleistungen abgeben? Ergebnis der Analyse: Spitzenverdienern bleibt vom zusätzlich verdienten Euro mehr im Portemonnaie als Geringverdienern.

Anhand einzelner Musterhaushalte rechneten die Experten durch, wie der Bürger durch das Zusammenspiel von Steuern, Sozialabgaben und staatlichen Transferleistungen belastet wird: So bliebe etwa einem Singlehaushalt mit einem Jahresbruttoeinkommen von 17 000 Euro von einem zusätzlich verdienten Euro gar nichts übrig, weil in diesem Fall gleichzeitig die Arbeitslosengeld II-Bezüge gekürzt werden. Ein Singlehaushalt mit einem Jahresbrutto von 75 000 Euro behielte dagegen 56 Cent vom zusätzlichen Euro übrig. Bei einem Ehepaar mit zwei Kindern, bei dem nur einer verdient, sieht es so aus: Bei einem Jahresbrutto von 40000 Euro behält das Paar von jedem zusätzlich verdienten Euro 56 Cent. Einem vergleichbaren Haushalt mit einem Jahresbrutto von 90 000 Euro bliebe mit 66 Cent deutlich mehr.

Forderung, dass der Gesetzgeber gegensteuert

Auch Alleinerziehende sind im unteren Einkommensbereich stark belastet. Bis zur Einkommensschwelle von 23 800 Euro beträgt die Grenzbelastung bei ihnen über 60 Prozent, das heißt: von einem zusätzlich verdienten Euro bleiben nur 40 Cent.

Wirtschaftsexpertin Manuela Barisic von der Bertelsmann-Stiftung weist darauf hin, dass ein Lohnzuwachs für einen Arbeitnehmer zuweilen unter dem Strich sogar ein Minusgeschäft ist: „In einigen Fällen finden wir Grenzbelastungen von über 120 Prozent, der hinzuverdiente Euro sorgt damit für 20 Cent netto weniger in der Haushaltskasse.“

Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, fordert daher: „Mehr Arbeit und Lohn müssen sich für die Krankenschwester genauso auszahlen wie für den Unternehmensberater. Dass sich mehr Erwerbsarbeit lohnt, ist eines der zentralen Prinzipien der Sozialen Marktwirtschaft.“

Die für die Studie untersuchte effektive Grenzbelastung gibt an, welcher Anteil eines zusätzlich verdienten Euros aufgrund von Beiträgen zur Sozialversicherung, Einkommensteuern oder durch den Entzug von Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld, Wohngeld oder Kinderzuschlag wieder abgegeben werden müsste. Damit wirkt sie auf den Anreiz zu (Mehr-)Arbeit. Das Ansteigen der Grenzbelastung und die allgemein hohe effektive Grenzbelastung im Sozialbereich machen größere Anstrengungen unattraktiv und verlocken nicht zu zusätzlicher Arbeit.

Der Grenzsteuersatz gibt an, wie viel von einem zusätzlich verdienten Euro an Einkommensteuer gezahlt werden muss. Im Gegensatz zur effektiven Grenzbelastung wird bei diesem Konzept die Einkommensteuer isoliert betrachtet. Grenzsteuersätze steigen in Deutschland mit steigendem Einkommen bis zum Spitzensteuersatz. Deshalb spricht man auch von einem progressiven Steuersystem – höhere Einkommen müssen einen höheren Anteil ihres Einkommens an Steuern zahlen.

Die Macher der Studie empfehlen dem Gesetzgeber, Einkommensteuer, Sozialabgaben und Transferleistungen besser aufeinander abzustimmen. Eine koordinierte Transferzahlung aus Kinderzuschlag, Wohngeld und Arbeitslosgengeld mit einem konstanten Transferentzug von 60 Prozent führe zu weniger Einkommensungleichheit und bringe darüber hinaus auch Beschäftigungsanreize, weil den Menschen dann, wie es oft in Wahlkampfzeiten versprochen wird, mehr Netto vom Brutto bleibt. Auch ein Abschied vom Ehegattensplitting, das einen Mehrverdienst für den schlechter verdienenden Ehepartner oft unattraktiv mache, könne positive Wirkungen haben.

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